Wir können die Marken zum Guten zwingen

von Stefan Kuzmany12.10.2009Gesellschaft & Kultur

Die Änderung des persönlichen Lebensstils reicht nicht aus, um die Welt zu retten. All die gut gemeinten Tipps zum persönlichen Umweltschutz lenken letztlich davon ab, härtere Gesetze und höhere Auflagen einzufordern. Dennoch können wir mit unseren täglichen Konsumentscheidungen die Welt etwas besser machen.

Selbst wenn wir uns jetzt alle gemeinsam furchtbar anstrengen, werden wir die Schäden nicht mehr rückgängig machen können, die die Menschheit dem Planeten Erde zugefügt hat. Wir können nur noch versuchen sie abzumildern. Es gibt zwei Möglichkeiten, mit dieser Perspektive umzugehen.

Wir könnten sie als Freibrief nützen, als Entschuldigung dafür, einfach so weiterzumachen wie bisher. Endlich einkaufen ohne schlechtes Gewissen! Ist doch einerlei, ob wir fair gehandelte und hergestellte Produkte kaufen oder nicht. Ausbeutung wird es weiter geben. Umweltzerstörung auch. Aber einkaufen ohne schlechtes Gewissen – das kann nur, wer kein Gewissen hat, nicht den Arbeitern und der Umwelt gegenüber, nicht den Tieren und auch nicht den Kindern, von denen wir doch, wie jeder weiß, diese Welt nur geliehen haben. Wir verhalten uns wie Partygäste, die nicht zur Kenntnis nehmen wollen, dass die Party schon vorbei ist. Die langfristigen Auswirkungen unserer Handlungen interessieren uns nicht. Wir sind geborene Optimierer.
Die zweite Möglichkeit: Leisten wir uns ein schlechtes Gewissen. Das bedeutet: nie wieder in einen Burger beißen können, ohne über Tierhaltung nachzudenken. Glauben wir daran, dass wir nicht Einzelne sind, sondern viele. Und dass wir mit unseren täglichen Konsumentscheidungen die Welt trotz allem etwas besser machen können.

Konzerne tun nichts ohne Grund

Konsumverzicht ist keine Option. Wenn wir uns beim Einkaufen in Zukunft aber nur noch für gute Marken entscheiden wollen, dann müssen wir zunächst einmal wissen, was eine gute Marke überhaupt ist. Die Unterscheidung zwischen Gut und Böse ist oft nicht leicht. Marken sind an sich nicht gut oder böse. Sie sind in einem Punkt alle gleich: Die Konzerne, die sie uns anbieten, wollen einen hohen Gewinn machen. Auch das ist an sich noch nicht gut oder böse. Es kommt darauf an, auf welche Weise wir Konsumenten ihnen diesen Gewinn ermöglichen. Gestern kann es für einen Konzern noch am gewinnträchtigsten gewesen sein, seine Produkte in Tschechien herstellen zu lassen, heute lässt er sie in China machen – immer dort, wo Arbeit am billigsten zu kaufen ist. Die Arbeitsbedingungen und Auswirkungen auf die Umwelt bei der Herstellung interessieren keinen Konzern mehr als unbedingt nötig. Die Konzerne tun nichts ohne Grund. Aber wenn wir es wollen, könnte es morgen für die Konzerne nur noch dann möglich sein, Gewinn zu machen, wenn sie wirklich gute Marken herstellen. Fair und umweltschonend – weil wir ihnen nur noch solch Produkte abkaufen.

Gute Marke, falscher Kern

Wenn wir darauf Wert legen, dann dürfen wir nicht den Fehler machen, uns zu schnell zufriedenzugeben. Ein Testurteil “gut” für einen Cheeseburger macht aus McDonald’s-Fastfood noch lange keine gute Ernährung. Ein Ökolabel für Babykleidung bei H&M macht aus dem schwedischen Konzern noch lange keinen Vorreiter beim Umweltschutz. Von fairer Bezahlung wollen wir hier gar nicht erst reden. Und dass Bio-Hennen wirklich glücklicher sind, das glaube ich erst, wenn ich eine gesehen habe. Wir müssen den Konzernen ständig einen Grund geben, ihre Produkte noch umweltfreundlicher zu machen und ihre Angestellten noch besser zu behandeln. Es reicht nicht aus, wenn wir nur glauben, eine gute Marke gekauft zu haben. Wir müssen genauer hinsehen. Vor allem aber ist es das, was wir tun können: Alle vier Jahre können wir Politiker wählen, die sich gegen Umweltzerstörung und für eine gerechtere Gesellschaft einsetzen. Und wir können wählen, was und wo wir einkaufen. Jeden Tag.

*Auszug aus dem Buch “Gute Marken, böse Marken. Konsumieren lernen, aber richtig!” von Stefan Kuzmany. © 2007 Fischer Taschenbuch Verlag in der S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main*

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