Mit Verlaub, Herr Präsident, Sie sind ein Arschloch. Joschka Fischer

Kramp-Karrenbauer erntet linken Entrüstungssturm

Das politische Berlin ist irritiert. Ausgerechtet die CDU-Parteivorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer ist in eine politische Schieflage geraten, weil sie einen Witz über Intersexuelle machte – und das ausgerechnet zur Fastnacht, wo seit Jahrhunderten Humor und Spott regieren.

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Annegret Kramp-Karrenbauer hat Erfolg und gilt als potentielle Nachfolgerin von Angela Merkel. Sie ist politikerprobt, schlagfertig und zeigt Kante. Und sie kommt gut an, nicht nur in der Partei – auch im Wahlvolk wie letzte Umfragen deutlich zeigen. Sie denkt pragmatisch und agiert praktisch, und sie hat ihn – den gesunden Menschenverstand. Doch gerade den will man ihr aus Oppositionskreisen gerade streitig machen.

Stein des ebenso lapidaren wie medial völlig sinnlosen Disputes und Shitstorm war eine Fastnachtsrede, dem „Stockacher Narrengericht“, wo Kramp-Karrenbauer mit „flapsigen“ Äußerungen gegenüber intersexuellen Menschen eine Welle der Empörung ausgelöst hat. „Wer war denn von Euch vor kurzem mal in Berlin? Da seht ihr doch die Latte-Macchiato-Fraktion, die die Toiletten für das dritte Geschlecht einführen,“ sagte die Politikerin am Bodensee und ergänzte: „Das ist für die Männer, die noch nicht wissen, ob sie noch stehen dürfen beim Pinkeln oder schon sitzen müssen. Dafür, dazwischen, ist diese Toilette.“

„Erlaubt ist, was gefällt“ hatte einst Deutschlands Dichterfürst Johann Wolfgang Goethe in seinem „Torquato Tasso“ geschrieben. Doch so gut ist es mit der Meinungsfreiheit selbst in Karnevalszeiten nicht mehr in Deutschland bestellt. Selbst der Humor steht unter Kuratel. Und die Fastnacht, so scheint es, ist die Zeit, wo die Deutschen am allerwenigsten Spaß verstehen. Nicht die Deutschen, wohl aber deren politisch korrekter Teil, hat nicht nur ein Humorproblem, sondern goutiert allein den politisch korrekten Witz, der apodiktisch die öffentliche Konsensmeinung abbildet und jede weltanschauliche Abweichung mit dem Hammer abstraft.

“Im Moralapostolat”

Wer Witze über Gender, die Unisex-Toilette, das Dritte Geschlecht oder sich gar gegenüber Intersexuellen lustig macht, gehört in die Acht, zumindest verbrämt. Da machen auch Büttenreden keine Ausnahme mehr. Doch wenn man schon zu Karneval seine Meinung nicht mehr sagen darf, wann dann? Die Büttenrede geht bekanntlich auf die mittelalterliche Sitte des „Rügerechts“ zurück. Und der Sinn der Bütt ist erwiesenermaßen die ungestrafte Kritik an den Herrschenden – und nun eben einmal im Falle Kramp-Karrenbauers gerade umgekehrt – einer Herrschenden über den genderisierten Mainstream. Mit ihrer unverblümten Rede steht die CDU-Politikerin in einer großen Tradition, wo derbe Witze Konjunktur feiern und der Spott regiert. Zu Fastnacht wird über die Strenge geschlagen – und das ist auch gut so. Dass die liberale Katholikin, die immer wieder mit Äußerungen zur Homo-Ehe in die Kritik geraten ist, zu Karneval an einem Reizthema zündelt, welches ihr als guter Katholikin befremdlich bleiben muss, öffnet in den Reihen ihrer Gegner gleich die Tür zur Hölle und entfacht einen linken Entrüstungssturm.

Hätte Kramp-Karrenbauer die 20 Millionen ADAC-Mitglieder, die 150.000 Schalke-Mitglieder, die 138.000 CSU-Mitglieder oder gar 160.000 Rassekaninchenzüchter polemisch in ihrer Bütt verbrämt, der mediale Gegenwind wäre ihr erspart geblieben. Doch sie rüttelte an einem Thema, das mittlerweile zum Politikum geworden ist und das nur ein Bekenntnis kennt: Akzeptanz und keinen kritischen Diskurs. Deutschland geriert sich so, und das seit jüngstem auch zu Karneval, zum „Moralapostolat“ wie es der Philosoph Horst G. Herrmann in seinem gleichnamigen Buch beschrieb. Die Geburt der westlichen Hypermoral ist kein Geschenk des Katholizismus und seiner ausgelassenen Lebensfreude, die sich im Karneval fulminant entzündet und die Sinnlichkeit frenetisch vor dem Beginn der Fastenzeit noch einmal feiert und zelebriert, sondern ein Produkt aus dem Geist der Reformation, Luthers Verbotskultur und der protestantischen Vernunftlogik.

Kalauer über Ostdeutsche, Donald Trump und die AfD sind willkommen

Wer Kalauer über Ostdeutsche, die Braunen in Brandenburg oder die auf falschem Kurs segelnde AfD macht, gegen Donald Trump als „Kanalratte aus Washington“ hetzt, ist im politischen Berlin hochwillkommen. Zu noch mehr Meriten kommt der, der Sachsen-Bashing betreibt. Und wer gegen Gender, Unisex und „divers“ polemisiert, dem wird sogar während der Faschingszeit der politische Pranger errichtet und die mediale Schelte folgt wie ein Gewittersturm. Und so hatten es die Reaktionen aus dem „Moralapostolat“ auf AKKs Büttenrede in sich. „Erzkonservativer Wind“ kritisierte SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil. „Wieder so ein Tag zum Fremdschämen… Ist es so schwierig, eine humorvolle Narrenrede zu halten, ohne platt auf Minderheiten einzudreschen?“, twitterte der FDP-Bundestagsabgeordnete Jens Brandenburg, der Fraktionssprecher für die Anliegen von Lesben, Schwulen, Bi-, Trans- und Intersexuellen (LSBTI) ist. Der Berliner Kultursenator Klaus Lederer (Die LINKE) sprach von einem „Trauerspiel“: „Die Vorsitzende der größten Bundestagspartei findet es lustig, auf Stammtischniveau am Karneval Menschen zu denunzieren, die nicht der geltenden Machonorm entsprechen. Ein Jammer.“ Sven Lehmann von den Grünen forderte gleich in einem Offenen Brief eine Entschuldigung und fragte rhetorisch: „Hallo Frau Kramp-Karrenbauer, haben Sie es wirklich nötig, für einen billigen Kalauer sich auf Kosten von inter- und transsexuellen Menschen lustig zu machen? Wenn ja, dann wäre das wahnsinnig peinlich.“

Resignierend ist festzuhalten: Die Empörungskultur hat in Deutschland wieder einen traurigen Höhepunkt erreicht und selbst der Humor ist in die Ketten des politischen Mainstreams gelegt und damit seiner kritischen Funktion entkleidet. „Erlaubt ist nicht, was gefällt“, sondern, auch diese Erfahrung musste Goethes Tasso machen, „Erlaubt ist, was sich ziemt“. Droht uns nun, so ließe sich mit Alexander Kissler fragen, ein „Humorwächterstaat“?

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Stefan Groß: 148 Peitschenhiebe und 38 Jahre Kerker für Anti-Kopftuch-Anwältin

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