Militärische Coronabekämpfung nach italienischem Vorbild | The European

Carsten Breuer – Der neue Corona-General von Olaf Scholz

Stefan Groß-Lobkowicz5.12.2021Europa, Medien

In Deutschland eskaliert die Corona-Situation. Jetzt soll Generalmajor Carsten Breuer die Leitung des Corona-Krisenstabes übernehmen. Doch es ist nicht der erste Militär, der sich im Kampf gegen das Virus stellt. Wer ist der neue Ampel-General und warum ist Italien hier schon ein Stück weiter? Von Stefan Groß-Lobkowicz.

Der Kommandeur des Kommandos Territoriale Aufgaben, Generalmajor Carsten Breuer (l-r), der bayerische Innenminister Joachim Herrmann (CSU) und der parlamentarische Staatssekretär im Bundesministerium der Verteidigung, Thomas Silberhorn (CSU), halten nach einem Übungsszenario bei der „Gemeinsamen Oberfränkischen Terrorismusabwehr Exercise“ (GEOTEX 2021) eine Rede, Foto: picture alliance/dpa | Nicolas Armer

Der Kommandeur des Kommandos Territoriale Aufgaben, Generalmajor Carsten Breuer (l-r), der bayerische Innenminister Joachim Herrmann (CSU) und der parlamentarische Staatssekretär im Bundesministerium der Verteidigung, Thomas Silberhorn (CSU), halten nach einem Übungsszenario bei der „Gemeinsamen Oberfränkischen Terrorismusabwehr Exercise“ (GEOTEX 2021) eine Rede, Foto: picture alliance/dpa | Nicolas Armer

In einer Fernsehansprache am 26. März 2020 sprach der französische Präsident Emmanuel Macron im Zusammenhang mit Covid-19: „Wir befinden uns im Krieg, zugegebenermaßen in einem Gesundheitskrieg: Wir kämpfen weder gegen eine Armee noch gegen eine andere Nation. Aber der Feind ist da, unsichtbar, nicht greifbar, auf dem Vormarsch. Und das erfordert unsere allgemeine Mobilisierung.“

„Allgemeine Mobilisierung“ klingt nach strategischer Organisation und verlangt bestmögliche und krisenerprobte Koordination. Doch die Vierte Coronawelle war der Bundesregierung und der noch nicht regierenden Ampel-Koalition die vergangenen Wochen aus dem Ruder gelaufen. Während Deutschland mit Inzidenzen über 500 kämpft, stehen Länder wie Italien, Brasilien und Schweden mittlerweile besser da. Um Deutschland aus dem Krisenmodus zu führen, setzt die Ampel-Koalition bei steigenden Infektionszahlen auf einen Krisenmanager aus den Reihen der Bundeswehr der künftig die Leitung des Corona-Krisenstabes übernehmen soll.

Der hochdekorierte Generalmajor Carsten Breuer soll Deutschland aus der Coronakrise führen. Sein Rüstzeug hat der 56-jährige Saarländer Breuer, Vater von drei Kindern, früh erworben. Seine Karriere glich einem kometenhaften Aufstieg. Der Mann, der früher Einsätze im Kosovo und in Afghanistan kommandierte, wurde 2017 Generalmajor, seit 2018 ist er Kommandeur des Kommandos Territoriale Aufgaben der Bundeswehr. Ob Hochwasserbekämpfung oder Afrikanischer Schweinepest – Breuer agiert an allen Fronten. Als die Bundeswehr 2020 bereits den Einsatz von Tausenden Soldaten in Einrichtungen des Gesundheitswesens steuerte, war Breuer schon damals mit dabei und managte die Bundeswehr in Pandemie-Belangen.

Doch Breuer war nicht der erste Corona-General der Deutschland aus der pandemischen Situation herausführen sollte. Zum Team des scheidenden Gesundheitsministers Jens Spahn (CDU) zählte der erfahrende Hans-Ulrich Holtherm. Auch für den Generalarzt waren Pandemien und Epidemien keine Fremdwörter. Damals berief das Bundesgesundheitsministerium den Bundeswehrgeneral zum Leiter der Abteilung Gesundheitsschutz. Doch vom ehemaligen Chef des Bundeswehrkrankenhauses Ulm war in der Pandemie wenig zu hören.

Während Deutschland an der Coronafront sich noch tastend vorankämpft, kann Italien deutliche Erfolge verbuchen. Francesco Figliuolo, der General hinter Italiens Impferfolg, ist es zu verdanken, dass das Land, das im vergangenen Jahr mit der höchsten Corona-Sterberate zu kämpfen hatte, dieses Mal sogar das krisengeschüttelte Deutschland in Sachen Pandemiebekämpfung hinter sich gelassen hat.

Im Kampf um die Corona-Pandemie erweist sich seit Monaten der italienische Ministerpräsident Staatschef Maria Draghi als Hardliner. Und mit dem Afghanistan-Veteran Figliuolo hat er den richtigen Mann für das Krisenmanagement gefunden, der Italiens Impfkampagne bislang erfolgreich umgekrempelte. Der 60-jährige General der italienischen Armee war als Logistik-Experte in Afghanistan und im Kosovo. Und der Covid-Sonderkommissar, der in der Gunst seiner Landsleute ganz oben steht, ist ganz Militär, gibt seine Befehle im knappen Ton. Figliuolo zeigt sich gern in seiner olivgrünen Generaluniform. Dekoriert mit 20 Ordensbändern, unter anderem für seine Auslandseinsätze, parliert der Impfkampagnenorganisator nicht nur äußerlich mit seinen Gebirgsjägerhut mit weißer Gansfeder. „Geben Sie mir Ihren besten Mann für Krisenfälle“, soll Draghi von Verteidigungsminister Lorenzo Guerini verlangt haben – und mit Figliuolo hatte er ihn bekommen. Was kaum möglich war, gelang Figliuolo. Er hatte das „Boostern“ organisiert und das ohnehin schwer regierbare Land in Sachen Corona geeinigt. Im Gegensatz zu Deutschland konnten sich die Italiener stets auf ihren Covid-Sonderkommissar verlassen – all seine Versprechungen waren eingetreten. Figliuolos Einsatz zeigt Wirkung: Italien hat im Vergleich zu den meisten anderen europäischen Ländern mehr Geimpfte, weitaus weniger Corona-Infizierte und weniger Schwerkranke. Die Sieben-Tage-Inzidenz ist mit 90 Prozent so niedrig wie sonst nur noch in Malta, Spanien und Schweden. Und mit einer Impfquote von 78 Prozent liegt das Sehnsuchtsland der Deutschen unter den Top vier der Europäischen Union.

Klare Ansagen, verlässliche Umsetzung – ein Figliuolo wünscht sich das Team um den künftigen Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) nun auch in Deutschland. Während Holtherm zwar auch als krisenerprobt galt, auf Auslandseinsätze im Irak, Afghanistan, im Kongo, in Dschibuti und im Kosovo, zurückblicken konnte, verschwand er hinter dem stets medienpräsenten Spahn in der Versenkung.

Wie auch in Sachen Pandemie-Versagen viel kritisierte Spahn, braucht auch Scholz einen Mann, auf den er sich hundertprozentig verlassen kann. Für Scholz, der sich bei der Bekämpfung der Pandemie bislang mit konkreten Lösungsvorschlägen sehr vage hielt und in Sachen Pandemie ohne Plan agierte, ist Breuer nun der Mann der Stunde. Breuer koordinierte die Aufgaben der Bundeswehr im Rahmen der Pandemie-Hilfe, steuerte den Einsatz von mehreren tausend Soldaten in verschiedenen Bereichen wie Gesundheitsämtern, Pflegeeinrichtungen und Krankenhäusern. Unter Breuer war die Bundeswehr bei Schnee- und Hochwasserkatastrophen höchst präsent. Der Mann, der nach Beendigung der Offiziersausbildung an der Heeresflugabwehrschule in Rendsburg sein Studium der Pädagogik an der Universität der Bundeswehr Hamburg 1988 als Diplom-Pädagoge abschloss, bleibt Deutschlands Hoffnung.

Da passt es gut ins Bild des neuen Militärs an der Spitze des Krisenstabes, dass Breuer im Italiener Figliuolo sein Vorbild sieht. Wie Mann mit Alpini-Hut soll der General die Impfkampagne beschleunigen. Seinen Schreibtischstuhl könnte er von seinem bisherigen Dienstsitz in der Julius-Leber-Kaserne im Wedding bequem zu Fuß zum Scholz‘ Stab hinübertragen. Hinzu kommt, dass sich Breuer und sein Team in Krisen auskennen. Vom Impfeinsatz über Aushilfe in überlasteten Gesundheitsämtern bis hin zur sicheren Tiefkühl-Lagerung der Impfstoffe von Biontech und Moderna – Breuer kennt die Probleme im föderalen Geflecht der Republik. Mit dem gebürtigen Mann aus Letmathe, heute ein Stadtteil Iserlohns, ist die Bundeswehr endgültig wieder an der Corona-Front angekommen. Und der neue Krisenmanager fügt hinzu: „In ganz Deutschland haben die Menschen auch weiterhin die Gewissheit, dass auf ihre Bundeswehr Verlass ist.“ Dass der Generalmajor das Vertrauen der Politik genießt, muss er nun jedoch mehr denn je unter Beweis stellen.

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