„Die große Klammer – eine Theorie der Normalität“

Stefan Groß-Lobkowicz16.02.2020Gesellschaft & Kultur, Medien, Wissenschaft

Was ist eigentlich normal? In Thüringen momentan wohl wenig. Passend zur Karnevalszeit geht es im Erfurter Landtag drunter und drüber. Wie konnte es dazu kommen? Eine ziemlich häufige Antwort von Kommentatoren ist die, dass sich Geschichte wiederhole. Die 20er Jahre waren bereits vor 100 Jahren ein Jahrzehnt des großen Durcheinanders, vor allem aber des Verlustes von Normalität. Heute erscheint die Lage kaum anders: mehr als 54% der Wähler hatten im Herbst 2019 Parteien ins Parlament gewählt, die als nicht normale – jedenfalls in einem übergeordneten Zusammenhang – betrachtet werden.

Wie kann daraus normale Politik erwachsen? Zum Thema Normalität hat Hans Martin Esser einen lesenswerten Essay geschrieben („Die große Klammer – eine Theorie der Normalität“, Kulturverlag Kadmos). Dabei beschäftigt er sich sehr tiefgehend und zugleich humorvoll-polemisch damit, wie Normalität entsteht, jenseits von moralisierenden Forderungen, obwohl Normalität doch gern als moralische Kategorie bemüht, gar missbraucht wird.

 Normalität als Phänomen

Wie entsteht nun das Normale? Gemäß Esser ist Normalität vor allem ein Maßstab, der aus Gruppendenken erwächst und der Bequemlichkeit aller dient. Normalität bricht Komplexität herunter. Jedes Wort ist gemäß Nietzsche ein Vorurteil. So sind es Sätze gemäß Esser erst recht Vorurteile, nicht zuletzt aufgrund ihrer standardisierten Floskelhaftigkeit. Aussagen wie „Nie wieder Krieg“ sind solche Narrative, also eingeübte Sätze, die die Kultur einer Gruppe prägen.

Sie werden zu den Geschichten, die man sich als Richtschnur hernimmt in den Gemeinschaften, denen man angehört, um nicht anzuecken und sich zu orientieren im großen Chaos. Das Normale entsteht nach Lesart der „großen Klammer“ durch die Übereinkunft der anonymen Masse und einem – wie Esser es nennt Paradigmatiker-, einer Person, die die Richtung vorgibt. So ist sowohl das Christentum aus dem Paradigmatiker Jesus über seine Anhängerschaft zu einer Normalität des Westens geworden. Ähnlich funktionierte es auch bei Greta Thunberg und Che Guevara, die Standards prägten und noch immer prägen.

Ohne eine hinreichende Zahl von Menschen, die sich mitziehen lassen, ist aber der Anführer aufgeschmissen. Meist entstehen neue Trampelpfade, wenn eine große Anzahl mit der bisherigen Normalität nicht zufrieden ist. So wären sowohl Greta Thunberg als auch Donald Trump unbedeutend geblieben, wenn die bisherigen Verhältnisse als zufriedenstellend empfunden worden wären. Gemäß Essers Essay kann die große Klammer Normalität brechen. Die Übereinkunft darüber, was politisch und kulturell zu gelten hat, ist also nicht in Stein gemeißelt. So sehen wir nicht zuletzt in Thüringen, dass es anders als noch vor 20 Jahren wohl keine grundsätzliche Übereinkunft gibt, was normal ist. Es brechen sich dann Echokammern mit Gleichgesinnten bahn, weil man auch dort auf eine Gruppenübereinkunft angewiesen ist. So ist die Verständigung auf das, was normal zu sein hat, Basis jeder Kultur, auch jeder Subkultur. Esser hantiert dort mit selbst kreierten Begriffen, nennt es Subnormalität, was man als Subkultur oder regionale Kultur bezeichnet. Überhaupt erscheinen Kultur und Normalität bei ihm oft als Synonyme.

Normalität als Waffe

Ohne Greta Thunberg und Donald Trump explizit zu erwähnen, wird sofort klar, was mit Subnormalität gemeint ist. In der Anhängerschaft des paradigmatischen Anführers stiftet die Übereinkunft über die Grenzen des Debattenkorridors Gemeinschaftsgefühl, oft in Abgrenzung zum anderen Lager.

Hatte Carl Schmitt noch argumentiert, Macht sei die Deutungshoheit über den Ausnahmezustand, dreht Esser den Spieß um. Der Normalzustand ist logischerweise das Gegenteil des Ausnahmezustands. So sieht Esser Macht als Deutungshoheit über das, was normal zu sein hat. Wie einst Nationen durch die Übereinkunft über das Normale geklammert wurden, geht gerade heute ein Riss durch Nationen, der sich mit der Sympathie für Greta beziehungsweise Donald personifizieren lässt. Die Lager bezichtigen sich gegenseitig der Unkultur. Fragt man nach dem Kriterium, warum man wiederum Donald Trumps beziehungsweise Greta Thunbergs Politik ablehnt, kommt es zu einem Kurzschlussargument, interessanterweise auf beiden Seiten mit den gleichen Worten: „Die sind doch nicht normal, die Greta (bzw. Donald) folgen“. Die Definitionshoheit über das Normale wird dann zur Waffe beider Lager mit dem gleichen Argument, nämlich mit dem Mangel an Normalität der Gegenseite.

Ein Wort des Trostes

Nun könnte man nicht zuletzt in Anbetracht der Unversöhnlichkeit der politischen Lager, mit der sich die Parteien zurzeit nicht nur in Thüringen, England oder den USA gegenüberstehen, einen Niedergang sehen. Da hat Esser mit seiner Abhandlung „Die große Klammer“ einen Trost parat. In seiner Lesart gibt es als Konstante den Hang zur Bequemlichkeit bei allen Menschen. So argumentiert er ökonomisch. Stets entsteht selbst in den vertracktesten Situationen Kriegsmüdigkeit und die Sehnsucht danach, nun endlich zur Normalität zurückzukehren. Kriegsmüdigkeit und Bequemlichkeit sind gerade die Lösungen der Konflikte.

So steht die zerbrochene Klammer Normalität dann gemäß Essers Interpretation wie Christus am dritten Tage von den Toten auf. Neben den Querverweisen zu Kunst und Liturgie gelingt es Esser leicht und elegant, komplizierte Phänomene mit einem Schuss Polemik zu würzen.

„Die große Klammer – eine Theorie der Normalität“ (Kulturverlag Kadmos) von Hans Martin Esser ist daher unbedingt lesenswert und höchst aktuell.

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