„Merkel hat mich filetiert“

Stefan Groß-Lobkowicz5.05.2016Medien, Politik

„Die Bundeskanzlerin darf nicht wackeln, wenn es um die Meinungsfreiheit geht.“ Doch, so Böhmermann, „stattdessen hat sie mich filetiert, einem nervenkranken Despoten zum Tee serviert und einen deutschen Ai Wei Wei aus mir gemacht.“ Jan Böhmermann

In einem Interview mit der „Die Zeit“ hat Jan Böhmermann (35) Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sehr scharf für ihre Reaktion auf die Veröffentlichung seines Schmähgedichts gegen den Türkischen Präsidenten Erdogan kritisiert. Der Satiriker betonte gegenüber der Wochenzeitung: „Die Bundeskanzlerin darf nicht wackeln, wenn es um die Meinungsfreiheit geht.“ Doch, so Böhmermann, „stattdessen hat sie mich filetiert, einem nervenkranken Despoten zum Tee serviert und einen deutschen Ai Wei Wei aus mir gemacht.“ Es war das erste große Interview, das der ZDF-Moderator und Grimme-Preisträger nach seinem Gedicht der Öffentlichkeit gab.

Ende März hatte Böhmermann in seiner satirischen TV-Show „Neo Magazin Royale“ (ZDFneo) ein Gedicht über den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan vorgelesen, dem er ausdrücklich die Bemerkung voranstellte, dies sei etwas, das nicht erlaubt sei. Eine bewusste Grenzüberschreitung im Kontext der Satire – ist das erlaubt? Eine riesige Debatte um die Pressefreiheit in Deutschland wurde durch diesen Drei-Minuten-Auftritt ausgelöst – und mehr als das. Der sich jungtürkisch gebärdende Sultan aus Ankara war derart über die von ihm so empfundene Majestätsbeleidigung erbost, dass er einen Strafantrag wegen Beleidigung stellte.

Ein Paragraph aus Kaisers Zeiten

Die türkische Regierung hatte sich mit dem ausdrücklichen und förmlichen Wunsch nach Strafverfolgung auf Grundlage des Paragraph 103 im Strafgesetzbuch an die Regierung der Bundesrepublik gewandt und die konsequente Anwendung dieser Regelung, die die Beleidigung von Organen und Vertretern ausländischer Staaten unter Strafe stellt, gefordert. Schließlich stammt dieser Paragraph noch aus der Zeit der Monarchie; Staatsoberhäupter, die sich auf das Gottesgnadentum beriefen, durften nicht wie gewöhnliche Sterbliche angegriffen werden. Zwar sind diese Zeiten – zumindest in Deutschland – vorbei, doch die Bundesregierung muss nach wie vor für die Strafverfolgung nach Paragraph 103 eine Ermächtigung erteilen. Was sie mittlerweile getan hat.

Kurz nach der Veröffentlichung von Böhmermanns Gedicht, hatte dies Bundeskanzlerin Merkel (CDU) als „bewusst verletzend“ kritisiert. Später musste Merkel dann einräumen: „Das war im Rückblick betrachtet ein Fehler.“ Ein Eingeständnis, dass die Bundeskanzlerin bisher selten machen musste.

Diskutieren Sie mit uns. Wer hat Recht?

_Das “Böhmermann-Interview in Auszügen”:http://www.zeit.de/video/2016-05/4875958669001/jan-boehmermann-ich-bin-gespannt-wer-zuletzt-lacht sehen Sie hier._

KOMMENTARE

MEIST KOMMENTIERT

„Coronabonds führen zu einer Verschuldungslawine, die nichts als Hass und Streit übrig lassen wird“

Der Top-Ökonom und ehemalige Ifo-Präsident Hans-Werner Sinn über platzende Geldpolitik-Blasen und mögliche Schuldenschnitte, warum der Euro nicht zu jedem Preis überleben muss und es anstatt Coronabonds aufzulegen sinnvoller wäre Italiens Krankenhäusern Geldgeschenke zu machen.

5 Dinge, die ich seit der Coronakrise mache

Es ist der 1. April, ein Grund genug, mal etwas anderes über die Welt in Zeiten des Coronavirus zu schreiben. Was ich jetzt mache und vor allem wie mir das gelingt, lesen sie in dieser ironisch-bissigen Satire.

Corona als Hoffnungsträger im Kampf gegen den Kapitalismus

Weltweit hoffen Antikapitalisten, die Corona-Krise könne endlich das lang ersehnte Ende des Kapitalismus einläuten. Ob in den USA, Großbritannien, Frankreich oder Deutschland: Die Argumentation der antikapitalistischen Intellektuellen ist überall gleich. Sie hatten eigentlich schon gehofft, dass

Wer soll das bezahlen?

Der Bundestag hat ein Corona-Hilfspaket von insgesamt 756 Milliarden Euro beschlossen. Um Himmels willen, wer soll das bezahlen? Wieder einmal bestätigt sich der berühmte Satz Bertold Brechts: „Das Gedächtnis der Menschheit für erduldete Leiden ist erstaunlich kurz.“

Umweltpolitik degenerierte zum „Ökomoralismus

Der langjährige „Welt“-Journalist Ansgar Graw, inzwischen Herausgeber von "The European", stellt in seinem aktuellen Buch die These auf, dass wir zurzeit eine „grüne Hegemonie“ erleben. Dies mag unter anderem an der „medialen Dauerpräsenz grüner Kernanliegen“ liegen. Für die Zeit vo

Sushi-Bar, Ölheizungen und Kernkraftwerke

Die Grünen fordern in der Corona-Krise eine „Pandemiewirtschaft“, Abschalten der Kernkraftwerke, Austauschen von Ölheizungen, Eurobonds und die Aufnahme von „vulnerablen“ Flüchtlingen von den griechischen Inseln.

Mobile Sliding Menu