Von Nazis und Islamisten

Stefan Weidner1.12.2009Gesellschaft & Kultur, Politik

Die deutsche Nachkriegsgeschichte könnte ein Beispiel dafür sein, wie der Westen heutzutage mit dem Islamismus umgehen könnte: Er muss ein glaubwürdiges Versprechen geben, dass er ein besseres Leben zu bieten hat.

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Der gewaltbereite islamische Fundamentalismus macht mit dem Islam, was der Nationalsozialismus mit dem deutschen Patriotismus gemacht hat. Beide sind eine leichte Beute für Demagogen, denn es gibt keine allgemein akzeptierte Autorität, die über den richtigen, guten Patriotismus oder Islam entscheidet. Beide scheren sich nicht um das Leben ihrer Anhänger. Beide fühl(t)en sich gedemütigt, bedrängt, sehn(t)en sich nach dem Retter. Beide kultivier(t)en in diesem Klima den Hass auf die Juden. Beide bringen ein intellektuelles Klima hervor, in dem das Ressentiment blüht, der Dekadenzvorwurf, die Verschwörungstheorie, die Wahnidee von kultureller Reinheit, die Welteroberungsfantasie, apokalyptische Visionen und Ängste. Nie muss der Patriotismus in einen Faschismus, der Islam in den Islamismus übergehen, aber er kann und wird es unter gewissen Umständen. Leider sind von den Rezepten, mit denen man den Faschismus bekämpft, ausgerechnet die besten kaum für die Bekämpfung des Islamismus geeignet. Vor einem neuen Faschismus hüten wir uns durch die Einhegung und politische Entschärfung patriotischer Gefühle, durch den weitgehenden Verzicht auf patriotische Diskurse als Mittel innenpolitischer Polarisierung.

Patriotismus funktioniert anders als religiöser Glaube

Dies funktioniert nicht zur Entschärfung einer Religion. Hinzu kommt, dass diese nicht nur einfach älter und damit fester verwurzelt ist als jeglicher Patriotismus, gleich wo auf der Welt. Sie bestimmt das Selbstverständnis ihrer Anhänger auch auf umfassendere Weise. Wenn man die radikalen Ausprägungen der Religion gewaltsam bekämpfen will, tritt das weitere Problem hinzu, dass man sie, anders als den radikalen Patriotismus, nicht in einem Land oder auch nur in einer Gruppe von Ländern treffen kann. Was also tun? Wieder liefert das deutsche Beispiel das beste Anschauungsmaterial. Der militärische Sieg gegen den Nationalsozialismus allein hätte nicht gereicht, um die Mehrheitskultur gegen ihn so weitgehend zu immunisieren, auch keine bloß kulturelle Reedukation. Das beste Mittel war das Versprechen eines besseren Lebens. Genauer gesagt: Es war das gehaltene, erfüllte Versprechen eines besseren Lebens. Seine Glaubwürdigkeit erwies sich im Wirtschaftswunder schlagend schnell.

Misstrauen dem Westen gegenüber

Nun existiert ein derartiges Versprechen des Westens auch gegenüber der islamischen Welt. Es ist nicht ganz so explizit und selbstverpflichtend formuliert wie das der Westmächte gegenüber der Bundesrepublik, aber es steht dennoch im Raum und wird zumindest – insinuiert. So jedenfalls sehen es viele Muslime. Ein Versprechen, das man nicht halten kann, ist aber schlimmer als ein nicht gegebenes Versprechen. Und es ist ja keineswegs so, dass Muslime oder wer auch immer in den ärmeren Weltteilen nicht über ein Wirtschaftswunder und die entsprechende politische Partizipation von den Radikalisierungen abzubringen wären. Um den Vergleich mit Deutschland zu Ende zu führen, müssten wir daher fragen, ob wir uns auch nur annährend so integer, gebe- und investitionsfreundlich gegenüber der islamischen Welt verhalten, wie es die Westmächte Deutschland gegenüber taten. Eher, würde ich sagen, verhalten wir uns gegen die islamische Welt wie die Sowjetunion gegen die DDR. Das hat noch nicht einmal gereicht, der Nazi-Ideologie in Ostdeutschland gründlich den Boden zu entziehen. Wie sollte es genügen, einer Radikalisierung den Garaus zu machen, die weitaus tiefere Bewusstseinsschichten des Menschen betreffen kann als jeder Nationalstolz, nämlich eine 1.400 Jahre alte Religion?

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