Gesundheitsminister: Ohne allgemeine Impfpflicht wird es nicht gehen | The European

So will uns Karl Lauterbach aus der Pandemie führen

Stefan Groß-Lobkowicz8.02.2022Medien, Politik

Während unsere europäischen Nachbarn in Sachen Corona immer weiter lockern, bleibt SPD-Gesundheitsminister Karl Lauterbach im „Bild“-TV-Interview bei einem harten Kurs. Ohne eine allgemeine Impfpflicht geht aber nichts. Von Stefan Groß-Lobkowicz

Gesundheitsminister der SPD, Karl Lauterbach, Foto: picture alliance / EPA | CLEMENS BILAN

Die Kritik an den Corona-Maßnahmen wächst. Doch Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach setzt weiterhin auf Vorsicht. Sofortige Lockerungen erklärt er für „verrückt“. Selbst Großbritannien sei kein Vorbild für Deutschland. Würde man das englische Modell übernehmen, hätte man in Deutschland mehr als 300 Tote täglich, derzeit pendle sich aber die Zahl zwischen 60 und 80 hierzulande ein. Die Politik mache also genau das Richtige und hat mit den derzeitigen Maßnahmen die Pandemie weitgehend unter Kontrolle. Trotz der Kontroverse mit dem Robert-Koch-Institut über einer Verkürzung des Genesenenstatus von sechs auf drei Monate bleibt für den SPD-Politiker das Modell des RKI weiterhin verbindlich. Nach Lauterbach haben diese Modelle in der Vergangenheit den Verlauf der Pandemie immer präzise vorausgesagt – und daran wolle er derzeit auch nicht rütteln. Denn nach wie vor ist der lockerungsskeptische Politiker davon überzeugt, dass bei einer Beendigung der derzeitigen Maßnahmen es durchaus möglich sei, dass die Intensivstationen wieder volllaufen.

Wie bereits in den vergangenen zwei Jahren setzt Lauterbach auch im Februar 2022 bei der Pandemiebekämpfung auf das Prinzip Vorsicht. Es glaube nicht, „dass Omikron die letzte Variante ist. Wir werden noch mehr Varianten bekommen.“ Und anders als der Koalitionspartner von der FDP, der für weitere Öffnungen plädiert, sei es zum derzeitigen Standpunkt zu früh für gravierende Lockerungen. „Warum sollten wir viel zu früh lockern, bevor wir die Welle gebrochen haben?“ Zum jetzigen Zeitpunkt seien wir noch nicht über den Berg und es sei eine Gefahr, dass Fell des Bären zu verteilen, bevor er geschossen ist. Sein Credo bleibt: Erst wenn die Omikron-Welle gebrochen ist, kann man die Maßnahmen zurücknehmen. Anders gesagt: Omikron einfach laufen zu lassen, sei keine Alternative, zumal der Höhepunkt der Welle voraussichtlich Mitte Februar zu erwarten ist. Erst dann könne man lockern, aber dies eben auch nicht, wenn die Fallzahlen auf ihrem Höhepunkt sind.

Das Hauptproblem gegenüber anderen Ländern wie Dänemark, Spanien, Großbritannien und Finnland, die mit einer Lockerungsoffensive die letzten Tage gestartet sind, ist für den langjährigen Gesundheitsexperten die hohe Anzahl älterer Menschen, die ungeimpft sind. Gerade die vulnerablen Gruppen der über-60-Jährigen machen ihm Sorge. „Bei den Über-60-Jährigen sind bei uns zwölf Prozent nicht geimpft, in England sind es nur zwei Prozent.“ Auch bei der Zahl der noch immer jüngeren Ungeimpften, die sich einer Spritze von BioNTech und Co verweigern, sieht er weiterhin das große Problem und begreift diese Uneinsichtigkeit als den größten Bremser für größere und langfristigere Lockerungen.

Wenn es, so die Warnung des Gesundheitsministers, bei den Ungeimpften nicht bald zu einem Umdenken kommt, werden wir in Deutschland nicht aus dem Dilemma herauskommen. Erschwerend kommt hinzu, dass jeder Fünfte in den Gesundheits- und Pflegeeinrichtungen immer noch auf eine Impfung verzichtet. Dies sei aber nicht nur unkollegial, sondern das Gros der Bevölkerung leide dann unter dieser Minderheit.

Lauterbach setzt daher nach wie vor und ohne Wenn und Aber auf eine Impfpflicht. Und zwar auf eine allgemeine ab 18 Jahren. Eine immer wieder diskutierte Impfung ab 50 Jahren reiche nicht. „Wenn die Impfpflicht umgesetzt wird, dann wäre selbst bei sehr hohen Inzidenzen die Wahrscheinlichkeit nicht sehr hoch“, dass es zum Problem im Gesundheitssystem käme. Folglich bräuchte man dann auch keine so strengen Maßnahmen mehr.“

Unter der Voraussetzung einer allgemeinen Impfpflicht und der damit verbundenen Schließung der Impflücken konnte sich Lauterbach dann auch im „Bild-TV-Interview zu einer positiven Zukunftsprognose hinreißen: Er sei überzeugt, dass unter dieser Prämisse im Herbst der ganze „Spuk“ vorbei sei. Und auch mit Blick auf mögliche Lockerungen vor dem Herbst gab sich der Minister zuversichtlich. Er glaubt daran, dass „wir deutlich vor Ostern lockern werden. Davon bin ich überzeugt“.

Selbst bei der viel diskutieren Grundimmunisierung hatte Lauterbach Entwarnung gegeben. Vorerst reichen drei Impfungen für eine Grundimmunisierung der Bevölkerung. Einzig für die Hochrisiko-Menschen mache eine vierte Impfung derzeit Sinn. Eine sieben- oder gar achtfache Impfung sehe er derzeit nicht.

Während Virologe Hendrik Streeck eine Verkürzung des Genesenenstatus für falsch hält, verteidigte Lauterbach die Verkürzung von sechs auf drei Monate. Wie der Wissenschaftler betonte, habe das RKI den Genesenenstatus bei der Omikron-Variante analysiert. Das Ergebnis: Insbesondere bei jüngeren Ungeimpften hat sich gezeigt, dass bei diesen durch die Omikron-Variante nur wenige Antikörper gebildet werden. Das untermauern nicht zuletzt Studien aus Südafrika.

Von der Corona-Kassandra Karl Lauterbach bleibt als Minister wenig übrig. Zwar gilt er weiterhin nicht als lockerungswütig, doch unter der Voraussetzung einer allgemeinen Impflicht, kann sich der rigide Corona-Maßnahmen-Verfechter zu Öffnungen hinreißen lassen.

 

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