Reem Alabali-Radovan: Vom Flüchtlingskind zur Staatsministerin | The European

Eine Hobby-Boxerin wird neue Staatsministerin für Migration, Flüchtlinge und Integration

Stefan Groß-Lobkowicz11.12.2021Medien, Politik

Der Grüne Cem Özdemir ist der erste Bundesminister mit Migrationshintergrund. Doch er bleibt in der neuen Ampel-Regierung nicht allein. Mit Reem Alabali-Radovan schickt die SPD eine Staatsministerin für Migration, Flüchtlinge und Integration ins Rennen, deren Eltern aus dem Irak vertrieben wurden und die sich als Hobby-Boxerin notfalls gut verteidigen kann. Von Stefan Groß-Lobkowicz.

Reem Alabali-Radovan, Foto: picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild | Zentralbild

Reem Alabali-Radovan, Foto: picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild | Zentralbild

Es ist fast wie eine Geschichte wie auch einem Märchenbuch, die Reem Alabali-Radovan am Montag widerfuhr. Am Telefon war der neue Kanzleramtschef Wolfgang Schmidt – und mit einem schönen Gruß von Olaf Scholz fragte er, ob sie nicht Staatsministerin und Integrationsbeauftragte werden wolle. Die Zusage kam prompt und die Nachfolge von Annette Widmann-Mauz (CDU) im Kanzleramt war geklärt.

Gerade 31 Jahre jung ist die neue Staatsministerin für Migration, Flüchtlinge und Integration. Nach nicht einmal nach zwei Jahren in der Landespolitik im ostdeutschen Bundesland Mecklenburg-Vorpommern hatte die 1990 in Moskau geborene Alabali-Radovan diese Woche einen Karrieresprung sondergleichen hingelegt.

Das neue Amt als Staatsministerin kommt ein wenig überraschend, da Alabali-Radovan überhaupt erst seit diesem Jahr Mitglied bei den Sozialdemokraten ist. Und ihre Besetzung direkt an den Kabinettstisch von Olaf Scholz ist sicherlich eines der Geheimnisse im Ampel-Personaltableau.

Doch Alabali-Radovan hatte starke Rückendeckung – einmal von Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (SPD), zum anderen vom neuen Bundeskanzler Olaf Scholz. Schwesig betonte, dass Alabali-Radovan eine „hervorragende Arbeit geleistet habe“ und mit ihrem persönlichen Lebenslauf geradezu dafür steht, „dass Integration gelingen kann“. Scholz hatte Alabali-Radovan das erste Mal bei einer Boxveranstaltung im Sommer in Schwerin getroffen. Der damals noch wahlkämpfende SPD-Politiker besuchte mit Schwesig den Boxclub der Stadt – „Traktor Schwerin“. Alabali-Radovan, selbst leidenschaftliche Hobby-Boxerin, erklärte damals die Geheimnisse der Sportart, dass das alles eben nicht so schlimm sei wie es aussehe, aber man durch taktische Manöver und Schnelligkeit gut gegen Angriffe gewappnet sei.

Als Kind irakischer Eltern kam sie 1996 in den Norden der Republik, studierte Politikwissenschaft an der Freien Universität Berlin. Nach dem Abschluss ihrer Bachelorarbeit, in der sie über den Bürgerkrieg in Syrien forschte, arbeitete sie unter anderem am Deutschen Orient-Institut und für die mecklenburgische Ausländerbehörde. Berufsbegleitend studiert sie seit 2017 für den Master of Arts im Fachgebiet Nachhaltige Entwicklungszusammenarbeit an der Technischen Universität Kaiserslautern. Seit Januar 2020 hatte Alabali-Radovan das Amt der Landesintegrationsbeauftragten inne und schnappte sich bei der Bundestagswahl im September 2021 das Direktmandat für ihren Schweriner Wahlkreis. Wie viele junge Abgeordnete sitzt auch sie im neuen Bundestag. Dort repräsentiert sie Schwerin und Westmecklenburg.

Das Integration gelingen kann, dafür steht letztendlich Alabali-Radovan, die ab 2015 in der Erstaufnahmeeinrichtung für Geflüchtete in Horst wieder tätig war, genau an dem Ort, wo sie 1996 mit ihren Eltern aufgenommen wurde. Seit über zwanzig Jahren kennt die in Schwerin lebende SPD-Politikerin die Probleme von Migration und schwerfälliger Integration. Die Eltern, beide Ingenieure, hatten in Moskau studiert, später in Deutschland ihren Asylantrag gestellt. Doch ihr Ingenieursdiplome wurden nicht anerkannt, heute arbeiten Alabali-Radovans Eltern in Schwerin im Einzelhandel und in der Gastronomie.

Aber was es bedeutet, mit einer Migrationsgeschichte in Deutschland Fuß zu fassen, sich dennoch politisch zu engagieren, sich durchzubeißen – hat Reem Alabali-Radovan in all den Jahren gelernt. Und wie ihr assyrischstämmiger Vater, der sich dem Widerstand gegen Saddam Hussein angeschlossen und für die Peschmerga kämpfte, will sich Alabali-Radovan, die „zu drei Viertel assyrischer Abstammung“ ist und dem chaldäisch-katholischen Ritus angehört, künftig unter anderem dafür einsetzen, dass Projekte gegen Rassismus, Antisemitismus und Islamfeindlichkeit gestärkt werden. Auch mit Hilfe des Bundes sollen solche Projekte finanziert werden – dafür will sie nun kämpfen. Und wenn es bei der Umsetzung ihrer Ideale doch einmal Widerstände geben sollte, könnte es ihr helfen, dass sie Hobby-Boxerin ist.

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