RKI-Chef Wieler hat genug von der Nicht-Krisen-Politik der Bundesregierung | The European

Lothar Wieler 2.0. - Vom Paulus zum Saulus

Stefan Groß-Lobkowicz29.11.2021Medien, Wissenschaft

Die Zahl der Corona-Neuinfektionen steigt und die neue Südafrika- droht die Delta-Variante in Bezug auf eine erhöhte Ansteckungsgefahr noch in den Schatten zu stellen. Der Chef des Robert-Koch-Instituts, Lothar Wieler, mahnt schon seit Monaten. Doch die Regierung hat die Corona-Krisenbewältigung verschlafen. Jetzt ist Wieler der Kragen geplatzt. Der bedächtige Paulus wurde zum Saulus. Von Stefan Groß-Lobkowicz.

Prof. Dr. Lothar H. Wieler, Präsident Robert Koch-Institut (RKI) im Portrait bei der Bundespressekonferenz zum Thema Corona-Lage, Foto: picture alliance / Flashpic | Jens Krick

Die Corona-Lage in Deutschland spitzt sich weiter zu: Die bundesweite Sieben-Tage-Inzidenz steigt weiter an, auch am Freitag wurden neue Höchstwerte verzeichnet. Laut Robert-Koch-Institut (RKI) wurden 76.414 Neuinfektionen registriert. Hinzu kommt eine höchstansteckende Variante aus Südafrika. Der deutsche Tierarzt und Fachtierarzt für Mikrobiologie, Lothar Wieler, der seit März 2015 Präsident des Robert Koch-Instituts ist, hatte schon am Mittwoch die Notbremse gezogen und in einer Brandrede geschildert, wie alarmierend die Corona-Lage in Deutschland wirklich ist: „Wir laufen momentan in eine ernste Notlage. Wir werden wirklich ein sehr schlimmes Weihnachtsfest haben, wenn wir jetzt nicht gegensteuern,“ sagte der Wissenschaftler, der Veterinärmedizin an der FU Berlin und der LMU in München studierte. Am Freitag legte er nach: „Wie viele Menschen müssen denn noch sterben?“

Wieler galt als ein Gesicht der Pandemie. Neben Karl Lauterbach, Christian Drosten, Hendrick Streeck und Alexander S. Kekulé war Wieler immer der bedächtigste Mahner, ein Mensch, der Mitte, der nicht auf Krawall setzte, sondern auf das wohlbedachte bessere Argument. Der in Königswinter am Rhein geborene Wieler war stets ein Forscher im besten Sinne des Wortes, ein leiser Kämpfer gegen die Zoonosen der Welt. Mit Preisen und Ehrendoktorwürden überhäuft, lagen die Forschungsschwerpunkte des Fachtierarztes für Mikrobiologie in der molekularen Entwicklung (Pathogenese) und funktionellen molekularen Epidemiologie multiresistenter bakterieller Erreger, insbesondere von Zoonose-Pathogenen.

Doch nun ist selbst der ruhige und bedächtige Wissenschaftler, der immer mit einer vertraulichen und verbindlichen Tonalität für seine Strategie warb, zum Saulus geworden. Sein Frust über die unzureichende Corona-Politik, die in der Großen Koalition schon breitflächig versagte und beim Geschacher um die neuen Ministerposten der Ampel-Regierung unter die Räder zu drohen und zur Posse verkommt, ist groß.

Eigentlich wird man vom Saulus zum Paulus. Bekannt ist die Bekehrung des Saulus zum Paulus aus der biblischen „Apostelgeschichte 9, 1-9“. Dort wütete Saulus, drohte mit Mord und Totschlag gegen die Jünger des Herrn, bevor er eine 180-Grad-Wende vollzogen hatte und sich vom Schlechten ab- und zum Guten hinwendet. Doch der RKI-Chef ist jetzt von Paulus zum Saulus geworden, wettert und geht voll auf Konfrontation. Nannte der Apostel damals seine Erweckung zum Christentum sein „Damaskuserlebnis“ sieht Wieler derzeit überhaupt kein Zurück zum Status quo. Laut RKI liegt die Zahl der binnen sieben Tagen gemeldeten Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner bundesweit bei 438,2. Die Zahl der Menschen, die an oder unter Beteiligung einer nachgewiesenen Infektion mit Sars-CoV-2 gestorben sind, stieg auf 100.476. Innerhalb von 24 Stunden starben 357 Menschen an Corona.

Schon früh warnte das RKI davor, wie groß die Welle bei zu wenig Geimpften wird. Und wiederum ist es Wieler 2021 gewesen, der 1998 bis 2015 Professor für Mikrobiologie und Tierseuchenlehre am Fachbereich Veterinärmedizin der FU Berlin und geschäftsführender Direktor am Institut für Mikrobiologie und Tierseuchen war, der kassandrahaft vor einer total unübersichtlichen Corona-Lage warnte. Als Berater der Bundesregierung und der Landesregierungen bei Krankheiten, insbesondere bei Infektionskrankheiten, und bei der Eindämmung der COVID-19-Pandemie in Deutschland, hatte der Chef für die Pandemiebekämpfung in Deutschland, zuerst die tödliche Wucht des Virus unterschätzt. Während die BioNTech-Gründer Ugur Sahin und Özlem Tureci bereits am 25. Januar 2020 mit ihrem Unternehmen das Projekt Lightspeed starteten, um früh ihren mRNA-Impfstoff in Position zu bringen, hielt Wieler den Corona-Ausbruch in Wuhan noch für ein lokales Problem in China.

Anders als die umtriebigen Wissenschaftler aus Mainz brauchte das RKI deutlich mehr Zeit zur Krisenkoordination und Kriseneindämmung. Erst im April 2020 kam es zur Empfehlung, dass Bürger an Orten mit vielen Kontakten Schutzmasken tragen sollen. Von der obersten Gesundheitsbehörde aus Berlin kam der Rat, Stoff- und Behelfsmasken zu nähen.

Doch Wielers Warnrufe verliefen im Sand. Schon am 22. Juli hatte das RKI durch genaue Modellrechnungen vorgelegt, dass die Zahlen bei der hochansteckenden Delta-Variante im Herbst zur Decke schießen, wenn nicht weiter geimpft wird. Bereits im Sommer war für die Experten klar, dass selbst bei einer Impfquote von 75 Prozent ohne Kontaktreduzierungen bis November über 6000 Covid-19-Patienten in Herbst und Winter auf Intensivstationen liegen könnten. Und sicher war man sich in Berlin-Mitte, dass laut der Modellierungen die meisten Infektionen Erwachsene unter 60 und Kinder unter 12 Jahren betreffen würden. Schon damals insistierte man vergeblich auf höhere Impfquoten von 85 bis 95 Prozent, empfahl deutliche Verhaltensänderungen und frühzeitige präventive Maßnahmen, die die Kurven deutlich abflachen lassen. Immer hatte Wieler gewarnt, dass die Pandemie erst bei einer Impfquote von rund 85 Prozent im Griff ist.

Doch nicht erst für Wieler scheint das geflügelte Wort sich zu beweisen, dass der Prophet nichts im eigenen Land gilt. Der sonst umsichtige Gesundheitsminister Jens Spahn sprach sich im Oktober für eine Beendigung der Corona*-Notlage aus und sendete die falschen Signale aus. Warnungen, dass die Schutzwirkung der Impfung schneller nachlasse, schlugen die urlaubsverwöhnten Bundesbürger von Rügen bis nach Garmisch in den Wind. Und die Politik hatte der Corona-Müdigkeit nichts entgegenzusetzen, kaprizierte sich dagegen voll auf den Wahlkampf mit dem leidigen Corona-Thema als Nebensache. Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel, die im November wieder die Alarmglocken aufschrillen ließ und sich gegen die Aufhebung der epidemischen Lage aussprach und damit der neuen Ampel in die Parade fuhr, hatte sich am 13. Juli bei einem Besuch beim RKI mit dem französischen Staatspräsidenten gegen eine Impfpflicht für bestimmte Berufe ausgesprochen: „Wir haben nicht die Absicht, diesen Weg zu gehen, den Frankreich vorgeschlagen hat. Wir haben gesagt, es wird keine Impflicht geben.“ Auch der sonst als Corona-Hardliner bekannte bayerische Ministerpräsident Markus Söder (CSU), der seit dem Beginn der Pandemie harte Maßnahmen im Kampf gegen das Corona-Virus forderte und sich in Deutschland damit als Krisenbewältiger par excellence einen Namen machte und schon als Merkel-Nachfolger gehandelt wurde, betonte Ende August, dass 60 Prozent der Bürger nun zweifach geimpft seien: „Daher wird es jetzt definitiv keinen Lockdown mehr geben oder Beschränkungen, wie wir sie hatten.“

Nicht anders argumentiere damals SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz. Der bekannte Anfang September in der ARD-„Wahlarena“: „Corona ist ja bald vorbei.“ Alle hatten sich geirrt. Frankreich steht mittlerweile in der Pandemie besser da, selbst Schweden und Brasilien zählen zu den Gewinnern im Kampf gegen die Pandemie.

Wielers kritische Hinweise, die am 22. Juli genau darlegten, welche vierte Welle bei welcher Impfquote droht, wurden geflissentlich ignoriert. Nach wie vor ist die Impfquote wie in Österreich weiter unter den Erwartungen von zumindest 75 Prozent geblieben. Der Buhmann war wieder Wieler. Seine Warnrufe wurden als alarmistisch abgetan. Doch schon damals betonte die Bundesbehörde: „Ein höherer Anteil an „Impfdurchbrüchen“ oder von Reinfektionen könnte den Anteil schwerer Erkrankungen erhöhen.“

Zuletzt betonte der Saulus der Pandemie: „Wir haben in den letzten Wochen eine Case-Fatality-Rate, also eine Rate von Meldungen zu Verstorbenen, von etwa 0,8 Prozent. Das heißt also, von diesen 52.000 dort werden (…) 400 etwa sterben.“ Und fügte hinzu: „Und was mir wichtig ist, das müssen alle, die jetzt zuhören, ganz klar begreifen: Daran gibt’s nichts mehr zu ändern. Wir können das nicht mehr ändern. Diese Menschen sind ja infiziert. Davon gehen dann eben 3000 ins Krankenhaus, davon gehen ein paar hundert auf Intensiv, davon sterben ebenso viele. (…) Niemand von uns, der hier sitzt, kann diesen Typen noch helfen. Das ist ein Eimer Wasser, der ist ausgeschüttet, den kriegen Sie nicht mehr rein. (…)  Das Kind ist in den Brunnen gefallen.“

Und Wieler ging noch weiter, forderte eine politische Mitverantwortung, denn die Schwelle von 100 000 Pandemieopfern in Deutschland wird weiter überschritten. Der einst ruhig argumentierende Wieler, der mit ruhiger Stimme die pandemische Lage erklärte und bei seinen öffentlichen Auftritten immer auf die brenzlige Situation im Winter hinwies, nimmt nun kein Blatt mehr vor den Mund und entschlüpft jetzt endgültig der Rolle des Corona-Diplomaten.

„Ich bin schon lange ein Papagei,“ sagt der Mann, der es nicht mehr ertragen kann, dass seine Hilferufe im Wind verhallten und fügt hinzu: „Wenn das Impfen nicht gelingt,“ kommt die fünfte Welle mit voller Wucht.

Angesichts der neuen Mutation aus Südafrika, die viel gefährlicher, tödlicher und ansteckender als die Delta-Variante sein kann, sollte man vielleicht mehr auf seine neueste Warnung hören. Der Deutschen Presse-Agentur sagte er: „Wenn das Verringern der Kontakte und das Impfen nicht intensiv gelingt, werden wir nach den jetzigen Modellierungen auch noch eine fünfte Welle bekommen.“ Immerhin hat Wieler als vielzitierter Wissenschaftler 2021 laut Scopus einen h-Index von 53. Der h-Index ist ein Index, der versucht, sowohl die Produktivität als auch die Wirkung der veröffentlichten Arbeiten eines Wissenschaftlers zu messen. Der auch als Hirschfaktor bekannte Index wurde 2005 vom argentinischen Physiker Jorge E. Hirsch entwickelt.

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