Kein Land in Sicht

Stefan Kröpelin3.12.2010Politik

Seit Jahrzehnten arbeiten westliche Länder aus strategischen, ökonomischen und religiösen Gründen auf eine Teilung des Sudans hin. Jetzt, wo es ernst wird, wird einigen der Akteure plötzlich mulmig.

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Zunächst ein paar Tatsachen zu Bashir. Unter keiner anderen Regierung in der Geschichte des Sudans hat es vergleichbare Fortschritte gegeben. Wer dies bestreitet, möge den beispiellosen Boom besichtigen, den das Land seit zehn Jahren erlebt – trotz des Boykotts. Es war Bashir, der den Frieden mit dem Südsudan zustande brachte. Es ist Bashir, der bereit ist, den ölreichen Landesteil in die Unabhängigkeit zu entlassen. Welcher andere Staatschef hatte solchen Mut? Der im April 2010 mit großer Mehrheit in seinem Amt bestätigte Präsident wurde von einem fanatischen Staatsanwalt am europäischen ICC des Völkermords bezichtigt, ohne dass ein Mitglied seines hundertköpfigen Stabs je Darfur betreten hat (ebenso wenig wie fast alle Anti-Khartum-Aktivisten). Die Anklage wird keiner Prüfung standhalten, denn die Regierung hat sich nur gegen Rebellen im eigenen Land zur Wehr gesetzt. Der Völkermord ist ein Mythos, der von der Bush-Regierung und der “Save Darfur“-Kampagne zur Ablenkung vom völkerrechtswidrigen Irakkrieg und israelischen Untaten inszeniert wurde. Noch ein Vergleich zu westlichen Standards: Henry Kissinger als Mitverantwortlicher für Millionen getöteter Vietnamesen und Kambodschaner erhielt den Friedensnobelpreis. So bleibt für mich die “Berichterstattung“ über Darfur ein Armutszeugnis für die US- und europäischen Medien. Es sieht nicht danach aus, dass es in Sachen Südsudan besser wird.

Wenig Chancen für den Südsudan

Der Südsudan hat als neues Staatswesen wenig Chancen. Er ist ein Konstrukt der britischen Kolonialzeit und eine Spätfolge der Berliner Konferenz von 1885. Das Christentum wurde seit hundert Jahren durch westliche Missionare verbreitet, wodurch ein Grundstein der heutigen Probleme gelegt wurde. Es gibt keine gemeinsame Sprache, Kultur, Geschichte oder Religion. In Wirtschaft und Bildung liegt der Süden um Generationen hinter dem Norden zurück. Dafür gibt es innerhalb der dominierenden Dinka und zwischen den zahlreichen Stämmen große Rivalitäten und eine hohe Gewaltbereitschaft. Die SPLA ist völlig zerstritten. Von der Hälfte der Öleinnahmen, über die der Südsudan seit fünf Jahren verfügt, ist im krassen Gegensatz zum Norden bisher kaum etwas zu sehen. Staatssprache soll Englisch werden, obwohl es kaum jemand spricht und fast 90 Prozent Analphabeten sind. Die zwei Millionen Südsudanesen, die im Raum Khartum leben und wie die Elite mehrheitlich auch dort bleiben wollen, werden nach einer Abspaltung als Ausländer nicht mehr auf die bisherige Unterstützung hoffen können. Andererseits würde ihr Rückzug etwa nach Juba zu kaum zu bewältigenden Problemen führen. Was bleibt, ist eine Auslieferung an US-amerikanische und europäische Interessengruppen, die ein leichtes Spiel haben werden bei der Ausbeutung der Rohstoffe und bei der strategisch-militärischen Kontrolle des Landes und seiner Anrainerstaaten.

Ausbau der Autonomie als bessere Option

Ein Ausbau der weitgehenden Autonomie, die de facto seit 2005 besteht, würde auch nicht alle Probleme lösen, aber erscheint als die ungleich bessere Option. Noch riskiert jeder besonnene Südsudanese, der dies ausspricht, sein Leben. Seit Langem wurde den Menschen in der Unabhängigkeit ein Land von Milch und Honig versprochen. Sie werden bald merken, dass dem nicht so ist. So braucht der Nordsudan eigentlich nur abzuwarten, bis der Südsudan von sich aus eine Wiedervereinigung à la Deutschland 1990 anstrebt.

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