Neue grüne Familienministerin: Sie will das Gendern zur Pflicht machen | The European

Grüne Ministerin Anne Spiegel – Als Kind wollte sie Pinguinforscherin werden

Stefan Groß-Lobkowicz9.12.2021Medien, Politik

Anne Spiegel ist studierte Politologin, aber eigentlich wollte sie Pinguinforscherin werden. Die neue grüne Familienministerin im Kabinett von Olaf Scholz hat multikulturelle Wurzeln. Die Mutter von vier Kindern ist bekennende Feministin und will nun die deutsche Sprache durchgendern. Von Stefan Groß-Lobkowicz.

Anne Spiegel (Bündnis 90/Die Grünen), Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, legt im Bundestag vor Bärbel Bas (SPD), Bundestagspräsidentin, bei der Vereidigung den Amtseid ab, Foto: picture alliance/dpa | Kay Nietfeld

Bislang war Anne Spiegel rheinland-pfälzische Klimaministerin, doch nun hat die 40-Jährige die Nachfolge von SPD-Politikerin Christine Lambrecht als Bundesfamilienministerin angetreten. Spiegel, 1980 im badischen Leimen geboren, gilt in Sachen Karriere als Schnellstarterin. Die Frau, die seit ihrer Jugend ein Faible für Fremdsprachen hat und der das „Herz“ aufgeht, wenn sie sich auf Italienisch oder Spanisch unterhalten kann, studierte Politik-, Philosophie- und Psychologiestudium in Mainz und im spanischen Salamanca. Später arbeitete sie als Sprachtrainerin bei Berlitz.

Karriere mit Weltreise-Auszeit

Die langjährige Landtagsabgeordnete begann ihre politische Karriere – ganz klassisch – beim Landesvorstand der Grünen Jugend Rheinland-Pfalz. Schon damals trug sie lieber Turnschuhe und Jeans – die Leidenschaft für Second-Hand-Mode hat sie sich über die Jahre bewahrt. Wie ihr Kollege Cem Özdemir ist sie seit Jahren bekennende Vegetarierin, fünfundzwanzig Jahre, um ganz genau zu sein. Frühe Gehversuche auf dem internationalen politischen Parkett erledigte sie 2005 als erste Jugenddelegierte bei einer Generalversammlung der Vereinten Nationen. Doch 2006 scheiterten ihre Ambitionen, politisch und gesellschaftlich auf landespolitischer Ebene Fuß zu fassen und Spiegel ging 2007 erst einmal auf Weltreise, um über den Tellerrand zu blicken, den Horizont zu schärfen, wie sie selbst sagt. Im Blick zurück zählte die einjährige Reise, allein mit einsamem Rucksack, zu den schönsten Momenten ihres Lebens. Besonders in Erinnerung geblieben ist ihr ihr ehrenamtlicher Einsatz in einem kambodschanischen Waisenhaus. 2011 dann startete sie politisch dann aber durch, wurde Landtagsabgeordnete, stellvertretende Fraktionsvorsitzende, kämpfte für die Gleichstellung der Frauen, warb für Integration und Migration – Flüchtlingspolitik, Frauenförderung, Kinder, Familie und Jugend standen schon damals ganz weit oben auf ihrer Agenda.

Ab 2016 legte sie parteipolitisch dann den nächsten Turbogang ein: Bis 2021 war sie Ministerin für Familie, Frauen, Jugend, Integration und Verbraucherschutz, ab Januar 2021 zusätzlich Ministerin für Umwelt, Energie, Ernährung und Forsten. Seit Mai 2021 war Spiegel, die in Speyer und Ludwigshafen am Rhein aufwuchs, Ministerin für Klimaschutz, Umwelt, Energie und Mobilität und Stellvertreterin der Ministerpräsidentin im rheinland-pfälzischen Kabinett Dreyer III. Als Spitzenkandidatin der Grünen zur Landtagswahl 2021 in Rheinland-Pfalz bekam sie zuletzt 95 Prozent der Delegierten-Stimmen.

Neu für Spiegel ist eine Ampel-Regierung nicht. Bereits mit dem neuen FDP-Verkehrsminister probte sie das Bündnis bereits auf Landesebene. In Rheinland-Pfalz wurde zwar die inhaltliche und personelle Nähe zwischen SPD und Grünen größer geschrieben, da sich Dreyer selbst als „Rot-Grüne“ bezeichnet und in der Nachfolge von Kurt Beck dann rot-grün in Mainz regierte. Nachdem der Ökopartei 2016 gerade so noch der Sprung in den Landtag gelang, war man auf die FDP angewiesen.

Die Landtagsmutter

Drei ihrer vier Kinder hat Spiegel während ihrer Zeit als Landtagsabgeordnete bekommen. Das vierte folgte 2018 als sie das Amt der Familienministerin in Rheinland-Pfalz innehatte. Als erste Landesministerin ging sie damals in den Mutterschutz. Furios ihr Auftritt mit Baby im Bundesrat – der hätte „hervorragend“ geklappt.  Einige hätten das Kind auf den Arm nehmen wollen und es sei zu einer völlig neuen Art von Gesprächen gekommen. Verheiratet ist Spiegel seit Jahren mit einem Schotten und lebt mit der sechsköpfigen Familie in Speyer. „Ich mag es, wenn Leben im Haus ist. Ich koche gerne, mag Spieleabende, Wandern im Pfälzerwald aber vor allem liebe ich es mit meinen Kindern Zeit zu verbringen. Als sechsköpfige Familie ist es nie langweilig, das gefällt mir sehr“, schreibt sie auf ihrer Webseite. Und wie ihre Kinder ist die Grünen-Politikerin, die eigentlich Pinguinforscherin werden wollte, noch fasziniert von Kaiser- und Königspinguinen.

Rollenverteilung im Hause Spiegel – Der Mann bäckt

Stolz ist Spiegel, die unkonventionell ist und jahrelang für die Öffnung der Ehe kämpfte und politisch ziemlich links steht, auf ihre multikulturellen Wurzeln. Europa ist für sie nicht nur eine Idee, sondern gelebte Praxis, etwas „Selbstverständliches, hat sie doch eine sizilianische Großmutter und einen Großvater aus Rumänien.

Die Frau, die persönlich Hausmannskost liebt und eine gute Pasta samt kühlem Bier einem Fünf-Sterne-Menü vorzieht, engagiert sich seit Jahren im Kampf gegen jedwede Form von Sexismus und gilt als überzeugte Feministin. Wo sie kann hält sie ein Plädoyer für die Frauenquote, sieht bei diesem Thema einen „enormen Nachholbedarf“ sowohl in der Wirtschaft als auch in der Politik. Und an das Thema Gewalt an Frauen muss total neu herangegangen werden, die gesamte Infrastruktur für Frauen gilt es radikal anders zu regeln, so die Familienministerin. Ein zweites Hauptprojekt der ambitionierten Grünen gilt der Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Spiegel will sich dafür einsetzen, dass die Familie stärker „in all ihrer Vielfalt“ wahrgenommen wird. „Ich kenne diese Blicke, wenn man in ein Restaurant kommt und sagt, man hätte gern einen Platz für sechs Personen, wovon vier Kinder sind“. Die leidenschaftliche Mutter will, dass Kinder als Bereicherung für die Gesellschaft wahrgenommen werden und nicht als Last. Zudem plädiert sie für partnerschaftliche Gleichberechtigung. „Es darf nicht sein, dass die Frauen mit hängender Zunge durch ihren Alltag rennen und sich fragen, wann sie noch den Kuchen fürs Schulfest am Samstag backen sollen.“ Zu Hause hat das die Grüne schon geklärt – ihr Mann bäckt.

Vorbild ist Premierministerin von Neuseeland

Wenn es für Spiegel, die im Ampel-Kabinett von Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) und als stellvertretende Ministerpräsidentin schon langjährige Erfahrungen in einem rot-grün, gelben Bündnis vorweisen kann, ein politisches Vorbild gibt, ist es die neuseeländische Premierministerin Jacinda Ardern. Spiegel bekennt: Ardern, die „während ihrer Amtszeit Nachwuchs bekam, wie ich auch“, kämpft „unerschrocken gegen den Klimawandel, für Frauenrechte und eine weltoffene, tolerante Gesellschaft.“  Und wie dir Neuseeländerin plädiert Spiegel für eine Politik der offenen Türen, für Migration und Integration. „Der konsequente Einsatz für Menschlichkeit, Chancengleichheit und eine vielfältige Gesellschaft gehört ebenfalls zu den großen gesellschaftlichen Feldern, auf denen ich mich als Ministerin bewege. Gute Politik braucht einen humanitären Kompass“, bekennt Spiegel, die sich zur „Vielfalt als Grundlage unserer Gesellschaft“ bekennt und gegen Hass, Hetze und Fake News energisch zu Felde zieht.

Spiegel will Gendern um jeden Preis

Und noch etwas hat sich die Feministin auf die Fahnen geschrieben – das Gendern. Ja, mehr noch – die Ampel-Regierung sollte einheitlich die neue Sprachpraxis durchsetzen. Spiegel will, wie ihre Parteikollegin und neue Außenministerin Annalena Baerbock, die geschlechtergerechte Sprache auch in Reden, Gesetzestexten und anderen Publikationen verankert sehen. „Ich finde gendergerechte Sprache wichtig, auch in staatlichen Dokumenten. Es wäre wünschenswert, wenn die Bundesregierung zu einem einheitlichen Verfahren findet.“

Beim Thema Gendern geht Spiegel zumindest auf Konfrontationskurs mit den meisten Bundesbürgern. Laut einer Umfrage von Infratest Dimap für die „Welt am Sonntag“ lehnen 65 Prozent der Bundesbürger Formulierungen wie „Forschende“ statt „Forscher“ und die Nutzung des großen Binnen-I („ZuschauerInnen“) in der Schriftsprache wie eine Pause vor der zweiten Worthälfte („Akademiker_innen“) in der gesprochenen Sprache ab. Die Franzosen werden sie bei ihrem Vorstoß der Sprachverhunzung sicherlich nicht unterstützen. Der französische Bildungsminister Jean-Michel Blanquer hatte unlängst durchgesetzt, dass geschlechtergerechte Wortneuschöpfungen an Schulen nicht verwendet werden dürfen.

Die Grüne aus Leimen hat viel vor. Und trotz des vollen Terminkalenders einer Bundesministerin will sie sich auch in den nächsten vier Jahren bewusst Zeit für ihre Familie nehmen. Sonntag soll Familientag sein, „da knall ich mir nicht den Tag voll“, so Spiegel.

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