Die CSU muss Demut lernen

von Stefan Groß-Lobkowicz15.10.2018Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik, Medien

Nach der Landtagswahl reden alle vom Niedergang der CSU. Fast frenetisch wird das Wahlbeben medial gefeiert. Doch die Christsozialen sind noch lange nicht am Ende. Mit mehr Demut könnten sie bei der nächsten Wahl wieder als Sieger hervorgehen.

Wenn es so etwas wie Monarchie im freiheitlich-rechtlichen Demokratiesystem überhaupt noch gibt, hatte diese die CSU als Staathalter des Freistaates seit 1957 inne. Fast absolutistisch regierte zuerst Franz-Josef Strauß und dann die Reihe seiner Adepten und deklinierte das Erfolgsmodell des „Bayern first“ mantraartig durch. Doch der Absolutismus à la Ludwig XIV. ist in die Jahre gekommen. Nun folgte am 14. Oktober keine Bayerische Revolution wie einst 1789 in Frankreich. Dennoch: ein spürbarer Riss bleibt es schon auf der Überholspur der sonst so erfolgsverwöhnten und machtpotenten Männerpartei, die sich im Personenkult selbstgenügsam, kritik- und alternativlos feierte. Aber 37 Prozent sind eben auch nicht das Ende der Welt. Aber es bleibt eine magische Zahl, aber eben eine, von der alle Wahlgewinner, seien es die Freien Wähler, die FDP, die Grünen oder die AfD nur träumen können. Selbst in Zeiten des Niedergangs zaubert die CSU noch Wahlergebnisse aus dem Hut, allein der Allmachtsanspruch ist dahin.

37 Prozent sind nicht das Ende der Herrschaft

Seit dem Wahldebakel raunt es vom Abgesang der CSU durch die mediale Welt. Vom Erdbeben, von tektonischer Verschiebung, vom Ende der Höflinge, vom Tod des Königs ist die Rede. Köpfe sollen rollen, zuerst natürlich von Horst Seehofer und dann von Markus Söder. Aber die Alleszertrümmerer der grünen Journalie übersehen geflissentlich die 37 Prozent, die schwach, aber deutlich für einen Regierungsauftrag steht. Aus Sicht der Grünen ist das Schafott bereits aufgestellt, die Henkersmalzeit angerichtet, ein Autodafé als grünes Happening wäre die Krönung. Doch personalpolitisch – sowohl mit Blick auf die Hessenwahl als auch den ohnehin porösen Burgfrieden in Berlin – wird sich die CSU derzeit davor hüten, dass Spitzenpersonal abzusäbeln.

Für eine Kultur des Dialogs

Was die CSU allerdings lernen muss, ist eine Kultur des Dialoges. Herrschaftsfrei war dieser weder bei Strauß, Stoiber, Seehofer oder Söder; letztendlich waren und sind sie alle demokratische Autokraten, die jenseits idealer Diskursvorstellungen eines Jürgen Habermas Parteipolitik betreiben. Wie einst Erich Honecker, Helmut Kohl und die ewige Bundeskanzlerin Angela Merkel hat die CSU-Spitze die Haftung zur Scholle, die Volksnähe, verloren. Für ihre Selbstzentrierung, Hybris und ihren absoluten Wahrheitsanspruch hat die Partei jetzt einen Denkzettel erhalten. Ob im Kanzleramt oder in der Bayerischen Staatskanzlei, die hybride hohe Ross-Politik hat an der Seele des Volksgeistes genagt und man übergibt den Staffelstab der Macht, zumindest zeitweise, an jene, die man für geneigter meint, Partei für die Bedürfnisse und Interessen einzunehmen. Der Bürger begreift sich längst nicht mehr als Vasall, sondern als Souverän. Und wenn den Wähler das Gefühl beschleicht, dass die Volksparteien ihn nicht mehr hofieren, zieht er eben die Notbremse und stoppt die politische Schleichfahrt. Aber die Schleichfahrt oder die ICE-Geschwindigkeit – beide gehören zum Wesen von Volksparteien, die eben auch mal am Abstellgleis – wie die Bayern-SPD und Bundes-SPD – landen kann oder an Fahrt einbüßt, wie derzeit die CSU.

Demut lernen

Während viele EVP-Europa-Politiker dezent Politik machen, die großen Schrauben der Macht leise verstellen, politische Reformen clare et distincte durchführen, herrschte in der Bayern-CSU in den letzten Monaten eine Selbstkultivierung wie auf dem Oktoberfest – ähnlich unintellektuell, aber mit Gebrüll, verfang sich die ganze CSU-Spitze in ihrer eigenen Bierseligkeit. Doch was der Partei, gerade nach dem 14. Oktober fehlt, hatte Ministerpräsident Markus Söder am Wahlabend gelassen ausgesprochen. Und ein bislang unbekanntes Wort entwickelte seine Zauberkraft im Sprachschatz der CSU-Granden: Demut. Markus Söder nimmt das Wahlergebnis „mit Demut“ an. Vom Begriff der Demut, dem neuen Zauberwort der Stunde, das Söder so gelassen aussprach als sei es eine pure Selbstverständlichkeit, wird auch die Zukunft der CSU abhängen. Gelingt es ihr nicht, die Arroganz abzuschütteln, den Selbstinszenierungshype aus Macho-Kultur und Überheblichkeit in ein seriöses Regierungen zu filtern, werden die 37 Prozent noch das beste Ergebnis sein, für das die CSU in jüngster Zeit stand. Die Partei war die letzten Jahre soweit von einer demütigen Haltung entfernt wie die Milchstraße von der Erde.

Die CSU kann wieder, wenn sie sich ändert

Aber wenn es der CSU gelingt, sich endlich aus ihrem fast religiösem Gottesgnadentum zu befreien, hätte sie gute Chancen, die Mehrheit der Wählerschaft in Bayern wieder hinter sich zu versammeln. Das es dem Freisaat so unumwunden gut geht, dass dieser wirtschaftlich gediegen und kraftvoll wie ein Rolls Roycs vor sich hinschnurrt, das hier die Integration vielerorts gelungen ist, die Arbeitslosigkeit so flächendeckend gering, die Wirtschaft sprichwörtlich brummt und die Ballungszentren in Zukunft neue Wachstums und Einwohnerrekorde verzeichnen werden. Verantwortlich für Bayern als das Silicon Valley der Lebenskultur, sozialer Absicherung und eines beneidenswerten Reichtums waren die Christsozialen, die seit Jahrzehnten die Soziale Marktwirtschaft mit einer wirtschaftsumsichtigen Politik zu verbinden wussten. Das in Bayern trotzdem nicht alles perfekt ist, gleichwohl der Himmel weiß-blau strahlt, dass die Mieten überteuert, der Wohnraum begrenzt, die digitale Infrastruktur auf dem Land selbst in afrikanischen Ländern besser funktioniert – daran sollten sich auch die erfolgsverwöhnten Bayern gewöhnen und ein wenig Langmut walten lassen. Ein bisschen Demut im Land täte den Bayern selbst gut und würde sie vor allem auch in der Bundesrepublik ein bisschen liebenswürdiger machen. Das „Mia san mia“ kann keiner mehr hören. Denn Hochmut kommt bekanntlich vor dem Fall, ein Sprichwort, das nicht nur die CDU einholt, sondern das auch der Bundesligarekordmeister, der FC-Bayern München, am eigenen Leib schmerzhaft verspürt.

KOMMENTARE

MEIST KOMMENTIERT

Die AfD ist der Aufstand der Straße gegen die Zumutung des kategorischen Imperativs

Die mangelnde Problemlösungsfähigkeit, die den regierenden Parteien in Umfragen unterstellt wird, scheint mir das eigentliche Problem. Keiner behauptet, die AfD könne die Probleme lösen oder habe die Konzepte dafür; sie ist reine Protestpartei, inhaltlich nichts sagend.

Die DDR kommt wieder!

Zwei Drittel der Berliner befürworten einen Mietendeckel, wenn die Mieten zu stark ansteigen. Das Bundesverfassungsgericht sagt, dass „preisrechtliche Vorschriften, die durch sozialpolitische Ziele legitimiert werden, verfassungsrechtlich nicht ausgeschlossen sind“. Die Mietpreisexplosion in Be

Die AfD verändert die politische Geographie

Am 1. September wird in Brandenburg und Sachsen gewählt. Die ermatteten Volksparteien bekommen ihre Quittung für eine Politik politischer Lethargie. Die AfD pflügt seit Wochen die politische Landschaft um, aber warum hat sie so eine Macht in Ostdeutschland?

Das völkische Denken der AfD ist antibürgerlich

Frank-Walter Steinmeier hat große Zweifel an der bürgerlichen Selbstdarstellung der AfD geäußert. Damit reagierteder Bundespräsident auf Äußerungen des Parteivorsitzenden Alexander Gauland, der seine Partei nach den Wahlen in Brandenburg und Sachsen als "Vertreter des Bürgertums" bezeichnet

Die GroKo versagt in der Migrationspolitik

Die Bilder aus Lesbos sind ein Menetekel: Der „Türkei-Deal“ ist gescheitert. Die Balkanroute ist wieder offen, aber die Regierung verschließt die Augen. Die GroKo versagt auf ganzer Linie, nicht nur in der Migrationspolitik.

Deutschland investiert kaum noch und unsere Infrastruktur wird marode

Die schwarze Null und die Schuldenbremse sind einer der Götzen neoliberaler Politik. Seit einem Jahrzehnt weisen wir auf die verheerende Wirkung dieser Politik hin: unsere Schulen und Straßen sind in schlechtem Zustand, Schwimmbäder und Bibliotheken schließen, Brücken und Bahnhöfe verfallen. D

Mobile Sliding Menu