Interview mit Hagen Rickmann | The European

Hagen Rickmann: „Der Digitalisierungszug rollt endlich!“

Stefan Groß-Lobkowicz10.12.2020Medien, Wirtschaft

Hagen Rickmann ist Geschäftsführer für den Bereich Geschäftskunden bei der Deutschen Telekom. Er blickt trotz Corona-Krise mit Zuversicht in die Zukunft, denn in der Wirtschaft sind viele positive Entwicklungen zu beobachten. Die wichtigste: Der digitale Wandel läuft endlich mit hohem Tempo. The European traf ihn zum Interview.

Hagen Rickmann, Foto: Deutsche Telekom

Herr Rickmann, die Corona-Pandemie hat die deutsche Wirtschaft hart getroffen, es droht ein dramatischer Konjunkturrückgang. Die Regierung stemmt sich mit Milliardensummen dagegen. Schaffen wir es so, den ganz großen Einbruch zu verhindern?

Rickmann: Die deutsche Wirtschaft ist stabiler, als man es vor der Pandemie von ihr gedacht hätte. Das zeigen auch die jüngsten Prognosen der Wirtschaftsexperten: Für Deutschland sagt der IWF ein Minus von 6 Prozent voraus. Im Vergleich zu anderen europäischen Ländern stehen wir damit gut da; Spanien etwa hat mit 13 Prozent zu kämpfen. Ich glaube, dass wir mit dem Konjunkturpaket einigermaßen gut durch die Krise kommen können – vorausgesetzt, die Mittel werden zielführend eingesetzt.

Was meinen Sie damit? Was sollte Ihrer Meinung nach vornehmlich gefördert werden?

Rickmann: Digitalisierung! Sicher, ein gutes Drittel der Konjunkturpaketmittel ist bereits für digitale Projekte vorgesehen. Davon geht aber ein sehr großer Teil in die Forschung oder in die Infrastruktur-Entwicklung – etwa in die KI-Forschung, die mit 5 Milliarden Euro unterstützt wird, oder in die Netztechnologie-Forschung. Das ist gut und richtig, aber dem Mittelstand hilft es nur bedingt. Für den Mittelstand brauchen wir dedizierte Digitalisierungsförderungsmaßnahmen, damit die Unternehmen sich digital transformieren können. Insbesondere kleine und mittelgroße Unternehmen haben noch viel Nachholbedarf in Sachen Prozessoptimierung, Automatisierung und Umstellung auf digitale Kundenkommunikation. Dafür muss es Anreize geben.

Immerhin gibt es das „Digital-Jetzt“-Programm des Ministerium für Wirtschaft und Energie. Es bietet KMUs finanzielle Zuschüsse für Digitalinvestitionen.

Rickmann: Und genau das ist der richtige Ansatz. Das „Digital-Jetzt“-Programm ist meines Erachtens eines der wichtigsten Elemente der Digitalförderung – neben der Förderung von digitalen Start-ups und der forcierten Digitalisierung des Schulwesens. Das Programm sollte aber noch umfassender sein. Beratungsleistungen, insbesondere zur Erstellung eines Digitalisierungsplans, sind zum Beispiel von einer Förderung durch das „Digital-Jetzt“-Programm ausgenommen. Dabei ist gerade die Erstellung eines Digitalisierungsplans etwas, wobei Unternehmen Hilfe gebrauchen können. Man sieht ja am Schulwesen, wie sehr fundierte Beratung bei der Planung von Digitalisierungsvorhaben vonnöten ist.

Worauf beziehen Sie sich da konkret?

Rickmann: Auf Medienentwicklungspläne. Alle Schulen, die Fördergelder für Digitalisierungsmaßnahmen beantragen, müssen ihrem Träger einen Medienentwicklungsplan vorlegen. In diesem muss aufgeführt sein, welche digitalen Werkzeuge oder Programme zu welchem Zweck angeschafft werden sollen. Um so etwas festlegen zu können, braucht man allerdings eine gewisse Digitalkompetenz – und diese haben die meisten Schulen nicht. So ist es zum Teil zu erklären, dass von den über fünf Milliarden Euro, die der Bund über den Digitalpakt Schule bereitgestellt hat, bisher gerade einmal fünf Prozent abgerufen wurden. Da sich die Deutsche Telekom das Thema Förderung der digitalen Bildung groß auf die Fahne geschrieben hat – wir haben dafür eigens eine Konzernbeauftragte ernannt –, bieten wir den Schulen hierbei Unterstützung an.

Für das Bildungswesen gilt Digitalisierung ja als Krisenbewältigungsrezept Nr. 1. Für die Wirtschaft auch?

Rickmann: Ja. Ich bin davon überzeugt, dass ein hoher Digitalisierungsgrad für jedes Unternehmen ein entscheidender Resilienzfaktor ist. Digital gut entwickelte Unternehmen kamen im Frühjahr viel besser durch den vollständigen Lockdown als digital rückständige Firmen. Besonders deutlich zeigte sich das in Branchen, die voll vom Lockdown betroffen waren, wie etwa Gastronomie und Hotelgewerbe: Restaurants mit Online-Bestellsystem konnten über den Außer-Haus-Verkauf auch bei geschlossenem Ladenlokal noch in akzeptablem Maße Umsatz machen, und Hotels mit schnellem WLAN konnten ihre Zimmer als Home-Office-Ersatzquartiere anbieten – für Büroangestellte, die zu Hause zu viel Ablenkung hatten.

Seit dem zweiten November gibt es erneut einen bundesweiten Lockdown, und man muss befürchten, dass es nicht der letzte gewesen sein wird. Ist die deutsche Wirtschaft inzwischen digitalisiert genug, um derartige Maßnahmen auch künftig gut überstehen zu können?

Rickmann: Ich möchte da nicht „genug“ sagen. Viele Unternehmen haben erst mit dem Ausbruch der Pandemie ernsthaft angefangen, sich zu digitalisieren, und ein knappes Dreivierteljahr dürfte bei den wenigsten Betrieben für eine komplette Transformierung ausgereicht haben. Aber: Der Digitalisierungszug rollt endlich! Corona hat auch dem letzten Analogbetrieb-Verfechter klar gemacht, dass gute Umsätze kein Grund sind, auf Digitalisierung zu verzichten, denn praktisch über Nacht können sich die Dinge ändern. Wir konnten den Sommer über einen starken Anstieg an Digitalisierungsaktivitäten verzeichnen, was mich optimistisch stimmt. Digitalisierte Unternehmen können ihre Wertschöpfung schneller und einfacher erhöhen, und sie machen sowohl in Krisenzeiten als auch in Normalzeiten mehr Umsatz – das belegt unser Digitalisierungsindex Mittelstand seit Jahren. Also ja, ich denke, dass die Wirtschaft auch künftige Lockdown-Maßnahmen gut überstehen kann.

Aber Sie sagen selbst, dass viele Unternehmen eben noch nicht vollständig digitalisiert sind.

Rickmann: Das müssen sie auch nicht. Es reicht, wenn sie die Digitalisierungsnotwendigkeit erkannt haben und mit ersten Schritten befasst sind. Die Telekom hat zahlreiche Einstiegslösungen im Angebot, die schon eine Menge leisten – und diese lassen sich innerhalb kürzester Zeit implementieren. Mit unserem OnlineStore-Bundle für die Gastronomie zum Beispiel können Restaurants in nur zwei Stunden einen webbasierten Take-Away-Service einrichten, mitsamt kontaktlosem Bezahlsystem. Oder nehmen Sie unsere HomeOffice-Pakete für Angestellte und Freiberufler: Da gibt’s drei verschiedene, vom einfachen Starter-Paket über das Sorgenfrei-Paket bis zum Power-Paket mit Webex-Meetingsoftware und -hardware – sie alle können binnen 48 Stunden nach Bestellung einsatzbereit sein.

Home-Office ist ein gutes Stichwort: Die Corona-Pandemie hat die Akzeptanz für das Arbeiten von Zuhause aus drastisch erhöht; es ist verbreitet wie nie zuvor. Wird das so bleiben? Wird Home-Office vielleicht sogar bald der Normalfall in der Büroarbeitswelt sein?

Rickmann: Heimarbeit hat zahlreiche Vorzüge, sowohl für Unternehmen als auch für Angestellte. Sie macht einen Betrieb unabhängiger von äußeren Einflüssen, sie steigert die Mitarbeiterzufriedenheit und sie erspart Pendlern die Pendelei. Insofern schont Heimarbeit auch die Umwelt. Unser Konzern setzt seit Beginn der Pandemie in großem Stil auf Heimarbeit: Beim ersten Lockdown wurden innerhalb einer einzigen Woche rund 16.000 Telekom-Mitarbeiter auf Home-Office umgestellt. Bisher hat das sehr gut funktioniert. Aber Home Office hat erwiesenermaßen auch Nachteile. Zum Beispiel leidet die teaminterne Zusammenarbeit bei Projekten, und Brainstormings per Video-Schalte sind einfach deutlich weniger effektiv als Face-to-Face-Meetings. Umfragen zeigen außerdem, dass viele Angestellte mit reiner Home-Office-Arbeit nicht glücklich sind. Ihnen fehlt die Interaktion mit Kollegen. Einige haben für sich auch festgestellt, dass Arbeit und Freizeit sich im Home Office stärker miteinander verquicken, als ihnen das lieb ist. Ich glaube daher nicht, dass Heimarbeit bald der Normalfall sein wird. Sie wird aber künftig einen höheren Anteil in der Arbeitswelt haben. Hybride Arbeitsmodelle, die aus Präsenzarbeit und aus Home-Office-Arbeit bestehen, sind die Zukunft.

Abschließend – was sollte die Wirtschaft Ihrer Ansicht nach aus der Corona-Krise gelernt haben? Oder anders gefragt: Was möchten Sie Unternehmen und Angestellten als Botschaft mit auf den Weg geben?

Rickmann: Meine Botschaft für Unternehmen lautet: Lassen Sie sich von der Lage der Dinge nicht entmutigen! Ich weiß, dass es derzeit viele Betriebe im Land gibt, die um ihre Zukunft bangen – sicher zurecht, ich will da nichts beschönigen. Der deutsche Mittelstand hat aber immer schon die Fähigkeit gehabt, sich in Produktion, Logistik und Vertrieb schnell auf aktuelle Gegebenheiten einstellen zu können, und das kann er auch in Corona-Zeiten. Es gibt so viele Beispiele, die das belegen. Während der ersten Welle der Pandemie war von Spirituosenherstellern zu lesen, die ihre Produktion auf Desinfektionsmittel umstellten, weil ihnen der Absatz in Gaststätten fehlte, und von Automobilzulieferern, die mit Schläuchen für Beatmungsgeräte Umsatz generierten. Der Schlüssel zu solchen Adaptionen ist Digitalisierung. Sie ist nicht nur ein Motor für das Kerngeschäft, sondern auch die Basis für Optimierungen, die über das eigene Produkt oder die eigene Dienstleistung hinausgehen und die Erschließung neuer Geschäftsfelder ermöglichen. Und meine Botschaft für Angestellte lautet: Unterstützen Sie Ihren Arbeitgeber, indem sie Ideen zur Unternehmensentwicklung beisteuern! Ich weiß von einem Messebauer, der sich mit seiner Kompetenz für Holzverarbeitung ein zweites Standbein im Gewerbeimmobilien-Innenausbau errichtet hat und so durch die Corona-Krise kommt. Das war nur deshalb möglich, weil die Mitarbeiter kreativ geworden sind und bei ihren persönlichen Kontakten nachgefragt haben, ob es irgendwo Bedarf für diese Art von Arbeit gibt.

Herr Rickmann – wir bedanken uns für das Gespräch!

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