Ein Plädoyer für mehr Innerlichkeit

Stefan Groß-Lobkowicz20.03.2020Gesellschaft & Kultur, Medien, Wissenschaft

Das Coronavirus hat die Welt verändert. Der Alltag ist ein anderer geworden, die Menschen mehr auf sich selbst gestellt. Doch was können wir in dieser Zeit der Uneigentlichkeit an neuer Eigentlichkeit gewinnen? Ein Aufruf zu mehr Innerlichkeit.

Ruhiger Mann im Sand zwischen zwei Meeren, Shutterstock

Ostern wird zu Karfreitag

Einst waren wir Beschleunigungsweltmeister und unser Alltag glich denen von Getriebenen. Die Meßlatte war auf Unendlichkeit und grenzenloses Wachstum eingestellt. Doch heute entschleunigt das Coronavirus die Welt, die nur ein Vorwärts kannte, eine ungeheure Eile, ein Rasen in die Zukunft hinein. Nun liegt sie verlassen da, gespenstisch diese Ruhe, ungewohnt. Die Börsen fallen wie welkes Laub, die bunte Welt von Goethes „Osterspaziergang“  eingefroren, Ostern wird zu Karfreitag.  Statt „Dorfs Getümmel, hier ist es Volkes wahrer Himmel“ allenthalben lähmende Ungewissheit, Panik und Zweifel. Unsichtbar nagt das Virus an unseren Seelen und zwingt uns, den Freiheitsfanatikern, zu selbst verordneter Demut. Die Einsamkeit webt ihr Band und seltsam mutet es an, im „Nebel zu wandern“ wie Herrmann Hesse einst schrieb. Der Herbst, so scheint es, ist inmitten des Frühlings angekommen – und unruhig wandern wir durchs Unbekannte. Vielleicht sind wir auf dem Weg in eine neue Sentimentalität, hin zu einer melancholischen Schönheit, die so vielen Künstlern eigen war.

„#WirBleibenZuHause“ ist zur neuen Lebensmaxime geworden und der homo oeconomicus  agiert aus Quarantäne und Home-Office. Die einst globalisierte Welt ist zu Beschaulichkeit und Übersichtlichkeit geschrumpft, der Blick aus dem Fenster die einzige Form lebensweltlicher Interaktion. Die globale Welt ist nun tatsächlich das Dorf, aber das Dorf unserer Einsamkeiten.

Die Interaktionsäume sind kleiner geworden, aber die Zeit verdichtet sich. Fegte sie früher wie ein Orkan über uns hinweg, wird sie nun zur statischen Konstante. Die Sinnfrage stellt sich in Zeiten anmutender Sinnlosigkeit. Doch, „wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr,“ schrieb einst Rainer Maria Rilke und der große Stoiker Seneca empfahl bereits vor zweitausend Jahren: „Zieh dich zurück in die Stille der Muße, aber lass auch um diese Muße selbst die Stille walten.“

„Nur die Ruhe ist heiter, die uns die Vernunft schenkt“

Kannte der aufgeklärte und technikaffine Mensch des 21. Jahrhunderts nur die positive Freiheit, die „Freiheit zu“, so spürt er nunmehr die negative Freiheit, die ihm als Ausgangssperre die eigentliche Handlungsfreiheit verstellt und in ungekannte Zwangslagen bringt. Doch diese Selbstbeschränkung gilt es auszuhalten, stoisch zu ertragen. Die äußere Unfreiheit in die innere Freiheit positiv zu übersetzen ist das Gebot der Stunde, die einst verlorene Seelenruhe zurückgewinnen und dem getriebenen Ich ein Stück weit Frieden, Langsamkeit und Besinnlichkeit zu geben. Das bleibt das Einzige, was uns in diesen Zeiten übrig bleibt. Verwandeln wir sie zu einer neuen Tugend, die in der Beschränkung möglicherweise einen neuen Sinn zu Reflexion, zu einer neu sich erfindenden Innerlichkeit und besonneneren Ruhe findet. „Nur die Ruhe ist heiter, die uns die Vernunft schenkt“, hatte ja Seneca schon gelehrt.

 

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