Wahl des Bundespräsidenten: Ex-Kanzlerin Merkel ist nur eine von 1472 Mitgliedern der Bundesversammlung | The European

Von Christian Drosten bis Roland Kaiser – Diese Promis wählen den Bundespräsidenten mit

Stefan Groß-Lobkowicz29.01.2022Medien, Politik

Am Sonntag, den 13. Februar, wählt die Bundesversammlung das neue Staatsoberhaupt. Der amtierende Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier gilt als haushoher Favorit bei der Mehrheit der im Bundestag vertretenen Parteien. Aber auch Prominente dürfen das Staatsoberhaut mitwählen. Von Stefan Groß-Lobkowicz

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, Foto: picture alliance/dpa | Bernd von Jutrczenka

Über die Parteigrenzen hinweg gilt SPD-Politiker Frank-Walter Steinermeier als Wunschkandidat für das Amt des neuen Bundespräsidenten. Doch der Jurist und ehemalige Außenminister ist nicht der einzige Kandidat. Neben dem Favoriten der Ampel-Regierung und der Union gehen der parteilose Gerhard Trabert (vorgeschlagen von den LINKEN) und AfD-Kandidat Max Otte mit ins Rennen.

Alle fünf Jahre wählt Deutschland sein Staatsoberhaupt. Und turnusgemäß hatte dreißig Tage vor Ablauf der Amtszeit Steinmeiers die seit Oktober 2021 amtierende Bundestagspräsidentin Bärbel Bas (SPD) die extra für diese Wahl notwendige Bundesversammlung zusammenberufen. Im Jahr 2022 wird die Versammlung durch den Mega-Bundestag größer. 736 Bundestagsmitglieder und 736 weitere Wahlpersonen, die von den jeweiligen Landtagen bestimmt werden, wählen dann die Nummer Eins im Staat.

Neben der Vielzahl von Abgeordneten waren es auch in den vergangenen Jahren immer wieder ehemalige Politiker, Sportler, Künstler und andere prominente Personen des öffentlichen Lebens, die von den Volksvertretungen entsandt wurden. Die Besonderheit dabei: Die Wahlmänner- und Wahlfrauen müssen nicht Mitglied der Partei sein, die sie nominiert.

Auf zwölf Bundespräsidenten kann Deutschland seit seiner Gründung mittlerweile zurückblicken. Und in all den Jahren wurde nur mit Joachim Gauck ein Staatsoberhaupt ohne Parteizugehörigkeit gewählt. Die CDU stellte die Hälfte, die Sozialdemokraten drei, die Liberalen zwei der Bundespräsidenten. Und obwohl SPD-Politikerin Gesine Schwan zweimal kandidiert hatte, stand noch nie eine Frau an der Spitze des Staates.

An der Prozedur ändert sich auch 2022 nichts, nur an der Location. Corona bedingt findet die Wahl nicht wie üblich im Plenarsaal des Deutschen Bundestages, sondern aufgrund der Abstands- und Hygieneregeln im viel größeren Funktionsgebäude des Bundestages, dem Paul-Löbe-Haus statt. Für das Prozedere gilt: Wer im ersten oder zweiten Wahlgang die absolute Mehrheit der Stimmen auf sich vereinigen kann, ist neuer Bundespräsident. Wenn nicht, bestimmt danach die relative Mehrheit den Wahlsieger.

Comedian Dieter Nuhr vertritt die FDP, Bernd Stelter die CDU

Prominent geht es auf 17. Bundesversammlung auf alle Fälle zu. Allein aus dem bevölkerungsreichsten Bundesland Nordrhein-Westfalen werden 156 Wahlfrauen und -männer nach Berlin anreisen. Unter ihnen Dietmar Bär alias „Tatort“-Kommissar Freddy, den die SPD im Düsseldorfer Landtag in die Bundesversammlung entsendet. Aber auch Kult-Comedians und Kabarettisten sind dabei. Die FDP setzt auf Dieter Nuhr, die CDU auf Bernd Stelter. Comedian Hennes Bender ist einer der Wahlmänner der SPD.

Die Fraktion der Grünen im Berliner Abgeordnetenhaus schickt mit dem Direktor des Instituts für Virologie der Berliner Charité, Christian Drosten, einen der bekanntesten deutschen Wissenschaftler und Pandemieexperten an die Wahl-Urne. Doch der Grimme-Preisträger, der im Oktober 2020 das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse aus der Hand Steinmeiers erhielt, ist nicht der einzige Wissenschaftler. Mit der Infektiologin Marylyn Addo will die Hamburger SPD ihrem Kandidaten eine Stimme mehr geben. Die hessischen Grünen entsenden die Virologin Sandra Ciesek. Und mit der Mitbegründerin des Mainzer Impfstoff-Entwicklers Biontech, Özlem Türeci, wird eine weitere Top-Wissenschaftlerin – nominiert durch die SPD des Landes Rheinland-Pfalz – an der Wahl teilnehmen. Die Grünen aus Nordrhein Westphalen nominierten Christian Karagiannidis, den Präsidenten der Deutschen Gesellschaft für Internistische Intensivmedizin und Notfallmedizin (DGIIN). Die CDU setzt ihr Vertrauen in Intensivmediziner Gernot Marx, der seit Anfang 2021 gewählter Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) ist und der seit der COVID-19-Pandemie in Deutschland einer breiten Öffentlichkeit bekannt wurde.

Roland Kaiser und Igor Levit gehen für die SPD und die Grünen ins Rennen

Bereits zum zweiten Mail ist der Sänger Roland Kaiser bei einer Bundespräsidentenwahl dabei. Der Mann, der gewöhnlich Arenen füllt, betritt dann die viel leisere Bühne der Berliner Republik. Seit Jahren gilt das Urgestein des deutschen Schlagers als bekennendes Mitglied der Sozialdemokraten. In der SPD von Mecklenburg-Vorpommern freut man sich, dass man mit dem 69-Jährigen einen Prominenten nominierte, der durch sein soziales Engagement aktiv die Werte der Partei vertritt.

Statt einen Schlagerstar schicken die Grünen aus Niedersachsen den Starpianisten nach Berlin. Igor Levit kennt sowohl Schloss Bellevue als auch den derzeitigen Amtsinhaber. Anfang April 2020 spielte er die Waldstein-Sonate von Ludwig van Beethoven auf Einladung von Steinmeier. Levit ist ein bekennender Grüner und unterstützte die Öko-Partei schon bei der Bundestagswahl 2021.

Mit Klaas Heufer-Umlauf setzt die niedersächsische SPD auf einen der derzeit angesagtesten Fernsehmoderatoren, der zusammen mit seinem Kollegen Joko Winterscheidt die Abendsendung „Late Night Berlin“ moderiert. Der gebürtige Oldenburger, der kein Mitglied der Partei ist, hatte bei der Bundestagswahl 2013 Kanzlerkandidat Peer Steinbrück und 2014 bei der Europawahl SPD-Spitzenkandidat Martin Schulz bereits unterstützt.

Die bayerische SPD mag es eher sportlich. Für sie darf der FC-Bayern- und Nationalspieler Leon Goretzka, der im vergangenen Jahr die Bundesliga-, den DFB-, und den Champions League-Pokal gewonnen hat, ins Paul-Löbe Haus reisen. Auch Thüringen setzt auf Sport und die CDU des Landes nominierte die ehemalige Radrennfahrerin und zweifache Olympiasiegerin Kristina Vogel. Auch Brandenburgs Grüne stehen dem nicht nach. Auf Wunsch der Grünen-Fraktion fährt die Schwimm-Olympiasiegerin Britta Steffen nach Berlin. Die SPD hingegen schickt die Cottbuser Radsportlerin Jana Majunke zur Unterstützung.

Die ehemalige Kanzlerin ist nur eine unter vielen

Auch die ehemalige Bundeskanzlerin Angela Merkel wird im nur wenige Meter vom Reichstagsgebäude entfernt liegenden Paul-Löbe-Haus erwartet. Die CDU-Landtagsfraktion Mecklenburg-Vorpommern hat Merkel nominiert, die jetzt als eine der 1472 Mitglieder der Bundesversammlung kurzzeitig erneut die politische Bühne betritt. Wie Fraktionschef Franz-Robert Liskow betonte, wollte man sich mit der Nominierung auch bei der Kanzlerin dafür „ein klein wenig bedanken, für das, was sie für das Land getan hat.“ Aber auch die Reihe altgedienter Politiker ist lang.  Thüringen schickt mit Bernhard Vogel, Dieter Althaus und Christine Lieberknecht gleich drei ehemalige Ministerpräsidenten ins Rennen. Berlins Ex-Bürgermeister Eberhard Diepgen, der hessische Roland Koch, Georg Milbradt aus Sachsen und Jürgen Rüttgers aus NRW flankieren die Riege der CDU. Für die CSU sind Horst Seehofer und Edmund Stoiber mit dabei. Die SPD entsendet aus Sachsen, Stanislaw Tillich, aus Mecklenburg-Vorpommern Erwin Sellering, aus Schleswig-Holstein Torsten Albig und aus Brandenburg Matthias Platzeck in die Bundesversammlung. Aber auch der ehemalige Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) sowie der langjährige Finanzminister und „Mister Euro“ Theo Waigel (CSU) sind unter den Auserwählten.

Und mit den deutschen Astronauten Alexander Gerst, der bereits zweimal für die Europäische Raumfahrt-Agentur 2024 und 2018 im All war, schicken die Grünen aus Baden-Württemberg einen Mann ins Rennen, der nicht nur ein bekennender Klimaaktivist ist, sondern als einziger der Bundesversammlung die Erde aus einer ganz anderen Perspektive gesehen hat.

Eine Liste aller Mitglieder der 17. Bundesversammlung finden Sie hier

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