250. Geburtstag von Friedrich Hölderlin | The European

Friedrich Hölderlin - Der Dichter des Seyns III.

Stefan Groß-Lobkowicz13.01.2020Gesellschaft & Kultur, Medien, Wissenschaft

Hölderlin ist insofern modern, weil auch er wie viele Seelen im heutigen 21. Jahrhundert, im Selbstbewusstsein einen Abgrund sieht, ein Nichts, das nicht im Stande ist, sich nach neuen rettenden Ufern umzusehen. Gründe dafür gibt es für den Elegiendichter von „Brod und Wein“ viele.

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Die Suche nach dem absoluten Seyn

Dieses Absolute, für Hölderlin bleibt es unbestimmt, aber er nennt es Gott, das intuitive Empfinden der Natur und die Unendlichkeit gilt es aufzurichten, allein durch die poetische Kraft der Worte. Das Wort und Hölderlins moderne Sprache stiften Realität und was bleibt, stiftet nicht der Denker, sondern eben der Dichter, der die Welt erschafft, wenn er die Sprache denkt oder dichtend die Welt erfindet. Die universale Einbildungskraft, die poetische Empfindung wird ihm jenseits von jedweden „Urtheil“ zur sinngebenden Kraft des bergenden Seins. Und dieses absolute Seyn wird nicht durch den spaltenden Verstand geschieden, der zu Trennung und Vereinsamung führt, sondern allein durch die poetische Intuition wird die Wirklichkeit erfasst. Wo Subjekt und Objekt vereinigt sind, ist Seyn in absoluter Vollendung. „Die seelige Einheit, das Seyn, im einzigen Sinne des Worts, ist für uns verloren und wir mussten es verlieren, wenn wir es erstreben, erringen sollten. Wir reißen uns los vom friedlichen Hen kai Pan der Welt, um es herzustellen, durch uns Selbst. Jenen ewigen Widerstreit zwischen unserem Selbst und der Welt zu endigen, den Frieden alles Friedens, der höher ist, denn alle Vernunft, den wiederzubringen, uns mit der Natur zu vereinigen zu Einem unendlichen Ganzen, das ist das Ziel all unseres Strebens. “

Jenseits von aller Trennung muss Einheit sein

Und nach diesem greift Hölderlin in allen Phasen seines Lebens mit zaghafter und dennoch bestimmender Hand. Einheit, Versöhnung und Harmonie werden die Ingredienzien eines Denkens, dem es um Objektivität geht, der das Göttliche im Menschen sucht und das Menschliche im Göttlichen. Wo sich Unendliches und Endliches berühren, da verliert das Zweifeln seine tragische Kraft, zeigt sich die höchste zu erbringende Einheit, die sich durch die Negativitäten des Daseins manövriert hat und in der sich die höchste Stufe freiheitlicher Vollendung zum Ausdruck bringt. Doch nur jenseits der Zeit vermag sich dieses Ereignis zu manifestieren, aber dieses immer wieder – jenseits der Trennung von Natur und Kultur – an-zudichten bleibt das höchste anzustrebende Ziel.

Freiheit als spontaner Akt der Poesie

Ein Reich der Freiheit, der innerlichen wie der republikanischen zugleich zu errichten, eine „unsichtbare Kirche“, wie sie sich die Tübinger Freunde Schelling, Hegel und Hölderlin erträumten, wollte der Lauffener errichten, eine, wo die Kerze der Freiheit das Licht entzündet und Freiheit zum A und O aller Kunst wird.

Freiheit als spontaner Akt des Schöpferischen wird für Hölderlin aber eben nicht philosophisch erdacht, sondern poetisch vollzogen, denn es bleibt die Poesie, die die Wirklichkeit stiftet. Poesie, und so will sie Hölderlin dichten, ist nicht Welt abbildend, sondern Welt erschaffend. Und was der Philosophie scheinbar nicht gelingt, vermag wie im „Hyperion“ die Poesie. Sie allein ist mächtig genug, die Trennung des Daseins zu überwinden und die Seynsverbundenheit erreichen. Oder anders formuliert: Das Seyn, das Hölderlin meint, ist das Reich der Schönheit und im künstlerischen Schaffen vereinigt sich Sinnlichkeit, Verstand und Vernunft. Durch dieses freie Spiel der Kräfte im Menschen eröffnet sich die Möglichkeit der Schönheit. Hier überwindet der Künstler die Kluft zwischen „Urtheil“ und „Seyn“ und erfährt sich in inniger Seinsverbundenheit. Letztendlich als Akteur, der die Wirklichkeit gestaltet, der „tätig“ die Welt verändert, wie es schon in Goethes „Faust“ hieß.

In der Ästhetik, in der Kunst des Schönen, verbinden sich Politik, Religion und Philosophie. Die Kunst wird idealisch. Doch diese Kunst treibt ewig ins Offene, in die Weite und Zukunft. Sie bleibt ein Sehnsuchtort mythologisch-poetischer Erfindung. Sie zu stiften ist die Aufgabe der Dichter.

Dem Ende entgegen

Ein „Himmelreich“ auf Erden gibt es für Hölderlin ebenso wenig wie später für Heinrich Heine, denn das Dasein ist und bleibt der Ort der Differenz, dieses auch zu ertragen. Man nennt es Schicksal. Dieses Nich-bei-sich-Selbst-Sein ist es, was Hölderlin nicht erträgt und wo er höchst selbst scheitern wird. Ausgerechnet nach den Jahren höchster Blüte und Vollendung,  nach 1801-1802, also der Phase der produktiven Schaffenszeit, bricht er später Friedrich Nietzsche in Turin zusammen. Hölderlin ist geistig erschöpft, ausgemergelt. Die Autenriethischen Kliniken in Tübingen werden ihm vorerst Heimat. Später wird es der berühmte Dichterturm am Neckar sein, wo er nach 37 Jahren – wach, aber sich selbst entfremdet, ichlos einerseits, in hybrider Selbststeigerung andererseits am 7. Juni 1843 stirbt.

Jenseits der Subordination

Hölderlin wollte – wie auch Georg Friedrich Wilhelm Hegel nicht – Priester der Orthodoxie, der Subordination und der Theologie werden. Das Wagnis des Lebens besteht für ihn vielmehr in der An- und Abwesenheit der Götter, im Sich-Verbergen und Ent-Bergen. Diese Differenz wollte er in eine neue Synthese überführen. Er wusste aber, dass sich diese nur im Augenblick oder in der Zukunft, in der Offenheit ereignet. Mit der realen, mit der entzauberten Welt, in der er lebte, aber wollte sich Hölderlin nicht abfinden. Gegen sie kämpfte er mit aller Inbrunst und verzweifelten Leidenschaft. Letztendlich aber ist er an ihr gescheitert.

Wie modern ist Hölderlin?

Hölderlin ist insofern modern, weil auch er wie viele Seelen im heutigen 21. Jahrhundert, im Selbstbewusstsein einen Abgrund sieht, ein Nichts, das nicht im Stande ist, sich nach neuen rettenden Ufern umzusehen. Gründe dafür gibt es für den Elegiendichter von „Brod und Wein“ viele: Differenzerfahrungen begreift er als etwas höchst Existentielles, die das Leben herausfordern, vorantreiben, aber dennoch ewig in die Saiten des Schicksals greifen und tiefe Gräben und Narben in der Seele hinterlassen. Der Mensch als Bild des Göttlichen oder als Teil der Nation arbeitet sich an diesen Ideen unermüdlich ab, blickt in den Götterhimmel, verehrt glühend das Nationale, verliert sich aber dennoch im Kampf um seine Ideale. Die Kunst, die Hölderlin als eine produktive Kraft begreift, die nicht um ihretwillen geschieht, sondern den Menschen im Dienst der Freiheit zur Sittlichkeit erzieht, verliert im neoliberalen Kapitalismus zunehmend an Bedeutung, weil sie nicht Kapital akkumuliert, sondern ein freies Spiel der Geister bleibt und damit nicht verrechenbar.

Liberaler Weltentwurf

Hölderlins Vision bleibt eine freie Menschheit, wo Individuum und Gesellschaft, wie einst bei Schiller ineinander spielen, wo Kunst als Imperativ der Freiheit den neuen Menschen hervorbringt, der den Idealen der Französischen Revolution und des liberalen Weltentwurfs zugeneigt ist. Hölderlin wäre sicherlich heutzutage ein Verfechter des Grundgesetzes und der „Charta der Vereinten Nationen“. Ein Mensch, der auf freier Erde steht und die Schöpfung zu bewahren sucht. Er wäre ein Naturfreund, ein ökologischer Denker, der die Natur nicht auf ihre bloße Materialität verkürzt, sondern diese als eine unendliche Kraft verstehen würde, die nicht vernutzt und ausgebeutet werden darf, sondern die liebevoll zu umhegen und zu pflegen sei.

Damit wäre Hölderlin heute einerseits ein „Grüner“, aber andererseits auch ein Konservativer. Er will bewahren, ohne dogmatisch zu sein. Er sucht aus der Geschichte heraus in die Zukunft zu greifen, ohne die Menschheit besserwisserisch zu belehren und zu bevormunden. Er will den Menschen vielmehr dazu anstiften, das Bessere zu tun und moralisch-praktisch tätig zu werden.

zu Teil I kommen Sie hier: Durch Poesie aus der Zerissenheit des Daseins I.

zu Teil II. kommen Sie hier: Hölderlin – Mit Friedrich Schiller über Johann Gottlieb Fichte hinweg II.

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