Wer ist der Mann, der Pipelines in die Luft jagen will? | The European

Der Klimawandel lässt sich nur mit Sachgewalt aufhalten

Stefan Groß-Lobkowicz5.07.2021Medien, Wissenschaft

Dieser Mann ist Dynamit. Um die Welt vor dem Klimakollaps zu retten, will der schwedische Wissenschaftler und Umweltaktivist Pipelines in die Luft jagen. Wie Andreas Malm betont, kann man die Gewalt, die von den fossilen Brennstoffen und der dahinter agierenden Lobby ausgeht, nur stoppen, wenn man selbst rebelliert. Von Stefan Groß-Lobkowicz.

Andreas Malm, Quelle: YouTube

Politische Aktion, Streiks, Demos und Gewalt sind das eine, exakte Wissenschaft das andere Terrain, auf dem sich der 43-jährige Human-Ökologe Andreas Malm bewegt. Nicht nur in Fachkreisen genießt er Anerkennung mit Publikationen wie „KlimaX“  oder „White Sink, Black Fuel“. „On the Danger of Fossil Fascism“ oderCorona, climate, chronic emergency. War communism in the twenty-first century“. Der Anarcho-Öko bezeichnet sich selbst gern als eine Mischung aus politischem Aktivisten und Natur- und Gesellschaftswissenschaftler, als einer der Umweltgeschichte schreibt. Seriös sind seine Studien zur Dampfmaschine und Industrialisierung. Vielen gilt Malm als das neue Gewissen der Umweltaktivisten, als realer Pragmatiker, als prominente Stimme eines erneuerten ökologischen Marxismus. Und in der Tat hat er sich die alten Kampfbilder von Karl Marx auf die politische Agenda geschrieben. Wie einst der Trierer Philosoph und Ökonom will er die Welt nicht interpretieren, sondern verändern, ficht den modernen Klassenkampf neu aus, ergreift Partei für die Armen, Entrechteten und die Opfer der weltweiten Klimaänderung und kämpft anders als Marx gegen den bösen weißen Mann, der die Inkarnation allen Übels ist. Mit Marx plädiert er sogar für die Verstaatlichung von Konzernen, die dem Klima schaden. Und eine alles als nur reale Tatsache für den promovierten Wissenschaftler, der als kompromissloser Kämpfer in seiner Anhängerschaft, bei Fridays for Future oder bei den Grünen gefeiert wird, bleibt: In Sachen Klima ist es längst nicht mehr fünf vor zwölf, sondern wir sind bereits inmitten eines Klimakampfes angelangt, wo es schon längst nicht mehr um Einfriedung gravierender Umweltschäden geht, sondern buchstäblich um das Überleben. Wir sitzen alle in einem Boot, so Malm, und die Tatsache, dass Polkappen, dass Gletschereis schmilzt und die Meeresspiegel steigen, lässt buchstäblich ein Szenario entstehen, das nichts Gutes verheißt. Wenn wir jetzt nichts ändern, werden heutige Pandemien, Zoonosen und hyperletale Hitzewellen noch der blasse Vorgeschmack von Übermorgen sein.

Grüner Guru

Malm ist mittlerweile ein von den Grünen gefeierter Guru und gilt weltweit als einer der bekanntesten und zugleich einflussreichsten Umweltkämpfer. Der Schwede, 1977 in der kleinen Gemeinde Mölndal bei Göteborg geboren, will nichts anderes als die Welt retten. Auch nach dem Pariser Klimaabkommen sieht er keinen Klimaplan, großmundigen Versprechen von Bill Gates oder Joe Biden traut er nicht, wenn es um die Reduzierung von Co2 geht. die Investitionen in fossile Energien seien sogar gestiegen. Gegen den Lobbyismus von „Shell“ oder „Exxon Mobil“ arbeitet die liberale Demokratie zu langatmig, sind friedliche Proteste leichte Stürme, die all zu schnell in Vergessenheit fallen. Malms Credo ist anderer Natur: Aufmischen, Kämpfen und wenn möglich mit Gewalt. Das Handbuch zum Aufstand gegen den fossilen Kapitalismus hin zum postfossilen Zeitalter gibt der Mann, der selber nicht an eine „wertfreie Sozialforschung“ glaubt, mit an die Hand, quasi als globalen Leitfaden der Rebellion:„Wie man eine Pipeline in die Luft jagt. Kämpfen lernen in einer Welt in Flammen.“ Getreu der Maxime einer neuen Generation von Klimaaktivisten setzt er auf  Revolte, die sich gegen das fossile Kapital wendet. Klimaneutralität bleibt auch für ihn das neue Glaubensbekenntnis.

Der fossile Brennstoff ist das Böse

Bereits seit vielen Jahren zieht er gegen die fossile Industrie ins Feld. Schuld an der ökologischen Misere sei ein Lohn- und Ausbeutungskapitalismus der Upperclass, die mit der Industriellen Revolution auf Maximalgewinn zuungunsten der Natur und der Ressource Mensch als billige Arbeitskraft setzte. In seinem Buch „Fossil Capital. The Rise of Steam Power and the Roots of Global Warming“ untersuchte Malm dann auch den Zusammenhang von fossilen Brennstoffen im Kontext von Klassenbeziehungen im Großbritannien des 19. Jahrhunderts. Anstelle des Erdzeitalter des Anthropozän, Ausdruck einer neuen geochronologischen Epoche, wo die Spezies Mensch die biologischen, geologischen und atmosphärischen Prozesse auf der Erde verändert, will der Historiker den Begriff „Kapitalozän“ setzen – Erdzeitalter des Kapitals. Aber dieses, so seine Kritik, sei kein Ergebnis der natürlichen Evolution ebenso wenig wie die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen. „Das war abhängig von ganz bestimmten Umständen in Zeit und Raum. Natürlich kam es zu einer Universalisierung dieses Modells in der ganzen Welt. Aber das hat nichts mit einer inhärenten Neigung der menschlichen Spezies zu tun.“ Und daraus zieht er die politische Konsequenz, sich von fossilen Brennstoffen zu befreien, was aber nur gelingt, wenn man sich mit der sozialen Dynamik auseinandersetzt, „die unsere Abhängigkeit von ihnen antreibt.“

Es sind die Reichen, die die Emissionen verursachen

Malm glaubt nicht an eine „wertfreie Sozialforschung“, denn so sehr sich die fossile Gewalt einerseits radikalisiere, muss sich im Umkehrschluss, auch der Kampf in Gestalt der Klimabewegung andererseits radikalisieren. Und als politischer Journalist, der der syndikalistischen Sveriges Arbetares Centralorganisation verbunden war und für die anarchosyndikalistische Zeitung Arbetaren publizierte, hat er als überzeugtes Mitglied der trotzkistischen Socialistiska Partiet (SP) auch gleich den Feind im Blick. Für Malm ist es das eine Prozent der reichsten Menschen dieser Welt, die seit den Neunzigerjahren mehr als doppelt so viel CO₂ wie die gesamte arme Hälfte der Menschheit emittieren. „SUVs, Jachten, Vielfliegerei, mehrere Wohnsitze: Diese Arten von Konsum sind Gewaltakte“ – Parolen, die Grünen auf der Zunge zergehen, zumal, wenn er erklärt, dass die Superreichen für den Gau verantwortlich seien. Aber auch die Verfeuerung von fossilen Brennstoffen begreift er als eine Form von Gewalt, „weil sie Menschen durch anhaltende Dürren, Hitzewellen, Stürme und Überflutungen die Lebensgrundlage raubt, wenn nicht gar ihr Leben“.

Gewalt als Mittel des Protestes

Und im Kampf gegen den Klimawandel verkündet Malm in seinem politischen Manifest „Wie man eine Pipeline in die Luft jagt“ kann auch Gewalt gegen Sachen ein Mittel sein, um die hehren Ziele zu verwirklichen. Anders als die Väter der abendländischen Geistesgeschichte, Jesus von Nazaret, Siddhartha Gautama und im 20. Jahrhundert Mahatma Gandhi, die sich Gewaltlosigkeit buchstäblich auf die Fahnen geschrieben haben, will Malm einen neuen Klassenkampf gegen das Establishment. Zu dieser Radikalität treibt ihn der Frust, dass weder Klimakonferenzen noch Demonstrationen irgendetwas am „business as usual“ verändert hätten. Pipelines für fossile Brennstoffe werden weiterhin gebaut – und anders als im Kampf gegen das Coronavirus passiert viel zu wenig. Malm predigt zwar keinem Ökoterrorismus das Wort, doch es „wird Zeit, ein paar Stöcke in die Hand zu nehmen und die Früchte vom Baum zu schlagen.“ Gewalt ausschließlich gegen Sachen sei legitim, gegen Personen hingegen desaströs. Diese Form der Machtausübung widerstrebt selbst der robusten Natur des humanen Ökologen. Der Protestzyklus, der Malm dagegen vorschwebt, liegt in einer neuen Art der Mobilisierung, die „ähnlich wie die Black-Lives-Matter-Bewegung auch eine militante Komponente hat. „Gewalt war in diesem Fall Teil einer sozialen Bewegung, der es gelungen ist, so viele Menschen wie nie zuvor in der amerikanischen Geschichte auf die Straße zu bringen.“ Und die Stürmung einer Polizeiwache in Minneapolis zeige, dass die Infrastruktur der Polizei nicht unantastbar ist. „Genau dieses Gefühl sollte auch die Klimabewegung beflügeln: dass die fossile Infrastruktur ein Produkt der Geschichte ist und rasch enden, vom Netz genommen werden kann.“

Für den Klimarevolutionär sind Protestmärsche zwar schön für das Poesiealbum, moralischer Zierrat, aber für die harte Realität einer Welt, die auf den Kollaps hinsteuert, einfach nur schönes Beiwerk und letztendlich wie reine Gewaltlosigkeit, ein Credo der derzeitigen Klimabewegung, wirkungslos. Staatliche Eingriffe hingegen laufen auf Autokratismus und Geoengineering, vorsätzliche und großräumige Eingriffe mit technischen Mitteln in geochemische oder biogeochemische Kreisläufe der Erde, bergen schließlich ein zu hohes Risiko für den Menschen. Aber Beispiele, dass sich die Welt nur durch Sachgewalt verändert habe, findet Malm genug: von der Abschaffung der Sklaverei über die Suffragetten, den Kämpfen der Arbeiterklasse im 19. und frühen 20. Jahrhundert bis zur Islamischen Revolution. Erfolg sei an die Bereitschaft zur Gewalt gekoppelt. Selbst Friedensnobelpreisträger Martin Luther King hätte ohne die Drohung durch die radikale Black-Power-Flanke seine Ziele nicht erreicht.

Malm geht den falschen Weg

„Ohne drohende Revolte gibt es selten Reformen.“ Je mehr CO₂ in die Luft wirbelt und die Klimakrise verstärkt, desto radikaler muss sie Antwort der Klimabewegung ausfallen – dies bleibt das letzte Wort Malms, der beim Thema organisierte Sachschäden zugleich eine Arbeitsteilung mitliefert. Die Gemäßigten gehen an die Verhandlungstische, die Radikalen hingegen verüben Sabotageakte auf die fossile Brennstoff-Infrastruktur. „Je schneller sich die Welt erwärmt, desto aufgeschlossener werden die Menschen sein, Pipelines in die Luft zu jagen.“

Pipelines sprengen nennt Malm „intelligente Sabotage.“ Es bleibt doch sehr fraglich, ob das Ablassen der Reifen sämtlicher SUVs im wohlhabenden Viertel Östermalm eine intelligente oder eher eine infantile Handlung ist. Und wenn sein Buch mit einer Aktion von „Ende Gelände“ schließt, wo Bahngleise zum Tagebau „Schwarze Pumpe“ besetzt werden und eine Truppe den Zaun übersprang und das Wachpersonal überrumpelte, mag das zwar für Malm ein pulsierender, bewusstseinserweiternder Moment gewesen sein, wo „wir ein Stück der unseren Planeten zerstörenden Infrastruktur in den Händen“ hielten – aber auch dies bleibt eine fragliche Aktion, „Pipelines in die Luft zu jagen,“ selbst wenn uns der Klimawandel brennend unter den Nägeln brennt, ist das falsche Zeichen und jede Gewalt – und sei diese auch nur gegen Sachen gerichtet, ist kontraproduktiv und die dabei mit entstehenden Kollateralschäden immens. Malms Pathos, „besser zu sterben, während man die Pipeline in die Luft jagt, als teilnahmslos zu verbrennen“, ist die dunkle Vision eines Dystopisten, dem man positiv eigentlich nur entgegenhalten kann, dass er sich nicht wie der US-amerikanische Schriftsteller Jonathan E. Franzen damit abfinden will, dass man die Klimakatastrophe nicht mehr abzuwenden vermag. Apokalyptik  öffnet keinen Blick auf die Moderne. Aber das Malm gegen die Klimakatastrophe streitet, dass er eine unverantwortliche Klimapolitik nicht hinnehmen will, bleibt ein überzeugendes Argument, allein wenn die Mittel falsch sind. Was er mit seinem Buch allerdings schafft, ist ein neues Nachdenken über die Gewalt, die wir unserem Planeten antun.

Die Coronakrise zeigt, was möglich ist

Doch angesichts der Corona-Krise und eines weltweit ausgelösten Lockdowns mag man sich in der Tat fragen, warum in Zeiten der Pandemie die Politik plötzlich den Ausnahmezustand verhängt, rigide Verbote erlässt und die Grundrechte beschneidet, während wirklich dringende Klimafragen weiter in die Zukunft verschoben werden. Der Pandemie-Aktionismus  zeigt, dass Regierungen schnell agieren könnten, warum sie das in Sachen Klima so schleppend tun, bleibt ein Ärgernis. Und Malm zieht dann auch die Parallelen zwischen Klima und Coronakrise. „Die Entwaldung der Tropen hat sich 2020 beschleunigt. Das produziert unvermeidlich neue Zoonosen. Hier liegt die eigentliche Überschneidung von der Corona- und der Klimakrise: Das kapitalistische System ist gut darin, an den Symptomen herumzudoktern, ob mit Vakzinen oder CO₂-Speicherungs-Technologien. Das allein reicht aber nicht. Wenn wir die Krise in den Griff bekommen, müssen wir an die Ursachen“

Es geht nur durch mehr Verantwortung

1979 hatte der jüdische Religionsphilosoph Hans Jonas sein Buch „Das Prinzip der Verantwortung“ geschrieben. Bereits damals sprach er von einer „Heuristik der Furcht“, die nötig sei, damit wir lernen, uns vor den Folgen unseres zerstörerischen Handels zu ängstigen. Was Jonas damit meinte, war, dass wir uns vor den negativen Folgen unseres Tuns fürchten sollten. Alle technischen Entwicklungen sind so lange zu unterlassen, solange wir die Fernwirkungen nicht kennen. Die schlechtere Prognose der besseren vorzuziehen, bleibt eine bessere Handlungsanweisung als sinnlose Gewaltaktionen. Auch Gandhis Idee mag weiterhin überzeugen: „Jede und jeder soll unabhängig davon, was irgendeine andere Person tut, damit beginnen gut zu sein; dann wird die Güte des einen zurückgestrahlt im andern.“

Und statt Pipelines zu zerstören, sollten wir den visionären und innovativen Geistern mehr Aufmerksamkeit schenken: Wir brauchen mehr Nikola Teslas, der mit seinem Wardenclyffe Tower und seinem Resonanztransformator schon vor 100 Jahren drahtlos kostenlose elektrische Energie über die Erde verteilen wollte. Technologisch ist heute fast alles möglich, wir sollten die Innovationen nutzen, dann brauchen wir keine Gewaltfantasien à la Malm und keine Science-Fiktion- Dystopie á la Kim Stanley Robinson.

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