Olaf Scholz setzt jetzt auf Hendrick Streeck | The European

Hendrick Streeck: In die Disko würde ich nicht gehen, aber in eine Bar schon

Stefan Groß-Lobkowicz15.12.2021Medien, Wissenschaft

Die Virologen Christian Drosten und Hendrick Streeck sind sicherlich die prominentesten Gesichter der Corona-Pandemie. Doch die beiden Wissenschaftler waren sich bei der Corona-Bekämpfung und den Maßnahmen nicht immer einig. Jetzt sollen beide unter Kanzler Olaf Scholz einem Expertenrat der Bundesregierung angehören. Und anders als Ex-Kanzlerin Angela Merkel (CDU) setzt Scholz mit diesen Personalien auf unterschiedliche Meinungen im Kampf gegen die Pandemie. Von Stefan Groß-Lobkowicz.

Hendrik Streeck, Virologe, Foto: picture alliance/dpa | Fabian Sommer

Ein 19-köpfiger Corona-Expertenrat soll Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) beim künftigen Corona-Management besser und vor allen aus unterschiedlichen wissenschaftlichen Perspektiven beraten. Neben dem Chef des Robert-Koch-Institutes Lothar Wieler und dem Chef der Ständigen Impfkommission (STIKO)Thomas Mertens gehören dem neuen Team auch zwei Virologen an, die sich sowohl bei der Einschätzung der Corona-Lage als auch bei den zu ergreifenden Maßnahmen nicht immer einig waren: Christian Drosten, Chefvirologe der Berliner Charité, und Hendrick Streeck, Leiter des Virologischen Institutes der Uniklinik Bonn.

Schon jetzt sorgt die Personalie Streeck als Teil des Gremiums für Wirbel. Dann anders als Drosten war Streeck unter Ex-Bundeskanzlerin Angela Merkel nie zu Corona-Beratungen hinzugezogen worden. Dass die neue Bundesregierung unter Scholz bei der Pandemie-Bekämpfung nun einen anderen Weg geht, kann als Zeichen gesehen werden, dass die Ampel-Regierung auf plurale Wissenschaftsmeinungen setzt. Das hatte auch Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) unterstrichen und betont „Wir wollen als Bundesregierung die Pandemie-Bekämpfung stärker auf wissenschaftliche Expertise stützen.“ Wichtig sei es, sich von einem möglichst breiten Expertengremium beraten zu lassen.

Drosten und sein rigider Kampf gegen das Virus galt der Kanzlerin lange als der richtige und einizig gangbare Weg wie die Bundesrepublik in Sachen Pandemiebekämpfung zu verfahren habe.  Drosten wurde geradezu zur Ikone einer erfolgversprechenden Anti-Corona-Politik – für seinen NDR-Podcast erhielt er den Grimme-Preis. Für seinen Einsatz gegen das Virus wurde er mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt. Streeck hingegen, der den ersten Corona-Hotspot des Landes, in Heinsberg, untersuchte, passte nicht so sehr in das Corona-Raster der Altbundeskanzlerin und lief quasi auf einem Parallelgleis, wenn es um eine objektive Corona-Politik ging. Noch bis zum Ende ihrer Amtszeit sprach sich die Kanzlerin für die Aufrechterhaltung der epidemischen Lage nationaler Tragweite aus und fuhr damit im Fahrwasser von Drosten, der für eine härtere Gangart bei der Bekämpfung des Covid-19 plädierte und sich immer wieder in diesem Zusammenhang für gravierende Grundrechtseingriffe ausgesprochen hatte.

Drosten setzte auf harte Kontaktbeschränkungen, appellierte an die Menschen, Masken zu tragen, forderte sogenannte Cluster-Kontakttagebücher, um die Infektionsketten schnellstmöglich nachzuverfolgen und zu unterbinden. Der 1972 im Emsland geborene Drosten plädierte schon früh für eine „Vorquarantäne“, damit sich Menschen, die später ihre Familienangehörigen besuchen, soziale Kontakte vermeiden“. Auch im Blick auf die Omikron-Variante des Coronavirus mahnte er in der Vierten Welle kassandrahaft: „Besorgniserregend“ sei es, wie schnell sich die Variante verbreitet und man gewinne den Eindruck, „dass sich das Geschehen alle drei Tage verdoppelt“. Mit Blick auf Südafrika, Dänemark und auch England zeige sich, so Drosten, dass die Verbreitung von Omikron deutlich schneller ist, „als wir es von der Delta-Variante gewohnt sind.“ In diesem Zusammenhang sprach sich der Berliner Virologe erneut für sogenannte Booster-Impfungen „mit großem Elan“ aus, auch bestehende Impflücken müssten jetzt radikal geschlossen werden. Und Mitte Dezember 2021 legte er nach und betonte: „Jeder der kann, muss sich jetzt boostern lassen. Alle Ungeimpften müssen sich hinsetzen und ganz genau nachdenken, ob sie wirklich das aufrechterhalten wollen, angesichts auch dieser neuen Gefahr. Dieses Virus wird auch die Ungeimpften treffen.“ Die Impflücken bei den über 60-Jährigen und den Jüngeren seien noch viel zu groß.

Im Unterschied zu seinem Kollegen Drosten hatte Streeck immer wieder die strikten Corona-Beschränkungen in Deutschland, Lockdown inklusive, kritisiert. Deutschland sei „zu schnell in den Lockdown gegangen.“ Ein Grund dafür sei neben der Sorge um die Kapazität der Krankenhäuser „ein gewisser Druck in der Öffentlichkeit“ gewesen.

„Für die meisten Menschen ist das Virus nicht gefährlich, für einige wenige schon“, erklärte Streeck immer wieder und forderte nicht nur auf die Fallzahlen zu schauen, um das Infektionsgeschehen zu bewerten. „Es muss darum gehen, wie sehr die Gesellschaft mit einer Krankheit belastet ist – und darüber sagt die reine Infektionszahl nicht unbedingt etwas aus.“ Anders als Drosten, setzt sich Streeck für das Ampelsystem ein. Nach Ansicht des Virologen, der sich seine Meriten bei der Aids-Forschung verdiente und Drosten auf dem Bonner Lehrstuhl nachfolgte, solle das Ampelsystem einen Richtwert aus Infektionszahlen, Anzahl der Tests, stationärer und intensivmedizinischer Belegung abbilden. Allein, wenn diese Ampel sich auf Gelb umschalten sollte, sei es notwendig, weitere Maßnahmen zu verhängen, möglicherweise neue Kontaktbeschränkungen. „Wenn wir uns danach richten, dann haben wir eine gute Chance, gut durch den Winter zu kommen“, so Streeck. Dazu benötig man keine epidemische Notlage – alle erforderlichen Maßnahmen könnten auch ohne diese getroffen werden. Diese Debatte war eh nur ein Nebenschauplatz.

Auch in Sachen Sterblichkeitsrate hatte Streeck in den letzten beiden Jahren der Pandemie eine deutlich andere Sichtweise als Drosten. Im Gegensatz zum Charité-Wissenschaftler sprach er von Anfang an von einer niedrigen Todesrate, bezifferte sie auf höchstens 0,37 Prozent. Wie der Bonner Virologe von Anfang an betonte, sei zwar Corona gefährlicher als eine normale Grippewelle, aber er fügte auch hinzu: „Corona wird nicht unser Untergang sein“. Vielmehr betonte er, dass die Angst vor dem Virus viel zu irrational geführt werde und kleinste Nebenrisiko-Wahrscheinlichkeiten von der Politik und den Medien überproportional dramatisiert würden.  „Das Virus ist zu politisch geworden, obwohl es eigentlich nicht politisch sein sollte.“ Und zum Superwahljahr 2021 merkt er in einem „Merkur-Interview an: „Jedenfalls haben wir im Sommer mehr Wahlwerbung als Impfwerbung gesehen. Noch entscheidender ist aber: Wir haben im Rahmen der Werbekampagne fürs Impfen keine nachhaltige, fachliche Aufklärung erlebt. Viele Menschen verstehen nicht, wie die Impfstoffe im Körper wirken. Sie haben Ängste vor den Impfstoffen. Um unbegründete Ängste auszuräumen, muss man endlich damit anfangen, besser aufzuklären. Zu viele Skeptiker wurden von der Politik bisher nicht abgeholt, obwohl das keine Unmöglichkeit ist.“

Während Drosten erst im nächsten, im übernächsten Jahr oder auch erst in drei Jahren eine Entspannung an der Coronafront sieht und erklärt, dass Corona dann ein normales Erkältungsvirus sein werde und eine Impfauffrischung im Winter ausreiche, plädiert Streeck schon länger für ein Ende des Krisen- und Panikmodus. Ihm geht es um eine normale Risikohandling wie bei vielen anderen Risiken des Lebens auch. Ängste zu schüren sei der falsche Weg. Es gehe um eine „neue Routine“, alles andere laufe auf eine weitere Spaltung der Gesellschaft zwischen Geimpften und Ungeimpften aus.

Nach wie vor hält Streeck daran fest, dass man nicht auf den „Pausenknopf“ drücken und glauben könne, dass das „Virus dann vorbei” sei. Dies ist vielmehr ein Irrglaube und habe sich auch dadurch zerlegt, weil die Lockdown-Strategie nicht den erwünschten Erfolg gezeigt habe. Selbst dem härtesten Lockdown wird es nicht gelingen, die darauf folgenden Wellen zu brechen: Vielmehr sind wir in einer „Dauerwelle. Wir müssen uns damit abfinden, das Virus wird ein normaler Teil unseres Lebens werden.” Das, so sein Credo, sollte uns aber keine Angst machen. „Viele von uns werden Bekanntschaft mit diesem Virus machen, ob wir wollen oder nicht“. Mit dieser Prognose ist Streeck dann allerdings doch nicht so weit weg von Drosten.

Dass Streck, der in der Vergangenheit immer wieder die Politik samt ihrer nichttransparenten Corona-Strategie kritisierte, ihr eine falsche Koordinierung – gerade auch mit Blick auf die Schließung der Testzentren – vorwarf, jetzt im Expertengremium ist, ist ein Zeichen, dass die Ampel-Regierung einen deutlich anderen Corona-Kurs als die ehemalige Merkel-Administration beschreiten wird. Dass sich Drosten und Streeck in Zukunft auf eine gemeinsame Linie bei der Pandemie-Bekämpfung einigen, ist eher unwahrscheinlich. Aber das ist vielleicht auch gut so. Und seine Prognose für Weihnachten ist nicht ganz so bitter: „Wenn Menschen geimpft sind und sich vorher testen, dann können sie gemeinsam normal Weihnachten feiern, wobei ich hier davon ausgehe, dass es sich um eine Familienfeier handelt.“ Er selbst würde zwar nicht in die Disko gehen, weil er zu alt ist, aber ein Barbesuch bei gutem Sicherheitskonzept sei kein Problem.

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