Wir müssen den öffentlich rechtlichen Rundfunk umbauen!

Stefan Groß-Lobkowicz20.10.2017Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik, Medien

Seit Jahren steht das öffentlich-rechtliche Fernsehen in der Kritik. Zu staatstragend, zu unausgewogen und vor allem zu teuer. GEZ-Zahler beschweren sich in aller Regelmäßigkeit über die dürftige Qualität vieler Sendungen. Nun kommt eine neue Forderung aus Sachsen-Anhalt – die den radikalen Umbau des Öffentlichen fordert.

Rainer Robra und die Fernsehrevolution

Staatskanzleichef Rainer Robra von der CDU ist der medial dafür verantwortliche Landesminister für Sachsen-Anhalt, der das „Erste“ in seiner jetzigen Form abschaffen will. Wie der Minister in einem Interview mit der „Mitteldeutschen Zeitung“ betonte, reiche als nationaler Sender das ZDF vollkommen aus. Und für die ARD schlägt er vor, dass diese vielmehr zum „Schaufenster der Regionen“ werden solle. Kanzlerduell und Bundestagswahl, die toppolitischen Themen als auch Kassenschlager aus Hollywood haben im „Ersten“ nichts zu suchen. Auch die „Tageschau“ sei ein Dinosaurier alter bundesdeutscher Medienkultur und „in dieser Form überflüssig“. Aber nicht nur die Tagesschau soll einer neuen Kosmetik weichen, an eine Renaissance denkt der Medienminister auch in Sachen Internetangebot der Sender.
„Neufassung“ der telemedialen Medien heißt dies in der Sprache der Magdeburger Staatskanzlei – und gemeint ist damit auch das Verbot von presseähnlichen Texten, die, die Zeitungsverleger freut es, ebenso mit einem Verbostschild versehen werden.

Das Heilige

Jahrzehntelang war die „Tageschau“ neben dem „Tatort“ für viele deutsche Fernsehkonsumenten so etwas wie der tägliche Gottesdienst, das Restreligiöse, das sie noch verwalten konnten, und der Ort und die Stunde, wo sie in aller Demut und Einkehr glaubten, über die Wahrheit informiert zu werden. Die „Tagesschau“ war Zivilreligion, ein kulturell gewachsener Ritus, wo die Telefone schwiegen und man ungestört sein wollte, wo sich die Hausgemeinschaft andächtig zum politischen Stelldichein versammelte, wo das Deutschland der 70er, 80er und 90er Jahre in eine gebetsartige Stille versank.

Acht Milliarden Euro

Die Zeiten haben sich geändert. Doch der alte Zopf der „Tagesschau“ geblieben. Acht Milliarden Euro werden jedes Jahr in die Kassen der öffentlich-rechtlichen Medien gespielt – Geld genug, um das Programm endlich von der politisch-eindimensionalen Hofberichterstattung samt Bevormundung, Arroganz und Besserwisserei zu befreien. Endlich Zeit damit aufzuhören, den moralischen Zeigefinger und die betuliche Gelehrsamkeit dem aufgeklärten Zuschauer wie einen alten Brotteig vorzulegen.

Eine Reform an „Haupt und Gliedern“

Was wir brauchen ist nicht mehr Regionalität und länderspezifischen Kleinkram als buntes Allerlei, sondern eine intellektuelle Reform des Fernsehens an „Haupt und Gliedern“, garniert mit einem bunten Cocktail an sinnvoller Unterhaltung. Was wir dagegen haben ist Trash. ARD und ZDF haben ihren Bildungsauftrag schon längst verloren – NTV und N24 den öffentlichen Nachrichtendienst schon lange revolutioniert. Und die Dritten Programme sind der einzig segensreiche Kern dessen, was das Fernsehen heute noch zu bieten hat. Was wir daher benötigen, sind besser inszenierte Inhalte, die die Nation aus ihrer Nachtversunkenheit und Schlaftrunkenheit in die politische Realität zurückholen. Unterhaltungsserien oder langweiligen Klischeekrimis befrieden nur noch ein betagtes Publikum.

Ein Blick nach Angelsachsen kann helfen

Die „Tagesschau“ allein sollte doch bleiben – sie steht für ein Minimum an Kontinuität in einer multi-medial verzweigten Unübersichtlichkeit. Ein Stück Kontinuität mag da nicht schaden. Aber wenn immer von Diversität, Pluralismus und Interdisziplinarität die Rede ist, sollten diese Begriffe auch in den medialen Alltag einziehen. Die „Tagesschau“ so wie ist, gleicht einem steifen Bügelbrett, das weder jemand anschauen gleichwohl nur widerwillig benutzen will.

Ein Blick über den Kanal und nach Übersee zeigt – CNN ist seriös, aber keineswegs langweilig. Amerikaner in Deutschland wundern sich schon länger über den hier situierten Fernsehkonsum samt seiner Dröge. Also bitte keine Spießbürgeridylle mehr und kein frühzeitiges „Sandmännchen“ für Erwachsene!

KOMMENTARE

MEIST KOMMENTIERT

Der Ausschluss von Stephan Brandner ist ein klares Signal gegen Hetze und Hass

Stephan Brandner von der AfD hat Menschen ausgegrenzt und Hass geschürt. Nun muss er seinen Posten aufgeben - die Abgeordneten des Rechtsausschusses haben ihren Vorsitzenden abgewählt. Einen vergleichbaren Fall hatte es bislang in der Geschichte des Bundestages noch nicht gegeben.

Der Erfolg der AfD liegt in der Austauschbarkeit der Altparteien

30 Jahre nach der Friedlichen Revolution wurde in Thüringen gewählt. Zum dritten Mal in diesem Jahr kann die AFD zum Entsetzen von Medien und Politik einen Wahlerfolg in „Dunkeldeutschland“ (Gauck) feiern. Die linke Mehrheit ist gebrochen, die SPD liegt bei 8,2 %, die AfD macht als zweite Kraf

Kritik am „grünen Expertentum“ gilt als Blasphemie

Kritik am „grünen Expertentum“ gilt als Blasphemie und soll also am liebsten aus den Medien verbannt werden. Zu groß scheint die Angst, als Gaukler entlarvt zu werden.

Wir müssen wieder miteinander streiten lernen

Es hat lange gedauert, aber nun haben auch die liberalen Blätter endlich erkannt, dass etwas schief gelaufen ist mit dem „Haltung zeigen“. Als ich es wagte, ein Buch mit dem Titel „Wir können nicht allen helfen“ zu veröffentlichen, begrüßte mich die Kreuzberger Grünen-Abgeordnete auf d

Wir müssen den Rechtsstaat vor seiner Opferung auf dem Altar der Hypermoral bewahren

Die Geschichte lehrt, wie man sie fälscht, ist mein Lieblingsbonmot des polnischen Satirikers Stanisław Jerzy Lec, das ein Dilemma auf den Punkt bringt. Geschichte wird immer wieder umgeschrieben, so wie es den jeweiligen Inhabern der Deutungshoheit gefällt. Wir erleben gerade in diesen Tagen wie

Nächstenliebe geht anders!

Nächstenliebe geht anders! Alle EU-Abgeordneten von CDU/CSU haben gegen eine Resolution zur Beendigung des Sterbens im Mittelmeer gestimmt. Mit Rechtspopulisten und -extremen haben sie diesen Aufruf zur Menschenrettung mit einer neuen europäischen Seenotrettung und für die Entkriminalisierung der

Mobile Sliding Menu