Muslimische Schüler dürfen Lehrerin den Handschlag verweigern

Stefan Groß-Lobkowicz6.04.2016Gesellschaft & Kultur

Für Aufsehen und Diskussion sorgt in der Schweiz die Entscheidung der Schulleitung in der Sekundarschule Therwil. Zwei muslimische Schüler verweigern ihrer Lehrerin den Handschlag. Die Schule hat die Sonderregelung erlaubt, die Lehrerin fühlt sich diskriminiert.

Nonverbale Begrüßungsrituale wie der Handschlag gehören in Europa zum Kanon gegenseitiger Wertschätzung und Anerkennung. Bereits Paulus hatte im Neuen Testament im Brief an die Galater bei seinem Abschied aus Jerusalem die „rechte Hand der Freundschaft“ gereicht. Von römischen Münzen bis hin zum Freiherr von Knigge galt und gilt der Handschlag als Symbol der Eintracht. Ihn zu verweigern, hatte Knigge als einen rücksichtslosen Affront bezeichnet, der mit Überlegenheit nicht zu tun hat.

Der Islam tickt anders.

Was in Europa einer Kultur gegenseitiger Respektbekundung gleichkommt, wird in islamischen Gesellschaften völlig anders interpretiert. Dort wird das Händeschütteln zwischen Männern und Frauen oft abgelehnt und ist, wie der saudische Großmufti ʿAbd al-ʿAzīz ib Bāz in einem Fatwa und der schiitische Geistliche Muhammad Hussein Fadlallah erklären, schlichtweg verboten. Grund für die strikte Negation ist ein Hadith des Propheten Mohammed, worin sich dieser ausdrücklich dazu geäußert hat, Frauen nicht die Hand zu geben. Dahinter steckt der Gedanke, dass der Akt perverse Gelüste wecke. Der in Katar lebende Gelehrte Yūsuf al-Qaradāwī – und andere Muslime – lassen aber eine Ausnahme gelten, wenn „sexuelle Begierden“ dabei keine Rolle spielen.

Die Verweigerung des Handschlags

Für großes Aufsehen und Empörung sorgt ein Fall von muslimischen Schülern derzeit in der Schweiz. Ausgelöst hat das Politikum die Pressesprecherin des Islamischen Zentralrats der Schweiz (IZRS), Janina Rashidi, die fremden Männern den Handschlag verweigert und dies mit ihrer persönlichen Vorstellung von Respekt begründet. Doch die Schweiz ist Europa und das Handschütteln damit fester Bestandteil der eidgenössischen Kultur. Das Ritual des Händeschüttelns ist ein gelebtes Alltagsgut. Nun hat ausgerechnet der Schweizer Rektor Jürg Lauener aus dem kleinen Örtchen Therwil bei Basel zwei jungen Muslimen, die sich aus religiösen Gründen weigern, ihre Lehrerin per Handschlag zu begrüßen, diese Verweigerung erlaubt. Dass er mit seiner Sonderregelung der Handschlagverweigerung eine landesweite Debatte lostreten würde, war ihm sicherlich nicht bewußt.

Seitdem tobt in der Schweiz ein Kampf bis in die höchsten Instanzen. Doch die Sache ist nicht neu. Sowohl in Deutschland als auch in den Niederlanden haben solche Fälle bereits für Aufsehen gesorgt. CDU-Vize Julia Klöckner weiß ein Lied davon zu singen, als ein Imam ihr den Handschlag verweigerte. Klöckner zog nach und forderte eine Integrationspflicht für Muslime. Auch der muslimische Fußballprofi Nacer Barazite, der seit Sommer 2014 beim FC Utrecht unter Vertrag steht, zog es vor, der Reporterin nach einem Spiel die Hand nicht zu geben.

Ein Politikum in der Schweiz

Die schweizerische Justizministerin Simonetta Sommaruga ist über den Sonderweg aus Therwil empört und kommentiert den Vorfall damit, dass es undenkbar sei, dass „ein Kind der Lehrperson die Hand nicht gibt“. So funktioniere gelingende Integration nicht und auch unter „dem Titel Religionsfreiheit kann man das nicht akzeptieren.“ Beat Zemp, Präsident des Schweizer Lehrerinnen- und Lehrerverbandes schlägt ins gleiche Horn und fordert, dass es keine Ausnahme von der Regel geben kann, denn es wäre ein „Novum, wenn es Schülern erlaubt sei, dem Lehrpersonal den Handschlag zu verweigern. Nicht nur er spricht von keiner guten Lösung, sondern bekommt auch Rückendeckung von der Präsidentin des Forums für die Integration der Migrantinnen und Migranten, Emine Sariaslan.

Kritik kommt aber auch aus den Reihen der Muslime selbst. Montassar Benmrad, Präsident der Föderation islamischer Dachorganisationen in der Schweiz sowie Saïda Keller-Messahli, die Präsidentin des Forums für einen Fortschrittlichen Islam, empfinden die Entscheidung der Schulleitung als völlig unangebracht. Für Benmard ist es unverhältnismäßig, dass „es wegen einzelner Schüler wirklich eine offizielle Rechtsmeinung und eine Anpassung des Schulreglements braucht“. Die Verweigerung wird als „Respektlosigkeit, Unhöflichkeit oder sogar als Aggression empfunden.“ Und für Saïda Keller-Messahli ist die Forderung, den beiden Schülern nachzugeben, gleichbedeutend damit, „dem politischen Islam Tür und Tor zu öffnen. Das dürfen wir nicht zulassen. Wir leben hier nicht in Saudi-Arabien!“ Das Verbot des Händedrucks sei „neo-islamistisch“.

Das A und O bleibt die Integration

Bereits im Jahr 1991 hatte Bassam Tibi den Begriff des Euro-Islam in die wissenschaftliche Diskussion eingeführt. Tibi versteht darunter eine säkularisierte Form des Islams, der die Bedingung der Möglichkeit sei, dass die in Europa lebenden Muslime ihren Pflichten- und Wertekanon auf den der modernen europäischen Kultur abstimmen. Der Euro-Islam zielt letztendlich auf eine europäisch-islamische Synthese im Rahmen der Europäisierung des Islam. Tibis Euro-Islam lehnt nicht nur Scharia und Dschihad ab, die maßgeblich die Integration von Muslimen in Europa behindern, sondern fordert von dem im europäischen Raum lebenden Muslimen, dass diese die Trennung von Religion und Staat akzeptieren. Entweder, so Tibi, gelingende Integration oder es kommt zu einem Konfliktszenario samt Ghettoisierung der Muslime. Der Euro-Islam bleibt für ihn in einer globalen Migrationskrise damit die einzige eine Alternative zum Ghetto-Islam, „der von seiner Enklave aus langfristig auf eine Islamisierung Europas abzielt.“

Den Erfolg der Integration bestimmt dabei maßgebend die europäische Politik, die klare Leitlinien für den Integrationsprozess formulieren muss, damit sich reform- und integrationsfeindliche Kräfte nicht durchsetzen. Und dazu gehört eben auch der Handschlag dazu. Wer das anders sieht, sollte seine religiösen Überzeugungen prüfen oder erwägen, in seine Herkunftsländer wieder zurückzukehren. Wir sollten uns jedenfalls nicht durch neo-islamistische Vorstellungen unsere Begrüßungs- und Verabschiedungsrituale – verbunden mit der dahinterliegenden Wertschätzung – in Frage stellen lassen. Hier gibt es keinen weiteren Diskussionsbedarf. Wer die Rechte der Frauen nicht achtet, gehört nicht nach Europa. Wer sie akzeptiert, ist herzlich willkommen.

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