Der Ausweg für Donald Trump und Kim Jong-un

von Stefan Reutter29.05.2018Außenpolitik, Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik

Ob ausgerechnet diese beiden polarisierenden Charaktere jemals bereit sind, sich auf den jeweils anderen einzulassen? Trump ist und bleibt ein unberechenbarer, unkalkulierbarer Mensch. Und auch Kim Jong-un hat klare Forderungen. Aber wer Frieden will, muss nunmal streiten können.

Es hätte ein historisches Treffen werden können, das am 12. Juni in Singapur stattfinden sollte. Der US-Präsident Donald Trump und das nordkoreanische Staatsoberhaupt Kim Jong-un waren bereit für ein gemeinsames Gespräch. Ein Ereignis, das lange Zeit undenkbar war und mit dem viele Menschen nicht mehr gerechnet haben – schon gar nicht nach all den öffentlichen Beleidigungen und Drohungen, die die beiden sich seit Monaten an den Kopf werfen. Und dass ausgerechnet Rüpel-Präsident Trump den koreanischen Machthaber dazu bringt, eine Einladung auszusprechen …
Ach, es hätte so schön werden können … Meiner Meinung nach lag dieses aufeinander Zugehen daran, dass die beiden endlich bereit waren zu streiten!

Wie im Kindergarten

Sie denken, das machen die beiden schon seit Monaten? Eben nicht. Das, was bisher medienwirksam ausgebreitet wurde, war lediglich ein Duell. Der Unterschied ist entscheidend. Und folgenschwer. Das, was die meisten Menschen in unserer Gesellschaft für Streit halten und gerne irgendwie weghaben möchten, ist eigentlich ein Duell. Und das geht so: Einer fängt mit einer Beleidigung an, einer Unverschämtheit, damit, einen anderen – oder eine Gruppe – zu schmähen. In Trumps Fall war es beispielsweise eine Äußerung wie: „Der Raketenmann ist auf einem selbstmörderischen Weg.“ Der so Angegangene, der Beleidigte, also in dem Fall Kim Jong-un, erwidert den Vorwurf auf die gleiche beleidigende Art: „Ich werde den geisteskranken, dementen US-Greis gewiss und auf jeden Fall mit Feuer bändigen.“

In Kurzform: „Du Depp!“ – „Du Idiot!“ Wortgefechte wie diese sind ein Paradebeispiel für ein Duell, aber nicht für einen Streit. Mehr Gehalt haben auch viele Talkshow-Debatten nicht, auch wenn dort mehr Worte für das gleiche Ergebnis aufgewendet werden. Die beiden Streithähne erheben ihre Stimmen, bis sie richtig laut werden. Wo zwei so aufeinander einhacken, sich beschimpfen, da schaut die Öffentlichkeit neugierig zu und denkt: „Wow, was für ein Streit!“ Aber in Wahrheit ist es ein Duell. Ein Schlagabtausch. Ein kriegerischer Kampf, in dem es um die Vernichtung des anderen geht.

Mit Gewalt zur Hackordnung

Solche Duelle gab es schon zu Zeiten von Dichter Alexander Puschkin und dem Sozialdemokraten Ferdinand Lassalle. Das Prinzip? Denkbar simpel: Einer fühlt sich durch den anderen in seiner Ehre verletzt und fordert Genugtuung, schon setzt er ein Duell an. An dessen Ende sich die beiden Duellanten gegenüberstanden und mit durchgeladenen Revolvern aufeinander zielten. Na, bravo. Was hatte der Einzelne, was hatte die Gesellschaft davon? Nichts als tote Mitbürger und gestillte Rachegelüste. Auch wenn wir heute keine Toten mehr beklagen müssen: Das Prinzip ist geblieben! Es geht im Duell immer noch darum, jemanden zu besiegen, außer Gefecht zu setzen, zum Schweigen zu bringen.

So rabiat ist es im Fall der beiden Machthaber zum Glück nicht mehr. Im Gegenteil, sie wollten sich sogar treffen. Nun gut. Das fruchtlose Duell schien beendet. Trotzdem glaubten nur Optimisten, dass der 12. Juni der Auftakt einer dicken Freundschaft hätte werden können. Das wäre auch gar nicht nötig gewesen. Meiner Meinung nach waren die beiden nichtsdestotrotz auf einem guten Weg, denn: Sie fingen an zu streiten. Und genau das ist ein erster wichtiger Schritt auf dem Weg zum Frieden.

Offenheit first!

Aber was macht denn nun einen Streit aus? Im Wesentlichen bedeutet streiten können, dass Sie offen und neugierig anderen Menschen begegnen und sich für sie und ihre Ansichten interessieren – statt sie beim ersten Wort, das nicht ins eigene Weltbild passt, in eine Schublade zu stecken, den Schlüssel herumzudrehen und wegzuwerfen. Und es bedeutet auch, dass Sie dabei den eigenen Standpunkt durchaus wahren, für Ihre Überzeugung kämpfen und Ihre Meinung ausdrücken – allerdings ohne dem Gesprächspartner etwas aufzuzwingen. Der Deal ist: Sie bekommen Raum für Ihre Punkte, der andere aber genauso. Was Sie zu sagen haben, ist ein Angebot an den Gesprächspartner, sich Ihrer Meinung entweder anzuschließen oder erst recht auf seinem Standpunkt zu bestehen. Oder aber die Diskussion führt zu einem neuen dritten Standpunkt. Wie in einem guten Debattierclub eben.

Ob ausgerechnet diese beiden polarisierenden Charaktere jemals bereit sind, sich auf den jeweils anderen einzulassen? Trump ist und bleibt ein unberechenbarer, unkalkulierbarer Mensch. Und auch Kim Jong-un hat klare Forderungen. Aber wer Frieden will, muss nunmal streiten können.

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