Wer ist eigentlich der Baerbock-Jäger? | The European

Der Baerbock-Jäger Weber: Die Grünen kennen keine Streitkultur

Stefan Groß-Lobkowicz1.08.2021Medien, Politik

Kaum hatte der österreichische Plagiatsjäger Stefan Weber sowohl Ungereimtheiten in der Vita von Annalena Baerbock als auch über 50 Plagiate in ihrem neuen Buch „Jetzt“ festgestellt, wurde er als „Rufmörder!“, „Frauenverfolger!“, „Rechtsaußen-Sympathisant!“ stigmatisiert. Wer ist eigentlich dieser Mann, den die großen Medien für seine Arbeit kompromittieren? Von Stefan Groß-Lobkowicz.

Annalena Baerbock, Parteivorsitzende und Kanzlerkandidatin von Bündnis 90/Die Grünen, steht bei einer Betriebsbesichtigung in der Schaltzentrale des Zementwerkes Schwenk, Foto: picture alliance/dpa | Karl-Josef Hildenbrand

Sein Name ist mittlerweile in aller Munde. Stefan Weber ist in. Von den einen ob seiner exakten Arbeit verehrt, all denen ein Dorn im Auge, die allzu schnell die Copy and Paste-Taste drücken und fremdes Gedankengut als ihr eigenen Ausgeben. Ob Prominente wie Karl Theodor von und zu Guttenberg, die Vatikan-Botschafterin und ehemalige Bildungsministerin Annette Schavan, die FDP-Politiker Jorgo Chatzimarkakis und Silvana Koch-Mehrin oder zuletzt SPD-Familienministerin Franziska Giffey – sie alle haben bewusst getäuscht und damit nicht nur die Wahrheit beschädigt, sondern auch den akademischen Titeln keinen Gefallen getan. Eine Promotion bleibt eine qualitativ wie quantitativ aufwendige Lebensleistung, die zumindest eines garantieren sollte: wissenschaftliche Glaubwürdigkeit, Ehrfurcht vor der Forschung und eigenständiges Denken.

Stefan Weber ist so etwas wie ein Perlentaucher. Nur was der 1970 geborene Kommunikationswissenschaftler, Publizist und Plagiatsgutachter meist findet, sind nicht Edelsteine, sondern Verschleierungen und Nebelkerzen. 1996 selbst zum Dr. phil. promoviert und am Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft der Universität Wien 2005 habilitiert, hatte er mehrere Lehraufträge im In- und Ausland inne. Doch so richtig zum Plagiatsjäger machte ihn buchstäblich das Abkupfern der eigenen Dissertation. Ausgerechnet ein Informatiker und Theologe der Universität Tübingen hatte weitgehend wörtlich aus Webers Dissertation von 1996 Passagen übernommen. Wenn es so etwas wie eine Initialzündung bei dem ebenfalls als Journalisten und Publizisten abreitenden Weber gab, war es dieses unerquickliche Plagiat. Daraufhin wurde der Wissenschaftler, der immer wieder kritisiert, dass die heutige Studentengeneration eine mangelnde Studierfähigkeit, auszeichne, zum Jäger, zum akribischen Detektiv mit dem feinsinnigen Gespür für das geschriebene und nicht gekennzeichnete Unrecht. Publikationen mit den klingenden Titeln wie: „Die Dualisierung des Erkennens. Zu Konstruktivismus, Neurophilosophie und Medientheorie“, „Was steuert Journalismus? Ein System zwischen Selbstreferenz und Fremdsteuerung“, „Das Google-Copy-Paste-Syndrom. Wie Netzplagiate Ausbildung und Wissen gefährden“ oder „Die Medialisierungsfalle. Kritik des digitalen Zeitgeists“ stammen aus seiner Feder. Ein produktiver Geist – der Österreicher.

Etablierter Plagiatsjäger quer durch alle Parteien

Seit über zehn Jahren publiziert und kommentiert er in seinem Blog für wissenschaftliche Redlichkeit Plagiatsfälle, bietet kostenpflichtige „Lebenslauf-Screenings“ und „Plagiat-Checks“ an. Er begreift es als eine wissenschaftliche Verpflichtung, Täuschungen offenzulegen – da macht auch eine Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock keine Ausnahme. So war es Weber, der die Schummeleien bei Vita und Studienabschlüssen der Grünen-Politikerin als erster offenlegte.  Ohne die akribische Leistung hätte Baerbock ihren Siegeszug ins Kanzleramt fortsetzen können. Doch Weber machte der im Frühling noch aussichtsreichen Kandidatin einen Strich durch die Rechnung – und wie er ausdrücklich betonte, ohne politisches Interesse oder eine Kampagne gegen die Partei zu fahren. Seitdem gilt er nicht nur in grünen Kreisen als Persona non grata, auch Teile der deutschen Presse haben ihn auf dem Kicker und wollen ihn abschießen.

In Österreich ist Weber hingegen kein Unbekannter. Dort stöberte der gebürtige Salzburger quer durch alle politischen Lager hinweg und entzauberte ganze Generationen mit Plagiatsvorwürfen. Ob Johannes Hahn (ÖVP), Grünen-Politiker Peter Pilz, ÖVP-Landesrat Christian Buchmann, SPÖ-Politiker Thomas Drozda – sie alle hat Weber quasi durchleuchtet. Ex-Ministerin Christine Aschbacher und zuletzt Peter Weidinger (beide ÖVP) wies er Ungereimtheiten oder „wiederholt geschickte Täuschung“ in ihren Diplomarbeiten nach. Viele von ihnen haben die Vorwürfe politisch nicht überlebt

Aber auch Institutionen standen im Visier des Jägers, sei es der Afghanistan-Gerichtsgutachter Österreichs wegen mangelnder Wissenschaftlichkeit oder das Bundesinstitut für Risikobewertung „wegen seines Beitrags zum Wiederzulassungsbericht für Glyphosat in Europa“. Diesen Auftrag hatte der Plagiatsjäger sogar von der Grünen/EFA-Fraktion im Europäischen Parlament erhalten. Auch den Endbericht der Historikerkommission der FPÖ bezichtigte er 2019 als Plagiat.

Dass er sich mit seinen Plagiatsvorwürfen wenig Freunde macht, ist klar. Es ist ein undankbarer Job, eine Gratwanderung auf den Klippen, der Fall in die Tiefe und Einsamkeit vielleicht ein hoher Preis. Doch Weber macht weiter – Passion, Leidenschaft? Eher Wahrheitssucher a priori. Er weiß, er sitzt immer irgendwie zwischen den Stühlen. Ist er zu nachgiebig, rettet er möglicherweise Personen und Leben, aber verrät damit zugleich seine wissenschaftlichen Ideale. Aber er hat eine Mission und diese bleibt die Ehrlichkeit des Textes“ Daran will er nicht rütteln. Und wie Weber betont, sollte seine Arbeit honoriert werden und nicht mit Pauschalurteilen kritisiert und seine Arbeit als Wissenschaftler diskreditiert werden.

Die Grünen reagieren nicht wie eine Fortschrittspartei, sondern wie ein alter Parteiapparat

Im Fall, wie die Grünen und ihre Presseabteilungen mit den Plagiatsvorwürfen umgehen, sieht Weber das größte Problem des freiheitlichen Diskurses. Anstelle von Diskursfähigkeit reagierte man mit einer inbrünstigen Angriffslust und einer Diffamierungskampagne gegen die Arbeit des Plagiatssuchers. Anstatt Fehler bei der Kanzlerkandidatin selbst einzuräumen wurde Weber selbst mit eingeschliffenen Stereotypen bombardiert, ein regelrechter Kreuzzug gegen den Österreicher eingeläutet. Weber spricht von einer Arroganz der Macht, die nichts mit Kritik anzufangen weiß. Dialogunfähigkeit einerseits und Vokabeln wie „bösartig“, „Rufmord“, „falsche Anschuldigungen“ und „Desinformationskampagne“ andererseits stehen statt Selbstkritik im Raum. Damit ist für den Wissenschaftler klar: Die Grünen reagieren „nicht wie eine Fortschrittspartei (…), sondern sie „schossen zurück“, eher wie ein steifer, alter, beleidigter Parteiapparat.“ Auch gegen Vorwürfe, dass er mit seiner wissenschaftlichen Arbeit den Feminismus attackiere, weist er zurück. „Wenn Feminismus heißt, einer Frau den Vortritt zu lassen, nur weil sie eine Frau ist und die Frau gleichzeitig weniger qualifiziert ist als der Mann, so ist das kein Feminismus, sondern nur ein Echo jener Männergesellschaft, die dieser falsch verstandene Feminismus bekämpfen will“, schrieb Weber in der „Die Presse.“ Und er fügt hinzu: „Warum wurde das „Frauenstatut“ offenbar zum Dogma?“

Wer Grüner ist, hat schon einen Vorteil

Weber ging es nicht um eine Negativ-Kampagne „gegen eine Frau, weil sie Frau ist“, sondern dagegen, dass Baerbock vom „Der Spiegel“ und der „Süddeutschen Zeitung“ quasi als Säulenheilige verehrt wird, die für unantastbar erklärt wird, nur weil sie eine Grüne ist und linke und ökologische Ideale teilt, die in das ideologische Programm dieser Leitmedien passen. Was Weber stört, ist die ganz bewusste Inszenierung, die eine Kandidatin dann medial aufbauschen und jegliche kritische Recherche ausblenden. Es geht, so der Vorwurf, um einen idealisierten Kandidaten, wo es keine Rolle spielt, ob in ihrem Buch über 50 Textstellen geklaut wurden, wo es egal scheint, dass große Erklärungsnöte in Sachen Nebeneinkünften und einem unabgeschlossenen Promotionsstipendium gibt.

Daraus zieht Weber den Schluss: Wer als unabhängiger Wissenschaftler mediale Ikonen aus dem links-grünen Lager einer kritisch-objektiven Prüfung unterzieht, wird verdächtigt und angeprangert. Im Falle des habilitierten Wissenschaftlers ging das soweit, dass man ihn gleich auf die Seite der Verschwörungstheoretiker geschlagen hatte. Vorwürfe, dass er aus dem rechten Lager stamme, mit den Russen sympathisiere und ein „von der SPD finanzierter Troll“ sei, waren dabei mit inklusive.

Ein Teil der Massenmedien verbreitet selbst Verschwörungstheorien

Mit ihrer Kampagne pro Baerbock contra Weber haben „Der Spiegel“ und „Süddeutsche Zeitung“, wie der Plagiatsjäger betonte, eines gezeigt: Sie verbreiten selbst Verschwörungstheorien. Und das ist neu. Waren früher Blogger, das Internet und die Sozialen Medien als Teil der kritischen Öffentlichkeit oft im Generalverdacht gegen die offene Gesellschaft anzuschreiben, zeigt sich nun das Gegenteil. Genau in dieser Wahrheitsverschiebung sieht Weber ein Problem für den Journalismus, für den er wieder mehr kritische Distanz und vor allem ein deutliches liberaleres Herangehen fordert. „Eigentlich sollten auch Massenmedien aus dem Fall Baerbock lernen, dass sie Beschreibungen kritisch hinterfragen müssen, bevor sie jemanden über den grünen Klee loben und hochschreiben. Die Enttarnung von Blendern wäre eigentlich Aufgabe der ‚vierten Gewalt‘. Sie hat im Fall Baerbock nicht nur versagt, sie hat sogar eine Gegen- und Scheinwirklichkeit konstruiert“, so Weber in der „Die Presse“.

„Den Kampf um die Ehrlichkeit glauben mir häufig jene nicht, die selbst unehrlich sind“, schreibt Weber. Diese Aussage gilt für den Plagiatsforscher unabhängig von Person und Partei. Wissenschaftliche Arbeit, und sei es das Erforschen von Plagiaten, darf nicht unter das politische Kuratel fallen, einer politischen Korrektheit geopfert werden, sondern gehört als ein Procedere der Wahrheitssuche und -findung zutiefst zum akademischen Diskurs. Damit es aber im Worst Case dazu gar nicht kommt, schlägt Weber einen „Ehrenkodex von politischen Parteien“ vor, „wonach sich Kandidaten zu ausnahmslos wahrheitsgetreuen Angaben in Lebensläufen verpflichten, ihre Nebeneinkünfte transparent machen und ihre akademischen Abschlüsse und Schriften offenlegen.“ Sollte dies dennoch nicht der Fall sein, muss die Wissenschaft Unrecht aufdecken. Das bleibt ihre Aufgabe im Dienst der freiheitlich-liberalen Werteordnung und letztendlich auch für das Staatswohl. Schummeleien zu kaschieren und schön zu reden, darf nicht zum Standard eines Journalismus werden, dem grüne Themen und Klimaschutz wichtiger als die Wahrheit sind.

KOMMENTARE

MEIST KOMMENTIERT

In Deutschland beginnt der Kampf um die Gülle

Weil Kunstdünger wegen hoher Energiepreise knapp und extrem teuer geworden ist, hat mit einmal Gülle ihren Preis. Hatten Bauern früher Mühe, ihren Mist loszuwerden, wird er ihnen jetzt aus den Händen gerissen. Schon ist auch Gülle zum knappen Gut geworden. Von Oliver Stock / Wirtschaftskurier

Scholz ist Schulden- und Inflationskanzler

Der CDU-Chef warnt: Die gegenwärtige Bundesregierung macht in zwei Haushaltsjahren mehr Schulden als alle Bundesregierungen zusammen in den ersten 40 Jahren der Bundesrepublik Deutschland. Von Friedrich Merz

Corona: Die Illusion der Normalität

Wir erleben derzeit ein Deja-Vu. Wir koennen, so wie im Sommer 2021, auch jetzt mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, dass spaetestens im Herbst die Corona-Zahlen wieder deutlich steigen werden. Diese Tendenz ist bereits jetzt feststellbar - allerdings auf einem noch nicht

Aus für den Verbrenner: Kommt es jetzt zum Havanna-Effekt?

An 2035 wird es keine Neuwagen mit Verbrennungsmotor mehr auf europäischen Straßen geben. Werden Liebhaber von benzin- und Dieselantrieben dann mit ihren rostigen Lauben bis zum Sankt Nimmerleinstag unterwegs sein?

Ampel plant Kahlschlag bei Gas

Es klingt geradezu abenteuerlich, was der beamtete Staatssekretär des Bundesministers für Wirtschaft und Klimaschutz vor wenigen Tagen bei einer Fachtagung von sich gegeben hat.

Habeck wagt den Coup gegen Gazprom

Trotz des Ukraine-Kriegs fließt russisches Gas weiter in großen Mengen nach Deutschland. Die Gasspeicher füllen sich zwar, doch nun gibt es ein Problem. Der Gazprom-Speicher im niedersächsischen Rehden bleibt leer. Ausgerechnet der ist aber der größte in Deutschland. Nun greift Wirtschaftsmini

Mobile Sliding Menu