Wie viel Marx steckt in Norman Foster? | The European

Der Architektur-Visionär Norman Foster ist der bessere Karl Marx

Stefan Groß-Lobkowicz1.03.2021Medien, Wissenschaft

Was haben eigentlich Karl Marx und der Architekt der Superlative, Sir Norman Foster, miteinander zu tun? Wir haben uns auf die Spurensuche des britischen Visionärs begeben, der die Welt aus dem Geist der Zukunft bereits jetzt gravierend verändert. Foster siegt über Marx – dies behauptet zumindest Stefan Groß-Lobkowicz.

Star-Architekt Sir Norman Foster, Foto: IMAGO / alterphotos

In der elften Feuerbachthese hatte der Trierer Philosoph und Ökonom Karl Marx sein politisch-wirtschaftliches Programm formuliert. Der Sozialist, der als das graue Gespenst des Sozialismus schattenhaft durch die Welt von heute jagt, hatte einst die Weltrevolution gefordert, als er den Philosophen zwar attestierte, die Welt zu interpretieren, doch zugleich die Maxime aufstellte, diese zu verändern. Eine qualitativ-materielle Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse wurde damit zur Triebfeder und als Erfolgsrezept der Moderne verordnet. Doch was Marx noch als Sieg des Materialismus sehen wollte und darauf seine Utopie ausrichtete, ist für einen der einflussreichsten Architekten der post-postmodernen Gegenwart, den Gestaltgeber und Visionär Norman Foster, pure geronnene Realität  geworden. Die Welt zu verändern, war und ist für Briten nicht genug – er will und wollte sie gleich neu bauen. Und er erschuf innerhalb eines werktätigen und kreativen Lebens, das nach wie vor von Leidenschaft, Innovationsgeist und unermüdlicher Energie gerade explodiert und am 1. Juni 2021 ins 86. Lebensjahr geht, Superlative, besser gesagt: einen Superlativ nach dem andern – getreu dem Credo: die Welt ist nicht genug.

Der aus armen Verhältnissen 1935 nahe Manchester geborene Self-Made-Millionär und spätere Jahrhundertkünstler hatte den platten Materialismus von Marx ins Visionäre gekippt, baut fast unbeschränkt seine Architekturen in den Himmel, als ob es die Schwerkraft nicht gäbe. Foster hat der Materie, den Formen, mit denen er arbeitet, Stahl, Metall und Glas, ihre Leichtigkeit zurückgeschenkt, sie – wie einst im Zeitalter der gotischen Kathedralen – ihrer Unbändigkeit beraubt und in schwebende Zustände versetzt. Die Materialien sind schwer, doch die Kunstwerke, die der Brite sein ganzes Leben hinweg mit Zauberhand erschuf, wirken wie entmaterialisiert, wie ein durchbrochenes Lichtermeer, wie Symbole der strahlenden Sonne, entspringen einer fast metaphysischen Kraft des Lichtes, die zwar dem Irdischen entlehnt, aber auf das Unendliche, auf die Ästhetik und die Idee der Kunst hinweisen.

Norman Foster, der Architekturen von Weltruf schuf, sei es die Reichtagskuppel, die Millenium-Bridge“ den „The Gerkin“ in London, das „HSBC-Hochhaus“ in Hongkong, den Apple Park in Cupertino, die „Copenhagen Towers“ u.a. hat die Welt verändert. Zumindest deren Gesicht. Seit 1967 entwirft seine gigantische Denkfabrik die Ideen der Zukunft, schwebt global und transversal durch die Welt. Fast 800 Mitarbeiter sind infiziert vom Magnaten der Visionen und sind selbst wie der Chef Gestalt- und Struktur gebende Magneten, die die Stadt von morgen designen. Foster und sein Büro – vom Fundament bis hin zu popigen Designmöbeln, von den Inneneinrichtungen bis hin zu den ökologisch-recycelbaren Baustoffen – alles kommt von der Geistesschmiede aus einem Guss. In der ganzen Welt von heute steckt irgendwo ein Foster von morgen oder zumindest eine seiner Ideen. Und sein Geheimrezept bleibt dabei die innovative, oft futuristische Verschmelzung von Hightech-Elementen mit hohen ökologischen Ansprüchen. Das er sich dabei auch der Tradition des deutschen Bauhauses, der Funktionalität, Strenge, Eleganz und Praxis verbunden fühlt, ist unübersehbar. Und das er wie einst die Bauhäusler in Weimar und Dessau mit ihren Architekturen großartige Monumente schafft, die ihrer Zeit voraus und nur den aller hippesten Zeitgeist spiegeln, ist bei Norman Foster quasi genetisch verankert, in seine DNA eingeschrieben.

Ob Wolkenkratzer oder Global City, die teuersten Häuser und die höchsten Brücken, gehen auf sein Konto – und global denkt und baut Forster von der Wüste bis in die Megacities hinein. Es gibt keinen Ort der Welt, wo Foster, auch mit Megasummen und teuren Investments, die jenseits aller Kalkulationen die noblen Bauherren oder Stadtkämmerer immer wieder das blanke Entsetzen in die Augen treten lassen, seinen Visionen Wirklichkeit verleiht. Der Brite verleiht der Zukunft ein Gesicht, ist Trendgeber – und er zeigt, wohin die Reise architektonisch, ökologisch und lebenstechnisch geht. Das Gesicht der Stadt von morgen und nicht nur Schattenrisse, sondern deutliche Gravuren lassen sich in Fosters Architekturen von heute bereits erahnen. Hier bündelt sich alles, für was die nächste Generation steht: eine tiefe Nachhaltigkeit in einer globalisierten Moderne, ein völlig neues Stadtbild, das mit hängenden Gärten, viel Grünflächen, einer elektrisch- oder Wasserstoff betriebenen Infrastruktur für eine Welt von Morgen steht, die wir derzeit nur aus den spektakulärsten Schiene Fiction Romanen oder Filmen kennen. „Infrastruktur ist alles“, hatte der leidenschaftliche Hypermodernisierer immer betont. Doch Foster schafft buchstäblich den Überbau – und den in anspruchsvoller Schönheit.

Hatte Karl Marx einst die widrigen Arbeitsbedingungen, Kinderausbeutung und menschenunwürdige Arbeitszeiten beklagt, so sind Fosters moderne Arbeitsschmieden jenseits von Dunkelheit Kathedralen der Arbeit. Und ob in seinen Museumsbauten, Bibliotheken, Flughäfen, Büros oder Wohntürmen – er schafft würdevolle Arbeits- und Lebensbedingungen, eine Architektur, die dem Menschen die körperliche wie geistige Produktivität erleichtert, weil sie auch die Work-Life-Balance dazu liefert. Eine schönere Welt, aber so gar nicht im Sinne von Aldous Huxleys „Brave New World“ schwebt ihm vor, jenseits von Uniformisierung, Überwachung und Unterdrückung. Der passionierte Instagramer, der gern seine Leidenschaften postet – vom coolsten Lamborghini, der „Boing 737“ als der schönsten Skulptur der Welt bis hin zum legendären Porsche-Oldtimer und der zudem als leidenschaftlicher Aeronaut Foster 600.000 Follower aus seiner Ideenschmiede mit Ideen versorgt, glaubt an eine neue Form der Arbeit, die nicht nur Last, sondern Freude ist, weil sie technisch unterfüttert, dem Menschen die Möglichkeit gibt, nicht nur in einem ästhetisch schönen Ambiente, sondern auch durch künstliche Techniken unterstützt, zu arbeiten.

Wie Karl Marx kannte Foster den Manchesterkapitalismus, war er doch direkt, wenngleich 200 Jahre später, nahe dem – für seine berüchtigt-prekären Arbeitsverhältnisse bekannt-gefürchteten – Industriestandort geboren. Doch während der Trierer Visionär des Kommunismus sein wollte, dem Neuen Menschen Utopien indoktrinierte, die ihm wesensfremd, seiner Freiheit zuwider und nur durch ein repressive System von Zwängen sich durchsetzen ließen, will Foster durch Freiheit Glück erreichen, Glückseligkeit durch Architektur die Schönheit. Der Kommunismus ist klanglos gescheitert – doch die Zeit für Fosters Visionen immer greifbarer. Zwar baut der Architekt der Superlative für die Reichen, doch er will die große soziale Ungleichheit letztendlich auch besiegen. Es will eine gerechtete und eine nachhaltigere Welt und seine Architekturen stehen bereits dafür, ja, dieses ist vielleicht das Geheimnis seines künstlerischen Schaffens. So idealtypisch bereits 2015 beim Entwurf der Copenhagen Towers umgesetzt, einem Ensemble von einem 22-stöckigen Büroturm und einem niedrigeren Gebäude, die miteinander durch ein Atrium verbunden sind, das mit einem dichten „Wald“ aus Olivenbäumen das grüne Herz des Bauwerks ist. GeschwungeneHolzprofile in der Stahlkonstruktion des Glasdaches sowie kurvige Holzbänke betonen das natürliche Ambiente. Ökologie, lokale und recycelte Materialien, die Verwendung von lokalem Bauschutt sowie Deckenverkleidungen aus PET-Kunststoff und Filz – das alles zeigt, Foster geht neue Wege für eine grüne Zukunft, die ihren letzten Clou in einer Kombination von Photovoltaik sowie einem innovativen Heiz- und Kühlsystem auf Grundwasserbasis findet. Energieeffizienz – auch dies ein Nomen est Omen des Briten.

Foster hatte mit dem Apple-Hauptsitz im Silicon Valley (2003-2018) in vielerlei Hinsicht ein einzigartiges architektonische Highlight der Superlative geschaffen und definiert. Wie der verstorbene Visionär und Apple-Chef Steve Jobs hat der 1990 zu Sir Norman geadelte Architekt, die Ideen mit der ringförmigen Firmenzentrale, dem neuen Apple Park in Cupertino einen Ort zu schaffen, der alle Mitarbeiter versammelt und zugleich eine nahtlose Verbindung zwischen dem Hightech-Arbeitsplatz und der Natur schafft. Mit knapp einem halben Kilometer Durchmesser ist der Sitz des Computerriesen selbst größer als das Pentagon. Umrankt von einer Grünfläche mit rund 9.000 neu gepflanzten Bäumen arbeiten mehr als 12.000 Menschen unter einem riesigen Karbondach und hinter 13,7 Meter hohen Glasfenstern. Und wie bei früheren Bauten wird der Apple Campus mit erneuerbaren Energien betrieben.

Der englische Lord, der alle nur erdenkbaren Preise, den „Pritzker-Preis“, den „Order of Merit“, das „Große Bundesverdienstkreuz mit Stern“ wie Trophäen sammelt und zu den Bestverdienern dieser Welt gehört, der mit seinen Wolkenkratzern, Bahnhöfen, Flughäfen, Bürogebäuden Superlative der modernen Kunst schafft und somit futuristisch-expressive Architekturen, zudem die Würde eines Life Peer besitzt und dem  House of Lords angehört, ist zwar ein Kapitalist in Reinkultur, aber eben einer, dem das Soziale nicht gleichgültig gegenübersteht. Ist Norman Foster damit die Antipode zu Karl Marx, ein Neo-Kapitalist? Keineswegs. Der Architekt von morgen schafft eine neue Arbeits- und Lebenskultur, die in ihrer Kühnheit und in einem Anspruch weit über Marx Utopismus hinausgehen und dabei zugleich zeigt, der Kapitalismus muss nicht als Raubtier auftreten, sondern in seiner sozialen Dimension vermag er dem Menschen eine würdige Perspektive verschaffen. Norman Foster ist – architektonisch gesehen – also der bessere Klassenkämpfer als Marx.

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