Hölderlin - Mit Friedrich Schiller über Johann Gottlieb Fichte hinweg II.

Stefan Groß-Lobkowicz6.01.2020Gesellschaft & Kultur, Medien, Wissenschaft

Raus aus der philosophischen Isoliertheit des Ich, weg von Fichtes absoluten Ich als Prinzip aller Philosophie – darum geht es Hölderlin, der mit seiner Alleinheitslehre Spinoza, mit seinem Naturbegriff Rousseaus folgen wird.

Die Idee der Humanität

Hölderlin, der Dichter der Schwaben, der wie Friedrich Nietzsche erst posthum Weltruf genießen sollte, hatte es nicht leicht mit sich und der Welt, an der er litt, weil sie eben nicht so vollkommen wie die gelobte Antike war, weil sie so sehr im Gewöhnlichen und Unmenschlichen, in Knechtesgeist und Unfreiheit siedelte, voller Ungerechtigkeiten und fern der unendlichen Idee des Humanums. Nie sollte er glücklich sein durch Liebe in dieser Welt der „Götterferne“. Der Dualismus der Welt machte ihn krank, trieb ihn zu Spinozas Pantheismus und Friedrich Schillers großartiger sittlicher Ästhetik. Der revolutionäre Denker des Sturm und Dranges, der feinsinnige Marbacher Dichter, Geschichtsphilosoph und der Verfasser der „ästhetischen Briefe“, dem Ästhetik zur Bürgerpflicht und eine Ästhetisierung der Gesellschaft als Ideal vorschwebte, der nicht allein aus der Pflicht die Menschheit zu verbessern suchte, sondern mit der Schaubühne als moralischer Anstalt, Ethik und Ästhetik feinsinnig miteinander zu synthetisieren suchte. Ihm war Hölderlin innig verbunden.

Schiller und Hölderlin – Vorbild und Kritik

Schiller, der Hölderlin oft „das ist mein liebster Schwabe“ nannte, galt als Idol der Freiheit im pietistischen Schwaben und stellte zugleich den Gegenentwurf zum absoluten Monarchismus des württembergischen Regenten dar. Hölderlin wird ihm hier folgen, wenn auch er sich inbrünstig zu den Idealen der Französischen Revolution bekennt. Hölderlin, der gemäßigte Jakobiner und Republikaner, wird aber dann von Schiller weichen, wenn dieser die Moderne als das bestimmen wird, das nicht mehr ins Arkadische zurück kann. Doch gerade dieses Elysium der Götter Griechenlands wird der Lauffener wieder beschwören, sei es durch Dionysios, den rasenden, baccantischen Gott, der 100 Jahre vor Nietzsches Dionysioskult bei Hölderlin als der Gott des Werdens gilt, der ins Offene treibt.

Der neue Schlachtruf Hen kai Pan

Und Hölderlin will sie wiedererrichten, die alte Welt, die ins Unendliche greift, sei es in Gott, in der Natur oder in der Poesie als Weltentwurf. Und er sucht die Verbindung von Endlichkeit und Unendlichkeit, er dichtet sie neu, um den Dualismus, das Zerrissene und Getrennte in einer qualitativ neuen Einfalt zu finden, im Hen kai Pan (Eins und Alles) der Antike, die ihm aber immer wieder in den Händen zerbrechen wird. Der Schlachtruf gilt dem alten Griechenland, dem Elysium am Peloponnes.

Das Ich ist mehr als das von Fichte

Raus aus der philosophischen Isoliertheit des Ich, weg von Fichtes absoluten Ich als Prinzip aller Philosophie – darum geht es Hölderlin, der mit seiner Alleinheitslehre Spinoza, mit seinem Naturbegriff Rousseaus folgen wird. Statt sich setzender Ich-Philosophie, die für Hölderlin auf der anderen Seite im Nichts kulminiert, wird er den Begriff der intellektuellen Anschauung stellen, der Unmittelbarkeit, der intensivsten, moralisch-erotischen und erkenntnistheoretischen Einheit des Subjektiven und des Objektiven. Die intellektuelle Anschauung ist das unmittelbare Wissen in seiner absoluten Reinheit, die aber nur die eine Facette von Welterkenntnis sein kann, deren andere die permanente Überschreitung des subjektiven Bewusstseins sein soll. Nicht das Ich wird so zum Prinzip der Philosophie, sondern das „Ich“, das per Poesie eine bessere Welt errichtet, ein Himmelreich auf Erden stiftet, erweitert um die natürliche Religion und den Volksgeist.

Zu Teil 1 kommen Sie hier: Durch Poesie aus der Zerissenheit des Daseins I.

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