Die idiotischste Idee über KI ist immer diese Vorstellung des Terminators

von Chris Boos5.08.2019Medien, Wissenschaft

The European traf den KI-Spezialisten und Unternehmer Chris Boos zum Interview. Wie gefährlich ist eigentlich die Künstliche Intelligenz wollten wir wissen.

Herr Boos, was ist KI?

Eine schlechte Wortwahl kann man als erstens sagen, weil es sehr schlecht beschreibt, was die Systeme tun und zweitens sorgt es eben dafür, dass es große Skepsis unter den Menschen gibt, denen man es an den Kopf textet. Es gibt in der KI selbst sogar den Witz, dass wir es nur KI nennen solange es nicht funktioniert. Sobald es funktioniert, weiß man ja, was es macht, dann kriegt es einen richtigen Namen. Dann heißt KI nicht mehr KI, sondern Gesichtserkennung oder irgendetwas Derartiges. Am Ende des Tages geht es darum Probleme automatisch zu lösen.

Sie entwickeln ja selbst eine Software – Hiro, für künstliche Intelligenz. Was ist kann diese denn?

Der ist eine Problemlösungsmaschine. Der sagt man, spiele ein Computerspiel oder löse mir dieses IT-Ticket, wo einer ein Problem mit seinem Rechner hat. Oder füttere mir hier die Hühner oder plane mir die Baustelle oder was auch immer, und der macht das dann.

Herr Boos, wieso braucht man eigentlich so etwas wie Künstliche Intelligenz, wir sind doch 2000 Jahren bestens ohne die ausgekommen?

Die letzten 200 Jahre leben wir ja als Menschen weniger menschlich, sondern versuchten aus den Menschen immer Maschinen zu machen. Der Sinn der stetigen Spezialisierungen ist es, wenn man es philosophisch betrachtet, das Glück der Menschen zu befördern, weil diese oft triste Tätigkeiten verrichten und darüber unglücklich werden. Und wir brauchen künstliche Intelligenz darum, dass uns die Maschinen diese status quo-Arbeit abnehmen, alles immer ein klein bisschen besser machen, ein bisschen effizienter und arbeitsteiliger. Wir brauchen KI dafür, damit wir uns wieder darauf konzentrieren können, was eigentlich gute menschliche Eigenschaften sind. Wirtschaftlich gesehen brauchen wir es natürlich auch, weil es uns große Effizienzen bringt und hier momentan viel Wettbewerb ist.

Dann kann man sagen mit Hegel sagen, dass sich Geschichte wiederholt. Man kann aber auch sagen, dass wenn das Bewusstsein mehr zu sich kommt, desto mehr Freiheit hat es. Warum sollen wir jetzt unsere Freiheit, die wir mühsam, sowohl politisch als auch philosophisch, in den letzten 1000 Jahren gewonnen haben, warum sollen wir das jetzt wieder an Maschinen abgeben?

Ich sehe das ja ganz anders herum. Die meisten Menschen fühlen ja Freiheit überhaupt nicht, oder? Die stehen morgens auf und müssen dann ins Büro gehen. Wenn sie nicht ins Büro gehen, haben sie kein Geld, um ihr Leben zu gestalten. Und wo ist da die Freiheit? Außer dass wir glücklicherweise Meinungsfreiheit und Reisefreiheit haben. Aber Freiheit bedeutet ja auch, dass man sich Dingen in Tiefe widmen kann und das ist ein bisschen schwierig geworden die Tage, oder?

Wenn man sich dem Thema KI nähert, dann stößt man auf sogenannte Dystopien negative Utopie-Entwürfe also, wie „1984“, „Brave New World“ oder The first man on the moon“. Überall schlägt die Technik ins Negative. Sind das nur Projektionen?

Sie haben hier einen wichtigen vergessen, Clockwork Orange. Ich glaube, wenn man unsere Zeit beschreiben will, muss man „1984“, „Brave new world“ und „Clockwork Orange“ zusammenlegen. Das haben wir alles implementiert. Aber keiner dieser drei Autoren hätte sich vorstellen können, dass wir das implementieren würden ohne Diktator. Wir haben es implementiert für Komfort. Mehr haben wir nicht bekommen. Und das finde ich schon frappierend. Aber diese Dystopie haben wenig mit künstlicher Intelligenz zu tun, sondern am Ende des Tages mit ganz anderen Techniken. Also Überwachungstechniken – und all die ganzen Sachen die da drin sind. Und dass diese Dystopien nicht wahrwerden, das haben wir tatsächlich in der eigenen Hand. Wir können uns entscheiden: wollen wir lieber nur unterhalten werden oder wollen wir tatsächlich was erreichen. Und was uns die Künstliche Intelligenz ermöglicht ist, dass wir nicht nur im Hamsterrad laufen, denn dies können die Maschinen bereits für uns übernehmen. Am Ende also ein Gewinn an Freiheit für uns.

Welche sind die größten Vorurteile gegen die KI, wenn Sie diese benennen müssten? Sie haben von Bullshit-Ikonen, von Werbebullshit-Ikonen gesprochen, was wären die zwei markantesten?

Die idiotischste Idee über KI ist immer diese Vorstellung des Terminators. Also das wir eine Maschine haben, die uns nicht nur übertrifft, sondern die einen Willen hat und sich mit diesem Willen aktiv gegen uns wendet. Maschinen, da kann man wirklich jeden beruhigen, sind weiterhin dumme Blechbüchsen und auch ein Kran übertrifft uns schon lange an der Fähigkeit, Dinge hochzuheben. Da muss man sich, glaube ich, keine Sorgen machen. Das Flugzeug kann fliegen, das fällt uns persönlich doch recht schwer. Dass Maschinen einen übertreffen, darüber muss man sich also keine Sorgen machen. Diese entstehen erst dort, wenn man sagt, die Maschine wird uns ebenbürtig, sie fängt an eigene Gedanken zu fassen oder ein eigenes Ziel zu haben. Und das ist es ja nicht. Was wir an Künstlicher Intelligenz kriegen ist, dass man der Maschine Probleme übergibt, die diese dann löst. Und sie löst das viel flexibler, sie braucht kein Fließband, keine vorgefertigte Methode mehr dazu, sondern die findet die Lösung wirklich selber. Aber sie löst nur das, was man ihr aufgegeben hat.

Das erste künstliche KI-Gedicht wurde jüngst produziert, programmiert aufgrund von Goethes und Schillers Gedanken und Dichtkunst.

Das ist ja nur Fälschung!

Aber die Frage bleibt dennoch. Was bleibt vom Menschen, wenn KI selbst Gedichte, d.h. Emotionen reproduziert. Dieses Feld oblag bislang ja dem Intellekt des Menschen, etwas, das nicht – oder noch nicht – zu reproduzieren ist.

Vielleicht verstehe ich die Dichter falsch, aber die meisten Dichter denken sich ja was dabei, wenn sie irgendwas aufschreiben und uns etwas damit mitteilen wollen. Egal ob sie das jetzt metaphorisch oder direkt oder sonst irgendwie tun. Die KI weiß nicht mal, was sie da sagt. Nicht nur, dass sie uns nix mitteilen möchte, sie hat auch keine Ahnung, was die Worte, die da aneinander gereiht werden bedeuten. Das ist pure Statistik. Das ist nichts. Wenn sie genug Affen an die Schreibmaschine setzen, dann schreiben die auch irgendwann Shakespeare. Das ist nichts anderes. Außer dass sie jetzt die Statistik halt beschleunigt haben.

Sie plädieren immer mehr für Pragmatismus in dieser ganzen Debatte. Was haben wir darunter denn eigentlich zu verstehen?

Wir haben diese diese Roboter, die mit klimpernden Augen auf irgendwelchen Bühnen stehen immer wieder vor Augenhe. Das ist alles mehr oder weniger irreal. Man kann sie ja ganz leicht irritieren, wenn man weiß wie sie programmiert sind. Die verstehen alle nichts und die haben auch keinen Willen und dergleichen. Was jetzt eher passiert, ist eine Revolution des Wirtschaftssystems. Und ich glaube, darauf muss man sich konzentrieren, weil man sonst hinten dranhängt.

Fragen: Stefan Groß

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