Frauen unter 30 sind die Superspreader. Auch bei Tönnis gibt es Spreader | The European

Forscher finden Superspreader bei Tönnies

Stefan Groß-Lobkowicz24.07.2020Wissenschaft

Ein Mitarbeiter in der Rinderzerlegung hat bei Tönnies in Rheda-Wiedenbrück im Mai 2020 laut einer neuen Studie das Coronavirus flächendeckend verteilt. Dabei wurde das Virus, so das Forschungsergebnis von Wissenschaftlern des Helmholtz-Zentrums für Infektionsforschung (HZI), der Uniklinik Hamburg-Eppendorf und des Leibniz-Instituts für Experimentelle Virologie (HPI), auf mehrere Personen im Umkreis von mehr als acht Metern übertragen. Für die Studie wurden die Arbeitsbedingungen, die Standorte der Arbeiter und die Infektionsketten anhand von Virussequenzen analysiert.

Nur für redaktionelle Verwendung, picture alliance / Bernd Thissen/dpa | Bernd Thissen

Ob bei Tönnies oder Wiesenhof, die Kette der Neuinfektionen mit dem Coronavirus reißt in Deutschland nicht an. Auch in Spanien und Österreich steigen die Fallzahlen wieder deutlich an – von Braslien, den USA, Indien und Israel ganz zu schweigen. Nun hat der Bayerische CSU-Ministerpräsident Markus Söder – auch aus einer wohlbegündeten Furcht vor einer zweiten Coronawelle – für Deutschland Massentests gefordert und will verbindliche Pflichttests bei der Einreise auf Flughäfen einführen. Während die Bundesrepublik auf Tests setzt, möglicherweise mit Zwang, geht man in Japan einen völlig anderen Weg. Statt Testung gilt es die Superspreader zu identifizieren, um diese dann gezielt zu isolieren. Aber wer sind eigentlich die Super-Überträger und warum ist diese Methode erfolgreicher als Coronatests?

Wer sind eigentlich die Superspreader? Japans Chef-Virologe Hitoshi Oshitani hat dazu nun eine Studie vorgelegt. Der Wissenschaftler hält nicht viel von Corona-Tests. Worum es ihm geht, sind die Zielgruppen herauszufinden, die tatsächlich für die Verbreitung des Virus verantwortlich sind. Sie zu isolieren, darin sieht er die Lösung des Problems, um weitere Corona-Infektionen zu vermeiden.

Die neue Studie aus Japan, die nicht testet oder auf Tests setzt, sondern Cluster verwendet, stößt mittlerweile auch bei deutschen Wissenschaftlern auf Anerkennung. So hat sich Deutschlands Chef-Virologe Christian Drosten positiv für die japanische Strategie ohne Tests ausgesprochen. Drosten, das Gesicht der Corona-Krise, bewundert und kritisiert, sieht im japanischen Modell zumindest einen gangbaren Weg, der auch in Deutschland zielführend sein könnte, wenn die zweite befürchtete Welle im Herbst ausbrechen sollte. „Mutig, aber richtig“ nannte der die auch zuerst in Japan umstrittene Cluster-Strategie.

Wo sind die Superspreader?

Damit erhält Hitoshi Oshitani, der mit seiner Studie versuchte Superspreader und Superspreading-Events empirisch nachzuweisen, Rückendeckung aus Deutschland. Oshitani hatte sich auf die Suche nach gemacht, wie Infektionsschwerpunkte entstehen und wo das Risiko besonders hoch ist. Von Januar bis Anfang Mai untersuchte das Team Orte, wo die Gefahr besonders hoch ist, sich mit dem Coronavirus zu infizieren. Laut der Forschergruppe handelt es sich dann um ein Cluster, wenn fünf Infektionen an einem Ort zur gleichen Zeit entstanden. Ansteckungen innerhalb eines Haushalts wurden nicht berücksichtigt. Der Fokus der Studie lag dabei auf Altenheimen, Fitnessstudios Restaurants, Konzerthallen oder Karaoke-Bars. 61 solche Cluster mit über 3000 Infizierten gehörten dabei zu den Corona-Hotspots. Die Studie erschien als Vorabveröffentlichung auf den Seiten des Fachmagazins „Emerging Infectious Diseases“ der amerikanischen Centers for Disease Control (CDC).

Hitoshi Oshitanis Cluster-Studie wird unterdessen von immer mehr internationalen Wissenschaftsexperte geteilt. Die meisten Infizierten stecken kaum weitere Menschen an, während die sogenannten Superspreader geradezu den Virus exponentiell verbreiten. Auch die Superspreader-Events sind letztendlich für einen explosionsartigen Anstieg von Corona verantwortlich, lösen geradezu wellenartige Infektionsketten aus. „Vermutlich bewirken zehn Prozent der Fälle 80 Prozent der Ausbreitung. Wüssten die Experten, wo solche Ereignisse zu erwarten sind, könnten sie versuchen, die Ausbrüche zu verhindern statt große Bereiche der Gesellschaft lahmzulegen“, sagte etwa der Epidemiologe Adam Kucharski von der London School of Hygiene and Tropical Medicine.

Die Zahl der Corona-Neuinfektionen stieg Mitte Juli im Osten Europas an. Aber auch Spanien ist wieder in der Coronakrise angekommen. Österreich, das glaubte, sich gut durch die Corona-Krise zu manövrieren, die Masken über Bord warf, wurde wieder von der Corona-Realität eingeholt. Wilde Partys, Clubbesuche und eine die Gefahr ignorierende Jugend, die frenetisch in die zweite Welle tanzt, setzt sich in einer geradezu infantilen Hybris über alle staatlichen Anweisungen rebellisch hinweg. Gerade auf dem Balkan, wo an den Stränden Partys ohne Sicherheitsabstand und ohne Maskenplicht gefeiert werden, ist die Zahl der neuen Coronafälle alarmierend. Auch in Japan kam es zu einem Neuanstieg. Die Betroffenen waren zu 70 Prozent zwischen 20 und 30 Jahren alt. Den Ursprung hatten die aktuellen Neuinfektionen in den Ausgehvierteln der Stadt.

Frauen unter 30 verbreiten das Coronavirus

Dies bestätigt ist These von Hitoshi Oshitani, dass es vor allem junge Leute sind, die selbst kaum Symptome haben, aber den Virus weiter verbreiten. Selbst wenn ein Superspreader nicht immer zu identifizieren ist, der letztendlich einen Cluster-Ausbruch auslöste, der Nachweis gelang nur in 22 Fällen, sind es Frauen unter 30, die keine Symptome zeigen, die aber für die Verbreitung der hochinfektiösen Viren sorgen. In der Studie blieb offen, warm es gerade Frauen in dieser Altersgruppe sind, was das Team um Oshitani aber herausfand, ist, dass die Superspreader zwischen 20 und 39 Jahre alt sind. Enger Kontakt in geschlossenen Räumen mit schlechter Luftzirkulation sei die Hauptquelle. Aber auch Fitnessstudios, Konzerte, Clubs, Barbesuche und Kneipen, wo sich überwiegend jüngere Menschen treffen, ließen sich als Kristallisationspunkte der Infektionen nachweisen. Dagegen konnten die Wissenschaftler ein Infektionsrisiko in den U-Bahnen ausschließen, die zumindest in Tokio sorgfältig desinfiziert wurden und wo die Menschen ohnehin routinemäßig einen Mund-Nasen-Schutz tragen. Dass die U-Bahnen relativ sicher sind, liegt, wie Hitoshi Oshitani betont, daran, dass dort nicht so oft telefoniert wird und die Menschen meistens schweigen.

Statt Lockdown und Massentests – Clusterfahndung

In Deutschland wird nach Gütersloh und dem jüngsten Corona-Ausbruchs in Niedersachsen, wo 66 Mitarbeiter eines Wiesenhof-Schlachthofs positiv auf das Coronavirus getestet worden, immer wieder über lokale Lockdowns nachgedacht, um keinen zweiten Supershutdown wie im März auszurufen, der das Alltagsleben und die Wirtschaft für Monate lahmlegt. Genau in diese Richtung gehen auch die Untersuchungen von Hitoshi Oshitani, der zum Krisenteam der japanischen Regierung gehört, und dessen Corona-Strategie darauf hinausläuft, keinen landesweiten Lockdown herbeizuführen. Im Unterschied zu  Deutschland, Italien, Frankreich und Spanien hatten die Japaner zwar keine so harten Ausgangsbeschränkungen zur Hauptkrisenzeit, sie empfahlen aber das Homeoffice. Trotz dieser gewissen Lockerungen kam das, ähnlich wie Deutschland dicht besiedelte Japan, das auf eine ebenso hohe Zahl von überalterten Bevölkerungsgruppen verweisen kann, besser als viele europäische Länder durch die Covid-19 Krise. Von den fast 130 Millionen Einwohnern, fast 50 Millionen mehr als in der Bundesrepublik, kam es nur zu 24.000 nachgewiesenen Infektionen und knapp 1000 Todesfällen.

Anders als in Deutschland, wo auf Corona-Tests als probates Kampfmittel gegen die Verbreitung des Virus gesetzt wird, praktiziert Japan eine Cluster-Überwachung ohne Tests. Wenn eine Infektion auftritt, werden die Kontakte des Betroffenen verfolgt und das Umfeld prophylaktisch in Quarantäne geschickt – ohne auf Testergebnisse zu warten. Die Cluster-Überwachung sei damit, so Oshitani, effektiver als viele Corona-Tests. Zu dieser Erkenntnis sei man bereits bei der Sars-Epidemie gekommen. „Wir hatten schon bei der Sars-Epidemie entdeckt, dass nicht jeder Infizierte jemanden ansteckte, sondern einige wenige sehr viele andere. Durch solche Superspreader entstehen Cluster. Das hatten wir auch beim neuen Coronavirus vermutet.“ In Japan bleibt die Verfolgung von Superspreadern und deren Clustern damit die wichtigste Maßnahme bei der Bekämpfung von Covid-19.”

Beim Kampf gegen das Coronavirus wurden innerhalb der letzten Monate verschiedene Studien vorgelegt. Eine der spektakulärsten, war die Untersuchung von Blutgruppen und welche Rolle diese bei der Ansteckung haben. Aber auch Studien zur Luftverschmutzung, die das Coronavirus unterstütze, der Immunstatus sowie der Einfluss von Röntgenstrahlen waren das Ziel von Forschergruppen. Von der japanischen Studie kann man lernen: Wenn Risikofaktoren für Infektions-Cluster bekannt sind, können Quarantänemaßnahmen viel gezielter durchgeführt werden.

 

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