Durch Poesie aus der Zerissenheit des Daseins I.

Stefan Groß-Lobkowicz2.01.2020Gesellschaft & Kultur, Medien, Wissenschaft

Zu Lebzeiten verkannt, der „Hyperion“ floppte, doch Hölderlin kämpfte. Er kämpfte gegen die Zerrissenheit der Welt, gegen den Dualismus und die Knechtschaft der Unfreiheit. Er träumte von einem neuen Götterhimmel und einem Universalreich der Poesie, das die Welt in einen ewigen Frühling führt. Dieser Hölderlin, der vor 250 Jahren geboren wurde, ist durchaus eine moderne Existenz. Hin- und hergetrieben auf der Suche nach dem eigenen Selbst, dieses genauso überwindend wie setzend – darin bleibt er Ästhetiker, dem die Poesie alles werden sollte: genialischer Sinnentwurf und poetische Überwindung der Wirklichkeit.

Jede Zeit hat Höhen und Tiefen, in denen sie manchmal mit Intellekt spart und die Ebenen mit Grausamkeiten und Blut überzieht, in denen sie aber manchmal geradezu Geist gnädig verschenkt. Eine komprimierte Zeit der Intellektuellen war das Deutschland von Aufklärung, Klassik und Romantik mit ihren Zentren in Tübingen, Heidelberg, Weimar und Jena. Geistesgeschichte pur, Zeit “vollendeten Wissens”.

Die Veränderung der Welt

Während einst in der Antike geistige Superstars wie Sokrates, Platon oder Aristoteles einer zweitausendjährigen Geschichte ihr Siegel aufdrückten, die die kommende Weltgeschichte quasi in einer Fußnote behandelte, wie Alfred North Whitehead schrieb, so war das Jahr 1770 ein ganz besonderes für den Geist der Philosophie und der Ästhetik. Friedrich Hölderlin und Georg Friedrich Wilhelm Hegel werden es sein, die die Zeit, Welt und Geschichte verändern.

Kant weiterdenken

Es war ein großartiges Jahrhundert – durchaus ebenbürtig der Antike, der Renaissance und dem Mittelalter samt seinen Scholien und Kommentaren. Lessing hatte für mehr Toleranz unter den Religionen geworben, Immanuel Kant die Fackel der Aufklärung von David Hume und John Locke endgültig entzündet und Johann Gottlieb Fichte das absolute Ich zum Ausgangspunkt aller Philosophie gemacht. Der Königsberger Kant war Markstein, Quelle und Überbietungsanspruch zugleich, denn mit seinem wohlbekannten „Ding an sich“, der immanenten Unerkennbarkeit der Welt oder Gottes, wollte man sich nicht zufriedengeben. Kant und Fichte galt es gleichermaßen zu überbieten – und dazu hatten sich die Tübinger Jugendfreunde Hölderlin, Friedrich Wilhelm Joseph Schelling und Hegel eingeschworen. Ihre gemeinsame Schrift war Programmansage. „Das älteste Systemprogramm des deutschen Idealismus“ ist nichts anderes als der Entwurf kantischer Überbietung. Eine „unsichtbare Kirche“ wollten sie gründen, eine der Liebe gegen die kategorische Macht des Imperativs der Pflicht stellen. Ein Pendant zu Kants negativer Naturphilosophie galt es zu finden – und selbst das Absolute oder Göttliche sollte nicht als ein „Also ob“ wieder Einzug finden im Geist der deutschen Idealisten. Eine Revolution der Denkungsart sollte es sein – und Hölderlin schickte sich an, dieses Projekt eigenständig zu verwirklichen.

Eine fast romantische Existenz

Genial, begabt, später anmutig von äußerer Gestalt, ein Adonis gleichermaßen, erblickte der Dichter der Einsamkeit, der Natur und des Göttlichen, vor 250 Jahren in Lauffen am Neckar das Licht der Welt. Von Selbstermächtigung einerseits, von tiefen Selbstzweifeln andererseits angetrieben, war Hölderlin ein Temperament, das zwischen Euphorie und tiefer Leidseligkeit, Weltanklage litt und schwankte. Eine fast typische romantische Existenz könnte man meinen, wenn er im Augenblick Glückseligkeit atmete und dann, wenn er in den Wirren der inneren Existenz zum Philosophieren neigte. Doch Romantiker war Hölderlin nie, Kunst war für ihn nie bloßes „Ereignis“, Happening, und „Universalpoesie“ wie einst für Friedrich Schlegel nie die bloß heitere Geselligkeit. Kunst wird für ihn zum Existential, wie es Martin Heidegger später denken wird.

Als Mensch ein Einsamer

Als Mensch bleibt Hölderlin ein Einsamer, ein Steppenwolf, der die Tiefe des Geistes in sich auslotete, der aber genauso lebensbegierig und trinkfest wie die übrigen Tübinger Stiftler sein konnte, durchaus gesellig, doch dies alles auf Zeit, auf begrenzte Dauer. Zeit war in erster Linie Lebensinnenzeit, die Durchmessung der Seele in ihren Tiefen und Höhen, in ihrem kurzweiligen Glücksrausch und erlauchten Liebesgefühlen, die aber in ihrer Dialektik immer wieder ins Gegenteil verfiel. Euphorie, gesteigertes Glückgefühl einerseits, die beide aber nur im Augenblick zu haben waren, wechselten mit der größten erdenklichen Schwermut andererseits. Eine brüchige Existenz war Hölderlins Wesen – und damit durchaus modern.

Fortsetzung folgt

 

 

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