Öko-Anarcho selbst für viele Grüne zu radikal | The European

Die Thesen dieses Öko-Anarchisten sind selbst Baerbock und Habeck zu radikal

Stefan Groß-Lobkowicz10.07.2021Medien, Politik

Sprengstoff pur für die einen, für die anderen dann doch zu explosiv. Um die Welt vor dem drohenden Klimakollaps zu retten, will ein schwedischer Wissenschaftler und Umweltaktivist Pipelines in die Luft jagen. Wie Andreas Malm betont, kann man den fossilen Kapitalismus nur stoppen, wenn man sich radikalisiert. Doch wer ist dieser Mann und warum teilen seine Thesen nicht alle Grünen? Von Stefan Groß-Lobkowicz.

Annalena Baerbock, Kanzlerkandidatin und Bundesvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen, und Robert Habeck, Bundesvorsitzender von Bündnis 90/Die Grünen, nehmen an der Bundesdelegiertenkonferenz ihrer Partei teil, Foto: picture alliance/dpa | Kay Nietfeld

Sich selbst bezeichnet der Human-Ökologe Andreas Malm gern als eine Mischung aus politischen Aktivisten und Umweltwissenschaftler. Politische Aktion, Streiks, Demos sind für den 43-jährigen Anarcho-Öko so etwas wie Adrenalin pur und Mittel zum Zweck im Kampf gegen den Klimawandel. Seine Anhängerschaft unter der Protestbewegung „Fridays for Future“ oder Extinction Rebellion ist groß, sehen sie in Malm doch einen Propheten und Gewährmann ihresgleichen.

Der Schwede, 1977 nahe Göteborg geboren, will nichts anderes als die Welt retten. Er vertraut weder auf die vollmundigen Klimaversprechen der großen Politik und seien diese selbst von Bill Gates oder Joe Biden. Sein Kampf richtet sich gegen die großen Konzerne wie „Shell“ oder „Exxon Mobil,“ die er gern unter das Kuratel eines starken Staates wie einst der Kommunist Lenin stellen will, damit diese ihre dreckigen Geschäfte mit dem Klima nicht unbehelligt fortsetzen können. Inhaltlich und ideologisch transformiert Malm für seinen Kampf gegen die fossile und für ein postfossiles Zeitalter daher alte Parolen von einstigen Kämpfern der sozialen Gerechtigkeit wie Karl Marx oder den Kommunisten Lenin. Mit Marx ficht er den Klassenkampf neu aus, ergreift Partei für die Armen, Entrechteten und die Opfer der weltweiten Klimaänderung. Mit Lenin favorisiert er ein Nullwachstum, was sich nur in einem kommunistischen Gesellschafts- und Wirtschaftssystem realisieren lässt. Malm ist ein linker Grüner, ein radikaler noch dazu. Was eigentlich nicht zusammenpasst, linker Sozialismus und grüne Ökologie, denkt er zusammen.  Die Lösung der Klimakrise kann daher nur ein Öko-Leninismus 2.0 sein.

Die Superreichen sind schuld

Biographisch ist der ehemalige Journalist, der 2016 promoviert wurde, zutiefst sozialistisch sozialisiert. Als langjähriges Mitglied der trotzkistischen Socialistiska Partiet (SP) ist das Feindbild gleich mitgegeben. Es sind die Superreichen mit ihren SUVs, Jachten, mit ihrer Vielfliegerei und mehreren Wohnsitzen, die die profitgesteuerte Zerstörung des Planeten vorantreiben. Der Konsum der einen, verursacht auf der anderen Hemisphäre des Globus eine massive Verelendung, obwohl die Menschen im globalen Süden am wenigsten durch Emissionen zum Unheil beitragen.  Dass das eine Prozent der reichsten Menschen dieser Welt seit den Neunzigerjahren mehr als doppelt so viel CO₂ wie die gesamte arme Hälfte der Menschheit emittiert, ist für Malm ein Akt der Gewalt. Aber auch die Verfeuerung von fossilen Brennstoffen begreift er als Gewalttat, „weil sie Menschen durch anhaltende Dürren, Hitzewellen, Stürme und Überflutungen die Lebensgrundlage raubt, wenn nicht gar ihr Leben“.

Sachgewalt als Mittel der Klimarettung

Für Malm als Aktivisten ist der Klimaschutz wichtiger als die parlamentarische Demokratie, was in Kreisen von „Extinction Rebellion“ zumindest auf fruchtbaren Nährboden stößt. Anders als der strategische Pazifismus von „Fridays for Future“ glaubt man dort, dass der Feind nicht unbedingt durch absolute Gewaltlosigkeit besiegt werden kann. Aufmischen und Kämpfen ist ja auch das Credo des Schweden. Mit seinem 2020 erschienen Buch „Wie man eine Pipeline in die Luft jagt. Kämpfen lernen in einer Welt in Flammen“ gibt er auch gleich das Handbuch zum Aufstand gegen den fossilen Kapitalismus.  Wenn der Staat beim Klimaschutz versagt, müssen die Aktivisten ran. Weder die von der EU in Aussicht gestellte Klimaneutralität bis 2050 noch Deutschlands ambitioniertes Ziel bis 2045 können das Abschmelzen der Polkappen und des Gletschereises sowie den Anstieg des Meeresspiegels zeitnah verhindern. Wetterkapriolen, Pandemien, Zoonosen und hyperletale Hitzewellen lassen sich nur durch Sachgewalt stoppen – und zwar jetzt. Deswegen will Malm auch Pipelines sprengen und setzt anstelle der Gewaltlosigkeit der Fridays for Future-Bewegung auf radikal-anarchistische Methoden. „Es wird Zeit, ein paar Stöcke in die Hand zu nehmen und die Früchte vom Baum zu schlagen.“ Friedlich, so Malm, lassen sich die gewaltigen Profitinteressen mächtiger Profiteure nicht stoppen und das fossile Kapitel wird keines natürlichen Todes sterben.

Vorbild: Black-Lives-Matter-Bewegung

Ein Vorbild für die politische Aktion in Form einer radikalen Mobilisierung hat er auch bei der Hand: die Black-Lives-Matter-Bewegung mit ihrer militanten Komponente. Die Stürmung einer Polizeiwache in Minneapolis macht klar, dass die Infrastruktur der Polizei nicht unantastbar sei. „Genau dieses Gefühl sollte auch die Klimabewegung beflügeln“. Aber Malm fährt noch andere Geschütze auf, wo sich die Welt durch Sachgewalt verändert habe: sei es die Abschaffung der Sklaverei, der Kampf der Suffragetten für das Frauenwahlrecht oder die blutigen Kämpfe der Arbeiterklasse im 19. und frühen 20. Jahrhundert. Erfolg, so die Maxime Malms, sei an die Bereitschaft zur Gewalt gekoppelt. Ohne drohende Revolte gibt es selten Reformen. Und je mehr CO₂ in die Luft geschossen wird, desto radikaler muss sie Antwort der Klimabewegung ausfallen. „Intelligente Sabotage“ nennt er seine Aktionen – und selbst wenn sich diese mit dem Luftablassen von SUVs reicher Schweden erschöpfen. Wer gemäßigt ist, soll an den Verhandlungstisch, wer die fossile Brennstoff-Infrastruktur sabotieren will, auf die Straße. Dabei gilt: „Je schneller sich die Welt erwärmt, desto aufgeschlossener werden die Menschen sein, Pipelines in die Luft zu jagen.“ In der Coronakrise hat sich das nur bestätigt. „Das kapitalistische System ist gut darin, an den Symptomen herumzudoktern, ob mit Vakzinen oder CO₂-Speicherungs-Technologien. Das allein reicht aber nicht. Wenn wir die Krise in den Griff bekommen, müssen wir an die Ursachen.“

Malms Theorie begeistern nicht alle Grüne

Malms Aktivismus begeistert nicht alle, vor allem nicht alle Grünen. So sehr Bewegungen wie „Fridays for Future“ und die in ihrer der Gangart schärfere „Extinction Rebellion“ den Prostet quasi in den Genen, in der DNA, haben und das „Rette die Welt“ wie Malm in die Welt schreien, diese radikalen Thesen begeistern Realos wie Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock und Mit-Grünen-Chef Robert Habeck keineswegs. Zu sehr sind die Grünen in den letzten Jahren in die Mitte gerückt, mieden Spaltungen, interne Grabenkämpfe und jede Form von Extremismus. Sie haben mit Winfried Kretschmann sogar einen Ministerpräsidenten, der mehr schwarz als grün ist. Die ehemalige Prostest-Partei ist mittlerweile selbst Teil des Establishments geworden und buhlt um die bürgerliche Mitte, um Ausgewogenheit und eine mögliche Koalition mit der Union. Auch der wirkmächtige Europaabgeordnete der Partei, Sven Giegold, hält von Aktionen à la Malms ökologischen Leninismus und zivilen Ungehorsam wenig, geht die Protestler sogar scharf an: „In keiner Demokratie darf man Veränderung durch Protest erzwingen – bei Drohnen am Flughafen gehen Proteste zu weit.“

Das linksalternative Milieu in dem sich die neuen Ökokämpfer formieren, tritt daher eher in Konkurrenz zu den alten Grünen, die mit den Aktivisten ein Stück weit ihrer Deutungshoheit und ihr Diskurs-Monopol auf die Klimadebatte einbüßen. Bislang konnten sich die Grünen als ökologische Avantgarde anpreisen. Mit „Fridays for Future“ und „Extinction Rebellion“ bekommen die Grünen unliebsame Konkurrenz, die die Partei strategisch vor ein Dilemma stellt. Denn umarmen sie die Rebellen, verlieren sie ihr sehr bürgerliches Publikum, das Gewalt verabscheut. Kritisieren sie die neue Kampfbewegung, verleugnen sie einen Teil ihrer früheren Spontaneität und verlieren damit an Glaubwürdigkeit. Die Strategie hier oft nur ein Ausweichmanöver.

Slogans wie totale Zerstörung, offene Massenmobilisierung, Camps für zivilen und klimatischen Ungehorsam, Wahlkampagnen und militante direkte Aktionen, die von kleineren Gruppen von Kadern organisiert werden, wie sie Malm gerne hätte, passen so rein gar nicht zur Methode Robert Habeck. Eine derartige Protestkultur ist eher ein Frontalangriff auf die versöhnende Gangart des studierten Philosophen, der als Meister des Ungefähren mit schönen Worten ein Lebensgefühl beschreibt und damit Harmonie erzeugt.

Die Mehrheit der Grünen will inmitten des Bundestagswahlkampfes keinen blinden Aktionismus à la Malm. Sie setzen mehr denn je auf eine Sicherheits- und Ordnungspolitik und streben in das Kanzleramt. Da passt es so rein gar nicht in das Konzept, Pipelines in die Luft zu jagen.

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