Bulgarien wird zum Transitgebiet für Flüchtlinge | The European

Nach Belarus wird Bulgarien der nächste Flüchtlings-Hotspot

Stefan Groß-Lobkowicz15.11.2021Europa, Medien

Nach Polen ist jetzt ist das ärmste Land Europas zum Transitgebiet für Flüchtlinge geworden. Die Zahl der illegal Eingewanderten in Bulgarien steigt auf ein neues Rekordhoch. Sofia meldet 6500 Flüchtlinge innerhalb der ersten neun Monate – Tendenz steigend. Von Stefan Groß-Lobkowicz.

Immer mehr Flüchtlinge. Die Lage zwischen der Türkei und Bulgarien ist angespannt, Quelle: Shutterstock

An den Grenzen zwischen Polen, Litauen und Belarus herrscht der Ausnahmezustand. Tausende Flüchtlinge drängen nach Polen mit dem Ziel, in die Bundesrepublik zu gelangen. Während der belarussische Diktator Alexander Lukaschenko seinen Migrations-Tourismus mit Hilfe Moskaus weiter aufstockt und mehr denn je Flugzeuge in Minsk landen, gibt es nun eine weitere Flüchtlingsroute. Immer mehr Menschen strömen aus der Türkei über Bulgarien in die EU ein.

Das EU-Staat Bulgarien ist mittlerweile ein Hotspot in Europa und zu einem der beliebtesten Transitgebiete geworden. Hinter der zweiten großen Migrationsroute steckt der türkische Staatschef Recep Tayyip Erdoğan, der im Bund mit Moskau und Minsk Europa in die Zange nimmt. Damit erhöht nun auch Ankara den Druck auf Europa, dass sich nach wie vor bei der Verteilung von Flüchtlingen uneins ist.

Vor sechs Jahren, 2015, waren es sieben Land- und Seerouten, durch die Flüchtlinge die Grenzen zur EU überwanden. Über die westafrikanische Route, die westliche und die zentrale Mittelmeerroute, die westliche Balkanroute, östliche Mittelmeerroute und über die östliche Landroute strömten Millionen Menschen nach Europa. Doch schon damals hatte die Europäische Agentur für die Grenz- und Küstenwache „Frontex“ betont, dass die meisten Asylsuchenden per Flugzeug in die EU reisen.

War es 2015 die beliebte Balkanroute, die als Schleusentor für Millionen fungierte, stand damals nicht Bulgarien, sondern Griechenland auf der Agenda der Migranten. Außerdem hatte die Regierung in Sofia schon bereits zwei Jahre vor der Massenflucht mit dem Bau eines Zauns entlang der 260 Kilometer langen Grenze mit der Türkei begonnen. Hinzu kam, dass Bulgarien in einem arabischen „Flüchtlingshandbuch“ auf Platz 1. unter den Ländern stand, dass die Asylbewerber unbedingt meiden sollten. Eine Assad-freundliche Webseite warnte ausdrücklich vor den Bulgaren.

In der ersten Flüchtlingswelle im Jahre 2013-2014 kamen zehntausend Menschen aus arabischen Ländern nach Bulgarien. Doch im Land regierten Fremdenhass und Islamophobie. Die schlechte Behandlung seitens der bulgarischen Behörden und der Bevölkerung hatte damals den Flüchtlingsstrom abflauen lassen. Übergriffe auf die Flüchtlinge, Demonstrationen und politische Aktionen standen auf der Tagesordnung. Die Botschaft, die das Land damals an die Welt sendete, war: Bulgarien ist arm und christlich, wir wollen euch nicht!

Sechs Jahre später hat sich die Lage geändert. Sofia hat die Zahl der Soldaten im Grenzgebiet aufgestockt und die bulgarische Polizei in Alarmbereitschaft versetzt. Über 400 Sicherheitskräfte und 40 Armeefahrzeuge sind im Einsatz. Grund: Immer mehr Flüchtlinge haben sich die neue Route als Fluchtweg ausgesucht. Besonders dramatisch ist derzeit die Lage am Grenzübergang Kapikule. Dort stauen sich tausende von LKWs, weil die Beamten nach Flüchtlingen suchen, die sich in Radkästen und auf den Ladeflächen der Lastwagen versteckt haben. Die Lastwagen-Parkplätze in Kapikule werden mittlerweile mit Stacheldrahtzäunen gesichert, der Grenzzaun zum Nachbarland repariert. Der Grenzübergang gilt als einer der wichtigsten Kontenpunkte der türkischen Exportwirtschaft. Allein 2020 passierten 700.000 Lkws den Übergang in beide Richtungen.

Seitdem die Taliban in Afghanistan die Macht im August übernommen hatten, schrillten in Sofia die Alarmglocken. Auch Erdoğan schickt seit Jahren Zehntausende Flüchtlinge ins Dreiländereck – und jetzt auch verstärkt nach Bulgarien. Laut Medienberichten spiegelt sich dies in einer stetig wachsenden Zahl an Geflüchteten. So registrierten die Behörden in Sofia innerhalb der ersten neun Monate dieses Jahres rund 6.500 Flüchtlinge. Im Vergleich zum Vorjahreszeitraum verdreifachte sich die Zahl illegaler Migration. 17.000 wurden 2021 bereits nach Griechenland und in die Türkei zurückgeschickt.

1.000 bis 2.000 Dollar für die Flucht

Während Reisebüros in Belarus für die Einreise in die EU mittlerweile 5.000 bis 12.000 Dollar verlangen, bezahlen Flüchtlinge, so türkische Medien, 1.000 bis 2.000 Dollar, damit sie von Schleusern an die Lkw-Parkplätze an der Grenze gebracht werden. Gefährlicher als für die Schleuser ist es für die türkischen Lastwagenfahrer. Wenn sie mit Flüchtlingen erwischt werden, laufen sie in Bulgarien Gefahr als Menschenschmuggler rechtlich belangt zu werden. Viele LKW-Fahren können nachts daher kaum mehr schlafen, weil sie ständig fürchten, dass sich Flüchtlinge in den Wagen verstecken.

Neben der Vielzahl von Flüchtlingen, die per Flugzeug in die EU einreisen, ist die Belarus-Route derzeit die begehrteste, gefolgt von Bulgarien, Litauen und der Mittelmeerroute. Die steigende Zahl von Asyl-Erstanträgen in Deutschland in diesem Jahr ist ein Beleg für die stark anwachsende Zahl von Migranten. Laut dem „Bundesamt für Migration und Flüchtlinge“ wurden im Zeitraum von Januar bis Oktober 2021 114.966 Erstanträge gestellt. Im Vergleich zum Vorjahr stieg die Zahl der Antragsteller um 37,3 %. Syrien rangiert mit 44.948 Erstanträgen und mit einem Plus von 52,8 % damit auf Platz eins. Die Zahl der Erstanträge aus Afghanistan ist von 7500 im vergangenen Jahr 2021 auf 17.619 gestiegen. Hier ist die Zahl um 134,9 % gestiegen. Die Zahl von Erstanträgen aus dem Irak belief sich in den ersten Monaten auf 10.356 Erstanträge und damit auf ein Plus von 31,5 %.

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