Vom bleibenden Wert der Skepsis

von Stefan Groß-Lobkowicz13.10.2015Gesellschaft & Kultur, Wissenschaft

Wie kein anderer Philosoph im 21. Jahrhundert war Odo Marquard Skeptiker. Er hat die antike Skepsis in die Moderne getragen und für ein Denken des „Stattdessen“ geworben.

Odo Marquard war ein Ausnahmeathlet, ein Solitär, unter den Philosophen. Und er bekannte sich zur Offenheit des Denkens – ganz getreu der Maxime, dass die Wahrheit nur die halbe sei. Philosophischer Missionarseifer lag ihm fern und ebenso jedwede Form von „Weltbeglückungsplänen“. Und immer wieder formulierte er, dass die Skepsis der Entschluss zu einem vorläufigen Denken ist. „Wenn die Erfahrung anderes lehrt, soll sie es tun. Aber bis dahin […].“

Wir betreiben Philosophie am Ende der Philosophie

Selbst die Titel vieler seiner Bücher und Essays wie „Apologie des Zufälligen“, „Skepsis und Zustimmung“, „Abschied vom Prinzipiellen“, „Philosophie des Stattdessen“, „Zukunft braucht Herkunft“, „Individuum und Gewaltenteilung“, „Skepsis in der Moderne“ sind eindrucksvolle Bonmonts, einprägsame philosophische Belletristik, in denen sich der Stilist und Humorist verewigte, er war – wie er sich selbst nannte – ein „Transzendentalbelletrist“. Auch der spektakuläre Begriff der „Inkompetenzkompensationskompetenz“ wurde seit 1973 zum geflügelten Wort im marquardschen Jargon der Uneigentlichkeit. Nicht müde wurde er, die Philosophiegeschichte als einen sukzessiven Verlust von Kompetenz zu charakterisieren. Anstelle von apodiktischen Geltungs- und Wahrheitsansprüchen tritt der unausweichliche und auch unleidliche „Abschied vom Prinzipiellen“ und damit einher geht der antike Mythos der Universalisierbarkeit – er verliert seine Geltungshoheit. Einst war die Philosophie kompetent, heute, so der kritisch-skeptische Befund Marquards, der manch jungen Philosophiestudenten sowie die Etablierten des Fachs mit dieser provokanten These verstörte, sei sie nur noch kompetent für eines: „nämlich für das Eingeständnis der eigenen Inkompetenz.“ Auch soteriologisch sei sie gescheitert, weil sie von der christlichen Heilsperspektive überboten wurde und nur als „Magd der Theologie“ ihr Überleben sichern konnte. Technologisch habe sie ebenso versagt, ein Blick in die moderne Medizin, künstliche Intelligenzforschung, Gentechnik, Neurobiologie genügt, um zu sehen, daß der von der Philosophie versprochene Nutzwert oder Hoheitsanspruch, so Marquard, von den Naturwissenschaften überboten wurde. Und politisch ist sie ebenfalls gescheitert, weil der Mensch, so wie es jüngst Norbert Bolz am Beispiel des staatlichen Paternalismus beklagte, seine Selbstzufriedenheit und Glückssuchezugunsten des „An-der-langen-Leine-gehalten-Seins der politischen Praxis übergeben habe, also auch hier Inkompetenz der Philosophie, was Marquard zum Schluß nötigt, der einstigen Leitwissenschaft eine düstere Prognose auszustellen: „Die Philosophie: sie ist zu Ende; wir betreiben Philosophie nach dem Ende der Philosophie.“ Oder anders formuliert: Die Restkompetenz der Philosophie ist die Verwaltung der Inkompetenz, also Inkompetenzkompensationskompetenz.

Das Leben ist kurz, also nutzen wir den Tag

Im Blick hatte Marquard auch immer die Endlichkeit des Subjekts, vielzitierte der moderne Stoiker Seneca und dessen „vita brevis est“, „Das Leben ist kurz“ und: Marquard folgerte konsequenzlogisch „carpe diem“, „Nutze den Tag“. Nun kann man sich der philosophischen Frage nach der eigenen Sterblichkeit stellen oder nicht: Sartre, die Existentialisten und die 68er gingen ihr aus dem Weg, sie verdecke das Sein, relativiere die Spaßkultur, Heidegger verabsolutierte diese derart, daß er das Leben vom Tod her durchreflektierte. Hatte Heidegger die Zeitlichkeit im Blick, so Marquard die Vergangenheit, denn weil wir wissen, daß wir sterben müssen, sind wir auf unsere Vergangenheit verwiesen. „Jedermanns Zukunft ist ‚eigentlich‘ sein Tod.“ Oder: „Das Prinzipielle ist lang, das Leben kurz.“

Bei allem Zufall, oder stoisch gesprochen – Schicksal, der bzw. das sich ereignet und unberechenbar ist, bleibt dies zumindest eine anthropologische Konstante, die zum einen impliziert, sich seiner Herkunft zu versichern, zum anderen den Mut erfordert, diese Zumutung der Herkunft, die sich weder verleugnen noch abstreifen läßt, zu ertragen. Kierkegaard hatte – allerdings mit einer theologischen Attitüde als der bekennende Polytheist Marquard – Ähnliches im Blick, wenn er in seiner „Die Krankheit zum Tode“ die fatale Diagnose der Verzweiflung darin sah: „Verzweifelt nicht man selbst sein wollen“. Was Kierkegaard noch Verzweiflung nennen wird, könnte man mit Marquard als Selbstermächtigung des Menschen beschreiben, der gegen sein Schicksal rebelliert und die Veränderungsmaxime zum Paradigma seiner künftigen Lebensplanung erklärt. Mit anderen Worten: Die Rebellion gegen die Herkunft verstellt die Zukunft. Der emanzipierte Mensch der Moderne, ihn hat Marquard im Blick, will permanente Veränderung und die damit einhergehenden Selbstversteigungen, die Hybris des Ich, das mehr sein will, als seine Herkunft ihm erlaubt, bringt ihn dann auch in einer globalisierten und schnell sich verändernden und auf Anpassung und Mainstream abstellenden Welt in genau jenes Dilemma, sich neu erschaffen, zu definieren, um den Preis des Sich-selbst-und-seiner-Herkunft-Verleugnens. Familie, Sprache, Institutionen, Religion, Staat, Tradition, Kultur und Religion werden im Selbstmechanisierungswahn zugunsten innerlich erkaufter Leere und Adaptionsfähigkeit ausgetauscht. Was bleibt ist der sich selbstenttäuschende Mensch, der irritiert sich selbst aufreibt und entweder in die Arme der Ideologen fällt oder sich auf die Couch des Dr. Freud begibt.

Entschleunigung versus Langsamkeit

Wie jüngst Hartmut Rosa plädiert Marquard für Entschleunigung, die rasante Wirklichkeit eines Paul Virillo zu kompensieren, gelingt nur über die Langsamkeit, die Marquard aber nicht als Müßigkeit oder einen Aufruf zur Langeweile versteht – das Leben ist ja kurz und wir sind immer schon unsere Vergangenheit mehr als wir unsere Zukunft sein können. Und wie der Gießener Professor und Ehrendoktor der Friedrich-Schiller-Universität Jena bekennt: „Unser Tod ist stets schneller als die meisten unserer Änderungen.“ Als Bürger, so das Plädoyer für die Bürgerlichkeit, plädiert Marquard im liberalen Staat für einen Ausgleich, für das aristotelische Maß, zwischen einerseits Erneuerung und Schicksal, andererseits Beschleunigung und Langsamkeit, Globalisierung und Herkommen. Hierin sieht er seinen Widerstand in einer Welt der totalen Globalisierung und Modernisierung.

Wo Freiheit endet, dies hat Marquard immer wieder kritisch gegen den Geist der 68er und ihre Tribunalisierung der Wirklichkeit – samt dem darin innewohnenden Entlarvungsgestus linker Ideologiekritik – vorgebracht, wird die Existenz des Menschen in das Korsett einer Erlösungsideologie gepreßt und endet in einem radikalen Totalitarismus. Freiheit, wie sie Marquard versteht, entsteht durch ein Determinantengedrängel, eben durch Gewaltenteilung, durch den Pluralismus, den er keineswegs nur in der Politik eingefordert wissen will, sondern zugleich in der Religion, ein Lob des Polytheismus singt er dabei, dies aber nicht vor dem Hintergrund einer alternativen Religionsbegründung, er ist protestantischer Christ, sondern er verwehrt sich auch hier einer totalen Vereinnahmung des Menschen durch ein So-und-nicht-anders-glauben-Dürfens. Freiheit heißt Einsicht in die Notwendigkeit der „Herkunftshaut“, eröffnet aber die Perspektive, sich mit dieser zu versöhnen und darüber frei zu werden. Und die Freiheit des Skeptikers besteht darin, der allein selig machenden ideologischen Vernunftregie die vielen Freiheiten verschiedener Lesarten und vieler Geschichten“ entgegenzusetzen, getreu der Maxime: „Der Skeptiker redet mit allen, der Diskursethiker letztlich nur mit Gleichgesinnten.“ Marquard blieb als Skeptiker Optimist, der die Endlichkeit des Menschen ernst nimmt und anstelle einer Totalnegativierung der Wirklichkeit, die „stetig steigende Jammerrate“ den Blick für das offenhält, was in der Welt eben Nicht-Krise ist; genau diese Geisteshaltung motiviert letztendlich ein stoisches Einüben in der Schicksal, erobert sich den Status des Mit-der-Welt-Zufriedenseins, ermöglicht in der endlichen Welt den Mut zum Glücklichsein; ja er plädiert für die liebevolle Annahme des Unvollkommenen, diesem sich nicht zu verweigern, dieses nicht zu verdrängen und zu schmähen, sondern dafür, sich diesem zustimmungsfähig gegenüber zu verhalten.

Wir sind nicht für Weltrettung gemacht

Wie Robert Spaemann formulierte – und Marquard wiederholt es – trägt die Beweislast „nicht das Vorhandene und Überkommene, sondern der Veränderer“. Wer also das Neue will, muß es begründen! Dabei wehrt sich Marquard gegen den „Generalverdacht, alles Überkommene sei unvernünftig und müsse deshalb geändert werden“, er begreift diese „Stimulierung des Außerordentlichkeitsbedarfs“ vielmehr als „deutsche Krankheit“ und glaubt nicht an die Allmachts- und Erlösungsansprüche der Philosophie wie einst der Deutsche Systemidealismus à la Fichte. Denn gerade das zeichnet ja den Skeptiker gegenüber jenen Philosophien aus, die ein Alleinstellungsanspruch aufstellen, daß sich diese verweigert, ein universelles Prinzip aufzustellen und damit zugleich noch den Anspruch der Weltrettung zu verknüpfen, was, wie die Geschichte lehrt, so zumindest Marquard, eher zu bösen Häusern und Enttäuschungen führt, für die der Mensch als sensibles und zerbrechliches Wesen überhaupt nicht konstituiert ist. Für die Abarbeitung am Absoluten, sei es das Ich oder Gott, ist der Mensch nicht geschaffen.

Und was können wir vom Skeptiker lernen? Natürlich eine geläuterte Skepsis bei der Wahrheitsfindung, die kritische Urteilsenthebung, ein wohl reflektierendes Abwägen des IST-Zustandes, einen Grundverdacht gegen die Allmacht von Politik und Medien und die Bewahrung des Gesunden Menschenverstandes. Zu einem apodiktischem Carpe diem gehört der Diskus mit Andersdenkenden dazu, getreu dem Credos Marquards: „Der Skeptiker redet mit allen, der Diskursethiker letztlich nur mit Gleichgesinnten.“

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