Die jungen Grünen verweisen die AfD auf die Plätze

von Stefan Groß-Lobkowicz30.03.2019Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik, Medien, Wissenschaft

Die Grünen sind mit ihrer Klimapolitik derzeit auf dem Vormarsch. Dagegen hat die AfD ihren Zenit wohl überschritten. Statt Optimismus und Hoffnung verbreiten Gauland und Co nur Pessimismus. Damit ist die Zukunft aber nicht zu gestalten.

Die Grünen haben Konjunktur. Getreu dem Motto: Es kommt nicht darauf an, was man sagt, sondern wie man dies tut. Ob Robert Habeck, die grüne Führungsspitze in Bayern, Ludwig Hartmann und Katharina Schulze, oder die Klimaaktivistin Luisa Neubauer – die Wahlumfragen bestätigen es: grün ist im Aufwind. So steht beispielsweise Grünen-Chef Robert Habeck laut ZDF-„Politbarometer“ erstmals auf Platz eins der zehn wichtigsten Politiker der Bundesrepubik und hat damit selbst die Kanzlerin überholt.

In Sachen Klima sagen die Grünen zwar nicht Neues, doch der Drive und die Agilität, mit der sie das tun, überzeugt. Es kommt nicht wie eine abgedroschene Phrasenpolitik herüber, es mutet nicht an, als seien dies nur pure Lippenbekenntnisse und selten beschleicht einen das Gefühl der Ideologisierung wie bei der alten Garde von Trittin, Fischer und Co. Es ist die gelebte Authentizität, der Geist des Aufbruchs, den man dahinter verspürt.

Selbst die Sachsen drehen in den grünen Wind

Die Youngster eint ein neuer Wind, der die Umfragewerte der Partei enorm in die Höhe katapultiert. Selbst im sonst so „braunen“ Sachsen, wo der rechtsradikale Sumpf die Demokratie verwässert und sich wie ekliger Schleim über das einstige Kulturland zieht, feiern die Grünen bemerkenswerte Erfolge. Das Geheimnis ganz einfach: Die Karte auf die man setzt, ist Generationenverantwortung und Klimawandel: Während die AfD ihren Zenit überschritten und in den Umfragewerten wie eine ausgedörrte Zimmerpflanze nach unten klettert und beim ewigen Sing-Sang von Politikverdrossenheit, Flüchtlingskrise und Klimaleugnung das eigene geistige Portfolio mit schlechten Nachrichten und Ressentiment übertrumpft, fahren die Grünen mit ihrem neuen Klimaschutzprogramm ein Rekord nach dem anderen ein. Auf Bundesebene liegen sie derzeit bei 20 Prozent und stürmen zielsicher auf die Festung der CDU.

Die Generation 50+ wirkt machtlos

Gegen derartige Personalpower hat die Generation 50+ derzeit wenig entgegenzusetzen. Während Theresa May am Brexit dümpelt, Angela Merkel sich bis 2021 retten will, um machtpolitisch Helmut Kohl zumindest in Dienstjahren zu folgen, und ihr stilles Weiter-so noch stiller fortsetzt, haben die Grünen der Kanzlerin schon längst die Macht aus den Händen gerissen. Die Kanzlerin avanciert in der Klimadebatte zur Kulissenschieberin, während die Grünen die Stars auf der Bühne sind – manchmal noch ein wenig unsicher, manchmal zu bieder und im Lehrerton sich vergreifend.

Dem bösen Ende näher

Ihre fulminante Antriebsenergie verdankt die Ökopartei letztendlich neuen Studien der Klimainstitute. Sei es der Club of Rome oder die Vereinten Nationen. Der „Global Environment Outlook“ verheißt nichts Gutes für die Welt von Morgen. Allein der Luftverschmutzung fallen jährlich sieben Millionen Menschen zum Opfer, die Ozeane ersticken zusehend im Plastikmüll, die Wirbeltierpopulation hat sich um 60 Prozent dramatisch verkleinert und eine Vielzahl von Insekten sind vom Aussterben bedroht. Auch wächst die Zahl der „degradierten Böden“ dramatisch. Die Erderwärmung und Überfischung ist zur existentiellen Bedrohung von über drei Milliarden Menschen geworden. Und die Kohlendioxidemissionen sind, laut der Internationalen Energieagentur (IEA), auf einen neuen Rekordstand geklettert: plus 1,7 Prozent gegenüber dem Vorjahr auf 33 Milliarden Tonnen CO2.

Vor den Folgen eines ökologischen Kollapses hatte der Philosoph Hans Jonas bereits Anfang der neunziger Jahre gewarnt und für mehr Harmonie zwischen Technik und Natur plädiert. Seine Umweltethik, sein Prinzip der vorausschauenden Verantwortung, wird jetzt von den jungen Grünen wundervoll bespielt und mit dem Umweltticket erobern sie sich die Politikdomäne.

Mehr Zukunftsoptimismus bitte!

Zwar ist der Blick in die Zukunft alles andere als hoffnungsweisend, allein der gute Wille, Verantwortung für die Zukunft des Planeten zu übernehmen, überzeugt derzeit auch die härtesten Gegner der Grünen. Dem Zukunftspessimismus der AfD stellen sie zumindest einen Kämpferwillen entgegen, der nicht Sinn- Hoffnungs- und Ausweglosigkeit propagiert, sich nicht die bloße Gesinnung auf die Fahnen schreibt, sondern die Einsicht in die Notwendigkeit, dass es in Sachen Klima so nicht weitergehen kann. Oder wie es 2003 Reinhart Koselleck formulierte: „Der Mensch als weltoffenes Wesen, genötigt, sein Leben zu führen, bleibt auf Zukunftssicht verwiesen, um existieren zu können. Die empirische Unerfahrenheit seiner Zukunft muß er, um handeln zu können, einplanen. Er muß sie, ob zutreffend oder nicht, voraussehen.“

Die Angst vorm bösen Ende schweißt die Menschen derzeit mehr zusammen als die Angst vor einer drohenden Migration. Wer bloße Ängste schürt, tut dem Fortschritt eben auch keinen Gefallen.

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