Es war Reis, nicht Bell!

Stefan Groß-Lobkowicz22.11.2019Gesellschaft & Kultur, Medien, Wissenschaft

Wer hat das Telefon erfunden? Graham Bell, verbreitet Amerika. Stimmt aber nicht. Es war ein mittelloser Amateur aus Hessen. Jetzt erscheint die erste große Monografie zu Philipp Reis. Eine Pflichtlektüre für die deutsche Wissenschaftsgeschichte.

Es war eine lächerliche Konstruktion! Aus einer Geige, einer Stricknadel und der Blase eines Hasen bastelt Philipp Reis 1861 das erste Fernsprechgerät der Welt. Eine Jahrtausenderfindung in einer hessischen Scheune – ganz ohne Forschungsgelder oder Venture Capital, ohne Universität oder Institut, nicht einmal einen Gönner hat er. 

Philipp Reis ist ein Waisenkind, dem es das Leben bitter schwer macht. Studieren darf er nicht, doch mit unbändiger Neugier-Intelligenz erkämpft er sich einen Lehrerberuf und tüftelt leidenschaftlich herum. Dabei erfindet er unter grotesken Umständen das Telefon, auch der Name stammt von ihm. Die Öffentlichkeit staunt, doch die Wissenschaft und die Machthaber belächeln den genialen, kreativen Amateur aus Hessen und sein vermeintliches Spielzeug. Er stirbt früh und erlebt den Weltruhm seines Geniestreichs nicht mehr. Dafür übernimmt der clevere Geschäftsmann Alexander Graham Bell in den USA die Idee, lässt sie zwei Jahre nach dem Tod von Philipp Reis patentieren und macht mit den neuartigen Telefonen Millionen. Amerika feiert Bell seither als den Vater des Telefons. Deutschland hat den wahren Vater hingegen fast vergessen.

Dieses reich illustrierte Buch gibt Antworten.

Nun spürt erstmals eine große Monografie das Leben und Wirken von Philipp Reis nach. Der Historiker und Verleger Wolfram Weimer erzählt die Lebens- und Erfindungsgeschichte minutiös und doch lebendig. Zahlreiche Archivfundstücke und wichtige Quellendokumente werden erstmals zusammen publiziert. Das reich illustrierte Buch gibt vor allem Antworten. Antworten auf die Fragen: Wie kann der nicht-studierte Waisenjunge das schaffen? Wer ist dieser Jahrhundert-Erfinder wirklich? Wieso wird „Das Pferd frisst keinen Gurkensalat“ der erste Satz, der je durch ein Telefon gesprochen wird? Warum kann Graham Bell das Telefon nach dem Tod von Philipp Reis für sich patentieren lassen? Und wieso ist Reis in Vergessenheit geraten?

Bei der Schlüsselfrage, wer denn nun das Telefon tatsächlich erfunden hat, referiert das Buch die langjährige Wissenschaftsdebatte und ihre Argumente. Dabei wird klar, dass Bell das Telefon technisch entscheidend weiterentwickelt und vor allem erfolgreich vermarktet hat. Das Buch arbeitet interessante Details heraus, so dass Bell in seinem britischen Patentantrag gar nicht den Anspruch erhebt, der Erfinder, sondern nur der Verbesserer des Telefons zu sein. Der genaue Titel seines Patents lautet daher „Verbesserungen in der elektrischen Telefonie (Übertragung oder Erzeugung von Tönen zum Zweck tele- grafischer Nachrichten) und an telefonischen Apparaten“. 

Allerdings ist Bell tatsächlich der erste Patentinhaber des Telefons. Dieser Umstand wird von Bell-Verehrern und der amerikanischen Historiographie als entscheidender Beweis gewertet, dass er und nicht Reis als Erfinder angesehen werden müsste. Weimer argumentiert dagegen: „Philipp Reis konnte ein rechtlich einwandfreies Patent gar nicht anmelden, denn das deutsche Patentgesetz wird erst am 25. Mai 1877 beschlossen und tritt am am 1. Juli 1877 in Kraft. Da ist Reis schon drei Jahre tot. Die USA hingegen haben ein geschlossenes Patentrecht schon länger. Das Patent-Argument ist freilich ahistorisch und legalistisch. Denn die meisten Erfindungen bis weit ins 19. Jahrhundert hinein sind nicht durch moderne Patente kodifiziert worden – vom Buchdruck bis zur Dampfmaschine – und trotzdem erkennt man ihre geistigen Väter eindeutig als Erfinder an.“

Die Monografie soll „einem großartigen Mann, dem es das Leben schwer machte, den Respekt und die Sichtbarkeit geben, den er verdient hat.“ Denn so das Fazit: Der Erfinder des Telefons heißt nicht Graham Bell, er heißt Philipp Reis. 

Wolfram Weimer, Der vergessene Erfinder, Hardcover 146 Seiten, CH. GOETZ-VERLAG,  ISBN: 978-3-947140-04-6, Preis: 20 Euro

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