Die Politik-Visionäre und der Seifenblasen-Komplex

Stefan Groß-Lobkowicz12.01.2018Gesellschaft & Kultur, Medien

Hierzulande gilt er als Vorzeige-Intellektueller, der in der medialen Welt fast Kultstatus genießt. Doch Richard David Precht spült immer nur das in den Diskurs, was andere schon dachten. Das hat der Vorzeige-Eklektiker mittlerweile fast perfekt inszeniert. Blamiert sind Deutschlands Intellektuelle. Doch Precht ist nicht der einzige, der das System Seifenblase zum Umgangsjargon gemacht hat.

Standen einst Karl Raimund Popper, Jürgen Habermas, Peter Sloterdijk und Rüdiger Safranski für die intellektuelle Debattenkultur in der alten Bundesrepublik, für eine akademische Kultur mit Niveau, schwebt nebulös mit Richard David Precht nun ein richtiger Modephilosoph durch die medial abgeflachte Welt und bestimmt den Diskurs. Der promovierte Germanist ist für das ZDF der Guru schlechthin, wenn es um Sachen philosophische Aufklärung geht. Precht ist ein geschickter Selbstinszenierer und linker Ideologe, der sich als Weltretter regelmäßig aufspielt. Damit passt er wunderbar in die geriatrische Fernsehkultur, die unterhalten und halbseiden gebildet werden will. Monströs verkündet Precht das, was andere dachten, verabsolutiert dies und verkauft es als seine originäre Philosophie, er würfelt wie ein großer Magier alles zusammen, ist eklektisch und damit eigentlich postmodern – doch Lichtjahre von der immerhin denkerisch und spielerischen Postmoderne entfernt.

Die schöne Seifenblase des Pseudo-Talks

Precht ist der moderne Taschentrickspieler der Philosophie, der auf alles eine Antwort hat – eine Art Weltgewissen in Personalunion. Das Ganze verkauft er dann mit spielerischer Hochnäsigkeit, Arroganz und im Gestus der Besserwisserei wie ein Hohepriester und toleriert dabei nur seine je individuelle Meinung. Argumentativer Diskurs ist seine Sache eben nicht und so macht er die ganze Philosophie zu einer Nullitätenbude samt moralischem Zeigefinger. An die großen Denker der abendländischen Kultur reicht er in Bruchstücken nicht einmal ansatzweise heran. Was er verkauft, ist aufgeblasener Zeitgeist in monologischer Struktur. Und seine Sendung „Precht“ ist eine schöne Seifenblasenshow, die die intellektuelle Verflachung in ihrer Reinheit widerspiegelt und das akademische Gespräch ins Nirwana geschickt hat.

Die visionslose Tagespolitik

Nun hat Deutschlands „Vorzeigephilosoph“ – mit seinem spürbar antrainierten Wissen – der deutschen Politik Visionslosigkeit vorgeworfen und Kurzsichtigkeit bescheinigt. Precht, der die Elite verachtet, weil er aus keiner kommt, Precht, der alles verachtet und mit fast nietzscheanischer Dekadenz aushebelt, ,was nicht in seinen intellektuellen Baukasten passt, erklärte gegenüber dem „Focus“, dass er „niemanden aus der Riege der gegenwärtigen Spitzenpolitiker, der das Prädikat ‚Visionär’ zu Recht tragen würde“, wüsste. Der visionslosen Tagespolitik ermangele es nicht nur an Zeit, die enge Taktung ermögliche keine freien Blicke und man müsse „völlig unterschiedliche Themen gleichzeitig bearbeiten“. Der geistige Horizont sei durch den „Rhythmus der Legislaturperioden“ beschränkt und ferne Visionen kommen dem abhanden, der kleingeistig im Turnus von zwei bis drei Jahren denke. Die Wiederwahl ins politische Amt wird letztendlich als Kriterium der Kurzsichtigkeit benannt.

Darüberhinaus will Precht die intellektuelle Elite des Landes mehr in politische und zukunftsweisende Diskussionen einbinden. Menschen, „die ausreichend Zeit, Intelligenz und Bildung besitzen, um über grundlegende Zukunftsfragen nachzudenken“ und deren Ideen zumindest in den „öffentlichen Diskurs eingespeist und debattiert werden.“ Darin mag Precht sicherlich recht haben: die intellektuelle Kultur hierzulande ist, wie es Arnulf Baring schon vor Jahren beschrieb, im Niedergang. Doch mit seiner Kritik kocht Precht – als wäre er der Entdecker der Utopie – wieder nur das in seinem Suppentopf auf, was allzu bekannt ist.

Pragmatiker gefragt – Visionäre gibt’s genug

Was wir brauchen, sind keine Visionäre, keine Gesinnungsethiker, sondern Pragmatiker und Verantwortungsethiker. Intellektuelle Besserwisser – wie Herrn Precht – haben wir genug.

So fühlt sich Bundeskanzlerin Merkel, so in ihrer Neujahrsansprache neuerdings verpflichtet, endlich die Bedürfnisse aller Bürger im Auge zu behalten. Doch ihre Vision bleibt ein multikulturelles Deutschland mit Sozialer Marktwirtschaft samt dem Ausverkauf klassischer Werte und vor allem der ihrer eigenen Partei. Die Bundesbürger haben die Richtlinienkompetenz schlicht zu akzeptieren; wer rebelliert, dem droht der Maulkorb.

Mehr DDR war nie nach der Wende im politischen Berlin. Kritik an ihrer Person lässt Merkel blindlings abprallen. Und mit ihrem Satz „Ich sehe nicht, was wir anders machen sollten“, hat sie bei vielen deutschen Wählern endgültig verspielt. Merkels Visionen von der Zukunft eines linken Deutschlands würden selbst bei Helmut Schmidt nur pures Entsetzen ausgelöst haben und sein damaliger Satz ist mittlerweile Legende: „Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen.“

Auch dem deutschen Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier ist erst zu Weihnachten aufgefallen, dass viele Bundesbürger finanziell abgehängt sind, das ganze Regionen ausbluten, die Altersarmut gravierend steigt und die Schere zwischen arm und reich in Schwindel erregende Höhe schnellt. Und daraufhin entwickelt Steinmeier seine Visionen für die Sozialschwachen. Eine späte Erkenntis für einen, dessen Partei einst die Interessen der Arbeiterschaft, der sozial-niederen Klassen vertrat.

SPD-Funktionär und „Visionär“ Heiko Maas träumt gar von einer kritiklosen Gesellschaft, reguliert und bevormundet die Sozialen Medien wie ein großer Polizist. Die linke Bevormundungsrepublik erweist sich so als ein Verkehrswegesystem, das mittlerweile nur noch aus Verbotsschildern besteht. Maas’ Vision ist ein Redeverbot, zumindest wenn es ungewünschte Kritik mit einschließt.

Und selbst der große Wahlverlierer 2017 und nun Neu-Sondierer, SPD-Chef Martin Schulz, hat eine Vision. Er träumt gar von einem geeinten Europa, wie das – bei allen nationalen Verschiedenheiten und der weitgehenden Uneinigkeit in Sachen Flüchtlingsverteilung – funktionieren soll, darauf hat auch der ehemalige Präsident des Europäischen Parlamentes keine Antwort.

Kurzum: Sowohl aufgeblasene Gutmenschen-Philosophen als auch eine politische Elite, die lediglich auf eine Wohl- und Floskelpolitik abstellt und letztendlich nur den eigenen Machtanspruch samt Wiederwahl sichern will, bleiben Seifenblasen-Statisten. Und die Große Koalition ist ein Sammelsurium von Visionären, die, wenn sie mit ihrer Politik des Weiter-so wie bislang fortfahren, letztendlich aber nur Visionslose bleiben.

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