Bouffier macht sich für Philipp Reis stark

Stefan Groß-Lobkowicz28.11.2019Gesellschaft & Kultur, Medien, Wissenschaft

Wer hat das Telefon erfunden? Der Amerikaner Graham Bell oder der Deutsche Philipp Reis? Jetzt erscheint die erste große Monografie zum Erfinder des Telefons. Das Buch kommt zu einer klaren Antwort: Philipp Reis war es. Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier erklärt: „In Amerika existiert die grobe Fehlvorstellung, dass Graham Bell das Telefon erfunden habe. Dagegen wollen wir mit diesem Buch ankämpfen.“

Deutsche Erfinder haben vom Buchdruck bis zum Auto, vom Röntgenstrahl bis zum Kaffeefilter viele Erfolge zu verzeichnen. Doch was ist mit dem Telefon? Amerika beansprucht mit Graham Bell die Ehre für sich. Ein neues Buch des Historikers und Verlegers Wolfram Weimer liefert nun eine andere, eindeutige Analyse: Es war der hessische Lehrer Philipp Reis, der das erste Fernsprechgerät tatsächlich erfunden hat – und das Wort „Telefon“ gleich dazu. Das Buch „Der vergessene Erfinder“ ist die erste umfassende Monografie zu Philipp Reis und ist im CH.GOETZ-Verlag erschienen.

Der hessische Ministerpräsident Volker Bouffier hat die Monografie in Wiesbaden präsentiert und erklärt: „Seine Erfindung war revolutionär. Reis hat Geschichte geschrieben – auch wenn er teilweise vergessen wurde. Das wollen wir ändern.“ Philipp Reis sei ein genialer Tüftler gewesen, und wegen seiner unbändigen Neugier ein Vorbild für heute: „Wir brauchen wieder Menschen, die neugierig sind, die innovativ sind. Innovation ist ein Schlüssel für eine bessere Zukunft. Da ziehe ich die Linie zu Philipp Reis. Wir leben von Menschen, die uns nach vorne bringen“ 

Bestseller-Autor Wolfram Weimer erzählt mit dem Buch minutiös die tragische Geschichte eines Tüftler-Genies aus Hessen, dem bis heute der Ruhm für seine Erfindung versagt geblieben ist. „Das Pferd frisst keinen Gurkensalat“ – so lautet der erste Satz, der jemals über ein Telefon gesprochen worden ist. Am 26. Oktober 1861 führte Philipp Reis seine Erfindung den Mitgliedern des Physikalischen Vereins in Frankfurt vor. Der Apparat bestand aus einer Geige, einer Stricknadel und der Blase eines Hasen. Obwohl die Konstruktion funktionierte, die Öffentlichkeit staunte, belächelten damalige Wissenschaftler den genialen, kreativen Amateur aus Hessen und sein vermeintliches Musik-Spielzeug. Er starb früh und erlebte den Weltruhm seines Geniestreichs nicht mehr. Dafür übernahm der clevere Geschäftsmann Alexander Graham Bell in den USA die Idee, ließ sie zwei Jahre nach dem Tod von Philipp Reis patentieren und machte mit den neuartigen Telefonen Millionen. Amerika feierte Bell seither als den Vater des Telefons. Deutschland hat den wahren Vater hingegen fast vergessen.

Ministerpräsident Volker Bouffier bei der Buchvorstellung “Der vergessene Erfinder” von Wolfram Weimer, Foto: Stefan Groß

Die neue Monografie spürt dem Leben und Wirken von Philipp Reis nach. Weimer erzählt die Lebens- und Erfindungsgeschichte detailliert quellentreu und doch lebendig. Zahlreiche Archivfundstücke und wichtige Quellendokumente werden erstmals zusammen publiziert. Das reich illustrierte Buch gibt vor allem Antworten. Antworten auf die Fragen: Wie kann der nicht-studierte Waisenjunge das schaffen? Wer ist dieser Jahrhundert-Erfinder wirklich? Wieso wird „Das Pferd frisst keinen Gurkensalat“ der erste Satz, der je durch ein Telefon gesprochen wird? Warum kann Graham Bell das Telefon nach dem Tod von Philipp Reis für sich patentieren lassen? Und wieso ist Reis in Vergessenheit geraten?

Bei der Schlüsselfrage, wer denn nun das Telefon tatsächlich erfunden hat, referiert das Buch die langjährige Wissenschaftsdebatte und ihre Argumente. Dabei wird klar, dass Bell das Telefon technisch entscheidend weiterentwickelt und vor allem erfolgreich vermarktet hat. Das Buch arbeitet interessante Details heraus, so dass Bell in seinem britischen Patentantrag gar nicht den Anspruch erhebt, der Erfinder, sondern nur der Verbesserer des Telefons zu sein. Der genaue Titel seines Patents lautet daher „Verbesserungen in der elektrischen Telefonie (Übertragung oder Erzeugung von Tönen zum Zweck tele- grafischer Nachrichten) und an telefonischen Apparaten“. 

Allerdings ist Bell tatsächlich der erste Patentinhaber des Telefons. Dieser Umstand wird von Bell-Verehrern und der amerikanischen Historiographie als entscheidender Beweis gewertet, dass er und nicht Reis als Erfinder angesehen werden müsste. Weimer argumentiert dagegen: „Philipp Reis konnte ein rechtlich einwandfreies Patent gar nicht anmelden, denn das deutsche Patentgesetz wird erst am 25. Mai 1877 beschlossen und tritt am am 1. Juli 1877 in Kraft. Da ist Reis schon drei Jahre tot. Die USA hingegen haben ein geschlossenes Patentrecht schon länger. Das Patent-Argument ist freilich ahistorisch und legalistisch. Denn die meisten Erfindungen bis weit ins 19. Jahrhundert hinein sind nicht durch moderne Patente kodifiziert worden – vom Buchdruck bis zur Dampfmaschine – und trotzdem erkennt man ihre geistigen Väter eindeutig als Erfinder an.“

Die Monografie soll – so Weimer – „einem großartigen Mann, dem es das Leben schwer machte, den Respekt und die Sichtbarkeit geben, den er verdient hat.“ Denn so das Fazit: Der Erfinder des Telefons heißt nicht Graham Bell, er heißt Philipp Reis.   

 

Das Buch ist  hier bestellbar

Wolfram Weimer, Der vergessene Erfinder, Hardcover 146 Seiten, CH. GOETZ-VERLAG,  ISBN: 978-3-947140-04-6, Preis: 20 Euro

Ministerpräsident Volker Bouffier bei der Buchvorstellung “Der vergessene Erfinder” von Wolfram Weimer, Foto: Stefan Groß
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