Die Staatsmedien sind zu einseitig und zu teuer | The European

Schluss mit der Hofberichterstaatung der öffentlich-rechtlichen Medien

Stefan Groß-Lobkowicz8.12.2020Medien, Politik

Sachsen-Anhalt probt den Aufstand gegen den Rundfunkstaatsvertrag. Die Landtagsfraktion der CDU in Magdeburg weigert sich, dass der verpflichtende Rundfunkbeitrag zum Jahresanfang 2021 um monatlich 86 Cent oder knapp fünf Prozent erhöht wird. Es ist aber nicht das erste Mal, dass das kleine Bundesland rebelliert. Schon vor einigen Jahren stand Sachsen-Anhalt mit seiner Kritik am öffentlich-rechtlichen Fernsehen im Fokus der Aufmerksamkeit. Zu staatstragend, zu unausgewogen und vor allem zu teuer. GEZ-Zahler beschwerten sich in aller Regelmäßigkeit über die dürftige Qualität vieler Sendungen. Daran hat sich auch nach Jahren nichts geändert. 2021 will man noch mehr mehr Geld für weiterhin schlechte Qualität. Wir haben im Archiv geblättert.

Schild vor dem Gebäude des Beitragsservice der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten von ARD, ZDF und Deutschlandradio auf dem Gelände der WDR-Studios und Köln-Bocklemünd bei Nacht, Foto: imago images / Deutzmann

Staatskanzleichef Rainer Robra von der CDU ist der medial dafür verantwortliche Landesminister für Sachsen-Anhalt, der das „Erste“ in seiner jetzigen Form abschaffen will. Wie der Minister in einem Interview mit der „Mitteldeutschen Zeitung“ betonte, reiche als nationaler Sender das ZDF vollkommen aus. Und für die ARD schlägt er vor, dass diese vielmehr zum „Schaufenster der Regionen“ werden solle. Kanzlerduell und Bundestagswahl, die toppolitischen Themen als auch Kassenschlager aus Hollywood haben im „Ersten“ nichts zu suchen. Auch die „Tageschau“ sei ein Dinosaurier alter bundesdeutscher Medienkultur und „in dieser Form überflüssig“. Aber nicht nur die Tagesschau soll einer neuen Kosmetik weichen, an eine Renaissance denkt der Medienminister auch in Sachen Internetangebot der Sender.

„Neufassung“ der telemedialen Medien heißt dies in der Sprache der Magdeburger Staatskanzlei – und gemeint ist damit auch das Verbot von presseähnlichen Texten, die, die Zeitungsverleger freut es, ebenso mit einem Verbotsschild versehen werden.

Das Heilige

Jahrzehntelang war die „Tageschau“ neben dem „Tatort“ für viele deutsche Fernsehkonsumenten so etwas wie der tägliche Gottesdienst, das Restreligiöse, das sie noch verwalten konnten, und der Ort und die Stunde, wo sie in aller Demut und Einkehr glaubten, über die Wahrheit informiert zu werden. Die „Tagesschau“ war Zivilreligion, ein kulturell gewachsener Ritus, wo die Telefone schwiegen und man ungestört sein wollte, wo sich die Hausgemeinschaft andächtig zum politischen Stelldichein versammelte, wo das Deutschland der 70er, 80er und 90er Jahre in eine gebetsartige Stille versank.

Acht Milliarden Euro

Die Zeiten haben sich geändert. Doch der alte Zopf der „Tagesschau“ ist geblieben. Acht Milliarden Euro werden jedes Jahr in die Kassen der öffentlich-rechtlichen Medien gespielt – Geld genug, um das Programm endlich von der politisch-eindimensionalen Hofberichterstattung samt Bevormundung, Arroganz und Besserwisserei zu befreien. Endlich Zeit damit aufzuhören, den moralischen Zeigefinger und die betuliche Gelehrsamkeit dem aufgeklärten Zuschauer wie einen alten Brotteig vorzulegen.

Eine Reform an „Haupt und Gliedern“

Was wir brauchen ist nicht mehr Regionalität und länderspezifischen Kleinkram als buntes Allerlei, sondern eine intellektuelle Reform des Fernsehens an „Haupt und Gliedern“, garniert mit einem bunten Cocktail an sinnvoller Unterhaltung. Was wir dagegen haben ist Trash. ARD und ZDF haben ihren Bildungsauftrag schon längst verloren – NTV und N24 den öffentlichen Nachrichtendienst schon lange revolutioniert. Und die Dritten Programme sind der einzig segensreiche Kern dessen, was das Fernsehen heute noch zu bieten hat. Was wir daher benötigen, sind besser inszenierte Inhalte, die die Nation aus ihrer Nachtversunkenheit und Schlaftrunkenheit in die politische Realität zurückholen. Unterhaltungsserien oder langweilige Klischeekrimis befrieden nur noch ein betagtes Publikum.

Ein Blick nach Angelsachsen kann helfen

Die „Tagesschau“ allein sollte doch bleiben – sie steht für ein Minimum an Kontinuität in einer multi-medial verzweigten Unübersichtlichkeit. Ein Stück Kontinuität mag da nicht schaden. Aber wenn immer von Diversität, Pluralismus und Interdisziplinarität die Rede ist, sollten diese Begriffe auch in den medialen Alltag einziehen. Die „Tagesschau“ so wie ist, gleicht einem steifen Bügelbrett, das weder jemand anschauen gleichwohl nur widerwillig benutzen will.

Ein Blick über den Kanal und nach Übersee zeigt – CNN ist seriös, aber keineswegs langweilig. Amerikaner in Deutschland wundern sich schon länger über den hier situierten Fernsehkonsum samt seiner Drögheit. Also bitte keine Spießbürgeridylle mehr und kein frühzeitiges „Sandmännchen“ für Erwachsene!

Erschien zuerst auf The European am 20.10.2017

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