Centrkurort: Lukaschenkos Reiseagentur für illegale Migration | The European

Mit dieser Reiseagentur organisiert Lukaschenko seinen Migrationstourismus gen Westen

Stefan Groß-Lobkowicz1.11.2021Europa, Medien

Der Diktator aus Belarus, Alexander Lukaschenko, geht auf Konfrontationskurs mit dem Westen. Seine Waffe im Kampf gegen die Europäische Union sind Migranten. Ob aus dem Irak, Syrien oder Afghanistan – Tausende wollen nach Deutschland oder Schweden. Der perfide Einreisetourismus nach Europa wird auch von Reisebüros in Minsk und im Nahen Osten organisiert. Von Stefan Groß-Lobkowicz.

Präsident von Belarus, Alexander Lukaschenko, Quelle: Shutterstock

Der Asyltourismus in Belarus Richtung Europa boomt. Mittlerweile hat der Despot aus Minsk ein lukratives „Tourismusnetzwerk“ inklusive Flugticket und offizieller Schleppergarantie aufgebaut, das ganz gezielt mit Einreisen nach Belarus wirbt, um die Migranten dann über die polnische oder litauische Grenze nach Deutschland zu schleusen. Destabilisierung mittels durchorganisierter Spezialoperationen nennt der im polnischen Exil lebende belarussische Oppositionelle Pawel Latuschko die Lukaschenko-Taktik, Europa mit Flüchtlingen zu destabilisieren. Diese Migrationsbewegung organisierte das Regime „selbst künstlich“.

Lukaschenkos Politik der offenen Schleusen ist die gezielte Antwort eines Diktators, der sich an der Europäischen Union für die Sanktionen rächen und eine Konfliktsituation schaffen will, die der globalen Migrationswelle von 2015 ähnelt und Europa in Sachen Migrations- und Verteilungspolitik zu spalten sucht.

Reisebüro „Centrkurort“ verkauft für 3000 Euro den europäischen Traum

Der Migrationstourismus hält nicht nur Polen und Litauen in Atem. Die Zahl der Migranten, die nach Europa wollen und sich derzeit an den Grenzen geradezu aufstauen, ist auch mit 2000 polnischen Grenzschützern, 500 Polizisten, 2500 Soldaten und Hunderten Angehörigen der „Territorialverteidigung“ kaum zu bewältigen. Auf der anderen Seite verdient sich Belarus eine goldene Nase. Wie polnische Behörden mitteilen, kassiert Minsk „mehrere zehn Millionen Dollar“ an der Operation. In den Schmuggel von Flüchtlingen aus und durch Belarus ist die weißrussische Staatsairline Belavia involviert, die nach EU-Sanktionen nicht mehr in die EU oder nach Großbritannien fliegen darf. Das krisengeschüttelte Unternehmen, dem der Bankrott drohte, profitiert nun vom Migrationstourismus Lukaschenkos. Die Zahl der Flüge aus dem Irak nach Minsk hat sich in den vergangenen Wochen verdoppelt. Viele Dollars fließen aber auch an belarusische Reisebüros, insbesondere an ein staatliches mit dem Namen „Centrkurort“.

Auf den ersten Blick wirkt Centrkurort wie ein seriöser Reiseanbieter. 2012 gegründet, um die 78. Eishockey-Weltmeisterschaft 2014 zu organisieren, nahm das staatliche Unternehmen dann als offizieller touristischer Betreiber der Meisterschaft seine Arbeit auf. Schon damals konnten die Macher auf ein Netzwerk von 20.000 Hotelplätzen in Minsk zurückgreifen, das in den vergangenen Jahren noch deutlich aufgestockt wurde. Centrkurort gilt mittlerweile als die mit Abstand größte staatlich kontrollierte belarussische Tourismusagentur. Auch der litauische Europaabgeordnete Petras Austrevicius hat Centrkurort bereits via Twitter auf dem Kieker.

Das Unternehmen hat sich nun seit Mai auf den Asyltourismus aus dem Irak eingestellt. Seit dieser Zeit arbeiten irakische Agenturen eng mit belarussischen zusammen. So gibt es Kooperationen mit dem irakischen Reisebüro „Damak Travel and Tours LTD“, das auf Facebook für „Travel Consultant“ wirbt. Dubiose Hintermänner mit langjähriger Schleusererfahrung rekrutieren in Ranya oder Erbil Migranten und verkaufen für 3000 Euro den europäischen Traum. Ziel sowohl auf weißrussischer als auch irakischer Seite ist es, Reisen nach Minsk anzubieten, die offiziell als Touristenreisen getarnt sind. „Diese Menschen sind selbstständig. Sie kommen hierher, um unsere Kultur und Zivilisation kennen zu lernen, was sehr schmeichelhaft ist. Ich bin mir sicher, dass diese Route bei den Irakern sehr beliebt sein wird“, so Andre Savinykh, der Vorsitzende des ständigen Ausschusses für internationale Angelegenheiten von Belarus. „Unser Tourismus ist gut entwickelt, und diese Strecke ist vielversprechend.“

Doch schon vor Monaten hatte das vom russischen Oppositionellen Michail Chodorkowski betriebene Dossier Center, das „die kriminellen Aktivitäten verschiedener Personen, die mit dem Kreml in Verbindung“ stehen, aufdeckt, Scans von Einladungen, die die staatliche belarussische Agentur Centrkurort Migranten ausstellte, veröffentlicht und damit die absurde Migrationstaktik offengelegt. Immer wieder hatte die staatliche weißrussische Reiseagentur Einreisevisa von Irakern und Syrern, die ihre Flüge dort buchten, automatisch ausgestellt.

Von Minsk aus schiebt Lukaschenkos Reisebüro die Flüchtlinge in die EU

Laut Latuschko ist Centrkurort eine große Stütze in seinem Plan. Die ausgestellten Einreisevisa ermöglichen, dass die irregulären Migranten sofort die litauische Grenze passieren können. Perfekt organisiert werden die Flüchtlinge, die ein Kopfgeld bis zu 5000 Euro zahlen, nach ihrer Ankunft von Minsk aus verteilt. Nach speziellen Passkontrollstellen, die extra für Iraker eingerichtet wurden, die über den „zweitschwächsten“ Pass der Welt nach Afghanistan verfügen, geht dann die Reise mit Bussen, Schmugglerautos oder Taxis zur Grenze. Von dort aus werden sie von belarussischen Diensten auf die polnische Seite regelrecht hinübergeschoben. Zwar wird die Beihilfe zur irregulären Migration nach belarussischem Recht mit bis zu sieben Jahren Gefängnis bestraft, doch das interessiert die Grenzbeamten kaum.

Lukaschenko regiert in Belarus mit harter Hand, unterdrückt die Zivilgesellschaft und die demokratische Opposition. Der antidemokratische Kurs wird nicht nur durch Russland unterstützt, sondern der Autokrat zieht die Strippen höchstpersönlich. Die Reiseagentur Centrkurort unterliegt seiner direkten Einflussnahme, denn Lukaschenko kontrolliert alles in Belarus. „Es gibt immer mehr Beweise dafür, dass es sich um einen Plan auf nationaler Ebene handelt, da solche Dinge ohne Lukaschenkos Segen nicht geschehen könnten“, so Tadeusz Giczan, Redakteur des belarussischen oppositionellen Nachrichtensenders Nexta.

Jarosław Kaczyński, der Vorsitzende der national-konservativen polnischen Regierungspartei PiS, spricht von einem „hybriden Krieg“, den Belarus führt. In der gezielten Abschiebung von Wirtschaftsmigranten nach Polen, sieht er einen Racheakt für die Unterstützung der weißrussischen Opposition durch Polen. Noch-Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD) geht weiter. Er sieht in Alexander Lukaschenko den „Chef eines staatlichen Schleuserringes,“ der selbst vor dem Menschenhandel nicht zurückschreckt.

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