Jennifer Morgan: So tickt die neue Vertraute von Annalena Baerbock im Außenministerium wirklich | The European

Der größte Schwachpunkt der Ex-Co-Chefin von Greenpeace

Stefan Groß-Lobkowicz11.02.2022Medien, Politik

Mit der Amerikanerin Jennifer Morgan baut Grünen-Politikerin Annalena Baerbock ein Mega-Klima-Außenministerium und zeigt, wo die Reise der Grünen weltpolitisch hingeht. Mit der Ex-Greenpeace-Chefin hat sie jetzt eine Steuerfrau gefunden, die weiterhin auf Klimagerechtigkeit setzt. Doch die Aktivistin selbst bekennt ihre Schwachpunkte: Sie fliege viel zu häufig. Allein „zweimal pro Jahr nach Amerika und nach China.“ Von Stefan Groß-Lobkowicz.

Jennifer Morgan (l), Geschäftsführerin von Greenpeace International, und Außenministerin Annalena Baerbock (Grüne), aufgenommen während einer Pressekonferenz. Morgan soll Sonderbeauftragte der Bundesregierung für Klimaschutz werden wie Außenministerin Baerbock (Grüne) am Mittwoch in Berlin bekannt gab. Foto: picture alliance/dpa/AFP POOL | John Macdougall

Die bisherige Greenpeace- Co-Chefin Jennifer Morgan soll das neue geschaffene Amt der Klimabeauftragten im Auswärtigen Amt übernehmen. Grünen-Außenministerin Annalena Baerbock sieht in der Wahl ihrer neuen Steuerfrau für ihre globale Klimapolitik nicht nur eine ideale „Traumbesetzung“, sondern ein wichtiges Signal für den internationalen Klimaschutz.  Und die ehemalige Kanzlerkandidatin legte gleich noch einen drauf: „Ich kenne weltweit keine zweite Persönlichkeit mit ihrer Expertise, Vernetzung und Glaubwürdigkeit in der internationalen Klimapolitik.“ Und in der Tat betritt mit der 55-jährige Chefin von Greenpeace International eine der einflussreichsten Lobbyistinnen, Netzwerkerinnen und Strippenzieherin der Welt die politische Bühne der Berliner Republik. Jahrelang regierte sie über drei Millionen Mitglieder, 650.000 davon in Deutschland, und führte ein 400-Millionen-Unternehmen. Jetzt soll es für die Klimaaktivistin, die seit 1995 an jedem UN-Klimagipfel teilgenommen hatte und die als Vertraute von John Kerry und EU-Vizepräsidenten Frans Timmermans gilt, schon am 1. März im Außenministerium am Werderschen Markt losgehen.

Morgan, 1966 in Ridgewood in New Jersey geboren, stand seit 2016 an der Seite von Bunny McDiarmid an der Spitze von Greenpeace International. Wie ernst es die Frau aus der Lobby- und Non-Profit-Organisation mit ihrer Klimapolitik in Berlin nun meint, schreibt sie auf Twitter: „Meine Entschlossenheit, für #climatejustice zu kämpfen, war noch nie so stark.“ Und nach 30 Jahren als Klimakämpferin ist das deutsche Außenministerium der Ort, an dem sie jetzt „den größten Unterschied machen“ könne. Und in fließendem Deutsch betont sie: Ihr „politisches Herz“ schlage „ganz für Deutschland“.

Über Grünen-Gründerin Petra Kelly kam sie zur Klimapolitik

Die studierte Politikwissenschaftlerin und Germanistin, die ihren Abschluss an der „Indiana University Bloomington“ als „Master of Arts“ machte und später noch einen Abschluss in Internationale Beziehungen an der American University in Washington D.C. drauflegte, kam zum Klimaschutz aber eher durch Zufall. Es war die englische Übersetzung des Buches „Um Hoffnung kämpfen“ von Grünen-Gründerin Petry Kelly, die ihr die Augen öffnete. „Ich erinnere mich ganz genau, wo ich war, als ich das las: in der Lounge meiner Uni, wo ich den Master gemacht hatte. Ich war 21-jährig. Petra Kelly war die Erste, die das Persönliche mit dem Politischen zusammenbracht: mit der Frauenbewegung, der Umweltbewegung, der Atombewegung und einem Systemwandel. Das war der Moment, als mein außen- und mein umweltpolitisches Interesse zusammenkamen.“

Morgan setzt sich gern als Kämpferin für Klima und Umwelt in Szene, sie ist so etwas wie eine personifizierte Nervensäge, die fossilen Unternehmen und Politikerin, die den Klimawandel herabspielen, kräftig die Leviten liest.  Ein kompromissloser Umgang mit Vertretern aus Politik und Wirtschaft scheint ihr in die Gene gelegt zu sein. Und offen bekennt die Aktivistin mit 30 Jahren Nahkampferfahrungen bei politischen Aktionen, dass Greenpeace die Bilder macht, die die Welt versteht. Gerade die Provokation ist der Kern der Marke Morgan. Und so lautet auch ihr Credo: Weitermachen, weitermachen, weitermachen. Der Kampf gegen das personalisierte und unethische Böse, das sie in der Klimapolitik von Ex-US-Präsidenten Donald sah, wird mit ihr in die nächste Runde gehen. Kein Staatschef, kein noch so großes Unternehmen kann der Frau, die erst zufrieden ist, wenn die Welt klimaneutral ist, langfristig wohl Paroli bieten. „Wir gehen den Weg bis zu Ende und bis wir unsere Ziele erreicht haben.“ Darum ist für Morgan Greenpeace keine Wohlfühlorganisation, die allein dazu da wäre, das grüne Gewissen zu entlasten, vielmehr begreift sie den Klimaschutz als Chance für eine grüne Wirtschaft – und wer da nicht mitmacht, der muss zum Guten eben gezwungen werden.

Keine Regenbogenkriegerin alten Schlages – aber dennoch eine Hardlinerin in Sachen Ökopolitik

Morgan aber ist keine vom Typ „Rainbow-Warrior“, keine Regenbogenkriegerin wie frühere Greenpeace-Aktivisten. Sie hält es mit ihren Aktionen moderater. Während McDiarmid schon mal auf einen 90 Meter hohen Ölborturm klettert, sammelt sie lieber Plastikmüll aus Bojen und Netzen in der Antarktis. Spektakuläre Aktionen sind ihre Sache nicht, sie setzt eher auf Bilder, die um die Welt gehen. „Fridays for Future oder Extinction Rebellion – dafür schlägt ihr Herz – und wenn hier das bürgerliche Recht bei Aktionen für den Klimaschutz gebrochen wird, ist das eher eine Tugend denn eine Straftat, die im Angesicht des Klimawandels zu rechtfertigen sei. Und so gehört zur DNA der Aktivistin, die bei vielen Demos mitgemacht, wo sie wusste, „dass die Polizei eingreifen wird, selbstverständlich ein Aktivistentraining. Als Greenpeace-Chefin hatte sie in den USA damit angefangen. Seitdem weiß sie, wie man klettert oder Banner befestigt.

Die Amerikanerin hat ein Faible für Berlin. „Ich studierte schon in Berlin, 1989, kurz vor der Wende. Den Mauerfall habe ich um einen Monat verpasst, um in den USA mit meiner Doktorarbeit über europäische Politik zu beginnen. Berlin hat mich immer angezogen. Die Stadt hat eine tiefe Seele, weil sie so viel erlebt hat. Ich bin unabhängig von meiner Frau dahin gegangen, aber heute ist es mehr und mehr Heimat, weil wir da zusammenleben.“ Die Amerikanerin denkt europäisch, begreift die 27 Staaten als ihr eigentliches Heimatland. Zwar wird sie zum Teil immer Amerikanerin bleiben, aber momentan fühlt sie sich eher als Berlinerin. Aus ihrem Lesbisch-Sein macht sie keinen Hehl, wer sich daran stört, der hat selbst ein Problem. Diskriminiert wurde sie dafür nie.

Berlin ist ihre Heimat, Deutsch lernte sie in der Schweiz

Dabei kam Morgan, die seit 1989 vegetarisch und dazwischen auch mal vegan lebt, zur deutschen Sprach eher zufällig. Gelernt hat sie diese in der Schweiz, in Niedererlinsbach, einer kleinen Gemeinde im Kanton Solothurn. Eigentlich wollte sie ihr Französisch aufbessern. Doch dann landete sie während eines zweimonatigen Austauschprogrammes ausgerechnet in einer deutsch sprechenden Familie. Seitdem ist Deutschland ihre zweite Heimat.  Ender der 90er schrieb sie Reden in dem Angela Merkel damals geleiteten Bundesumweltministerium. Sie war im Beratergremium der Bundesregierung unter Leitung des Klimaforschers Hans Joachim Schellnhuber tätig, später Mitglied im Rat für Nachhaltige Entwicklung der deutschen Bundesregierung tätig und engagierte sich im wissenschaftlichen Beirat des „Potsdam-Institutes für Klimaforschung“. Eine Ehrenmitgliedschaft bei Germanwatch“ gehört für die Frau, die Jahrelang zwischen Amsterdam und Berlin pendelte und seit 2003 in der Hauptstadt lebt, dazu

Klimapolitisch fährt Morgan voll auf der Schiene ihrer künftigen Chefin Baerbock, wo es geht nimmt sie den Zug, selbst bei langen Strecken. Wie die Grünen in Berlin setzt sie voll auf erneuerbare Energien und kämpft gegen die Gentechnologie in der Landwirtschaft und gegen die Atomkraft. Sie will die erneuerbaren Energien rentabel machen, die Energieeffizienz erhöhen. Doch dazu bedarf es einer gesellschaftlichen Debatte, die Morgan jetzt ansteuern will. Als Leiterin der „Internationalen Klimainitiative Deutschlands“, die über ein Budget von knapp sechs Milliarden Euro verfügt und Klimaprojekte in Schwellenländern fördert, wird sie all ihre Energie auf eine klimagerechte Außenpolitik setzen. Schon seit Jahren plädierte sie für einen Konsumverzicht – auch über eine Verbotskultur. Mit einer völlig neuen Form eines nachhaltigen Denkens und durch eine effiziente Sharing-Economy und will dem kapitalistischen Konsumrauch Einhalt gebieten. Zu ihrer CO2-Bilanz betont sie: „Ich fliege ungefähr zweimal pro Jahr nach Amerika und einmal nach China, das ist mein Schwachpunkt. Ansonsten lebe ich vegetarisch, wohne in einem energieeffizienten Haus, habe kein Auto.“

Als neue Personalie Baerbocks ist Morgan nicht unumstritten

So sehr Morgan eine Idealbesetzung für Baerbock scheint, ist die neue Personalie nicht ganz unumstritten. Kritiker sprechen schon vom ersten Lobbyskandal. So kommt Kritik an der Personalie von LobbyControl. Der gemeinnützige Verein, der über Lobbyismus und Machtstrukturen in Deutschland und der EU aufklärt und auf Transparenz setzt, schreibt auf Twitter: „Aus lobbykritischer Perspektive sind Seitenwechsel in die Politik grundsätzlich vertretbar. Problematisch sind sie dann, wenn ohnehin mächtige Akteure mit finanziellen Eigeninteressen gestärkt werden. Zudem sollten auch für Seitenwechsler klare Transparenzregeln gelten.“ So unterscheide sich der Fall Morgan „in zwei Punkten von anderen Seitenwechseln, die wir immer wieder scharf kritisieren. Es handelt sich um einen Wechsel in die Politik hinein und nicht aus der Politik heraus.  Der Wechsel erfolgt aus Organisation mit Gemeinwohlinteresse.“ AfD-Chefin Alice Weidel spricht bei der Neubesetzung von Sonderregeln für Ampel-Günstlinge: „Nicht nur die Turbo-Einbürgerung Morgans wirft Fragen auf, sondern auch die Einstellungspolitik von Außenministerin Baerbock.“ Unterdessen wird die Personalie von Greenpeace medial unterstützt und lässt keinen Zweifel daran, wie froh das Lobby-Unternehmen ist, mit Morgan eine Speerspitze der radikalen Klimapolitik in ein politisches Amt zu heben. „Für eine lebenswerte Zukunft und 1,5 Grad kämpfen. Different sides, same goal! Wir wünschen Dir viel Erfolg, Jennifer!,“ heißt es auf Twitter.

Doch auf der sozialen Plattform mehren sich zunehmend kritische Stimmen. So soll das von Morgan geleitete World Resources Institute“ mehr als 5 Millionen Dollar Spenden von der Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung erhalten haben. Zudem soll die Institution vom „World Economic Forum“ gefördert worden sein. Und tatsächlich wirbt das „WEF“ für Morgans Aktivitäten auf seiner Webseite.

Die Ex-Lobbyistin trägt die Technikfeindlichkeit in ihren Genen

Das Morgan nicht nur gegen die grüne Gentechnologie ist, sondern eine gewisse Technikfeindlichkeit an den Tag legt, ist offensichtlich. Auf Twitter gibt sie sich geradezu technologieblind. Mit „Fridays for Future“ Ikone Greta Thunberg betont die Amerikanerin, dass sich das Problem es des Klimawandels nicht durch Technologie lösen lasse. Auch die Gentechnik ist nicht in der Lage das Armutsproblem und den weltweiten Hunger zu beseitigen. „Wenn ich mit Unternehmen aus diesem Feld diskutiere und sie frage, warum sie nicht auf das Verursacherprinzip setzen, dann komme ich nicht weiter. Deshalb habe ich wenig Vertrauen. Sie haben andere Ziele, es geht ihnen um die industrielle Landwirtschaft. Wenn man auf 20 Jahre Gentechnik zurückblickt, sieht es nicht nach einem großen Durchbruch aus.“

Anstatt auf Wissenschaft zu setzen, schlägt Morgan eine andere Lösung vor, eine radikalere: Um die Klimakrise zu lösen, brauchen wir sofortige, drastische Maßnahmen zur Senkung der Emissionen und zum Schutz unseres Planeten und der Schwächsten.

Brüskiert zeigt sich Morgan auch gegenüber McDonald’s. Dort seien die Treibhausemmissionen größer als die von mehreren europäischen Staaten zusammen. Und für die Vegetariern, die auf eine Verbotskultur setzt, ist klar: Solange Fleisch und Milchprodukte immer noch die Hauptgerichte auf der McDonalds-Speisekarte sind, kann man diese neue Restaurantinitiative nur als McGreenwash bezeichnen.

Ob sie ehemalige Straßenkämpferin Diplomatie kann, wird sich zeigen

Die Neubesetzung im Außenministerium kommt zu einem Zeitpunkt, wo die deutsche Regierung unter starken internationalen Druck steht. Die Genehmigung für Nord Stream 2 hängt letztendlich von der Ukraine-Politik des russischen Präsidenten Waldimir Putin ab. Sollte er tatsächlich mit der Ukraine einen Krieg vom Zaun brechen, fällt das Projekt wahrscheinlich buchstäblich ins Wasser. Bislang hat sich Morgan noch nicht zu Nord Stream 2 klar positioniert. Das Gros der Klimaschützer ist gegen das Projekt, das laut einer Studie jährlich 100 Millionen Tonnen Kohlendioxid in die Atmosphäre freisetzen würde.

Morgan verfügt zwar über viel Erfahrung beim politischen Kampf ums Klima, doch in ihrer neuen Funktion als Sonderbeauftrage der Bundesregierung für Klimaschutz muss sie jetzt mehr auf Diplomatie setzen. Ob ihr das gelingt, darin wird für die ehemalige Straßenkämpferin wohl die Hauptherausforderung liegen.

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