Design bestimmt das Sein

von Stefan Gärtner29.10.2010Außenpolitik, Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik

Vorm “Designer-Baby” haben alle Angst, aber ist das nun ein Unterschied, ob vor oder nach der Geburt optimiert wird?

Das Feld der Präimplantationsdiagnostik, kurz PID, ist ein weites, und beide Meinungen, die man dazu haben kann, sind fürs Erste ehrenwert: PID müsse erlaubt sein, damit schwere und letale Behinderungen, die einen Abbruch rechtfertigen, nicht erst in der fortgeschrittenen Schwangerschaft entdeckt werden, sagen die einen: “Die PID selektiert nicht nach ‘lebenswert’ und ‘nicht lebenswert’. Sie gibt Auskunft darüber, was lebensfähig ist – und was todgeweiht” (Heike Haarhoff, taz). PID, sagen die anderen, müsse verboten werden, weil Leben, egal was daraus werde, mit der Befruchtung beginne und grundsätzlich unter den Schutz des Grundgesetzes gestellt sei, eine Abwägung von lebenswertem und lebensunwertem Leben oder dessen Optimierung (“Designer-Baby”) verbiete sich, gerade in Deutschland. Die PID sei “keine Diagnostik …, sondern eine verwerfende Auslese genetisch suboptimaler Embryonen” (Alexander Kissler, The European). So ähnlich sieht’s wohl auch die Kanzlerin, sie ist, sagt sie, dagegen; und nämlich darum bemüht, das sog. konservative Profil der Union zu stärken.

Gattungssolidarität endet an Gymnasialpforten

In einer Gesellschaft der Freien und Gleichen, die den Menschen nicht allein nach seinem ökonomischen Nutzen beurteilt, wäre das Argument, doch bitte die “Gattungssolidarität” (Kissler) nicht per PID zu verletzen, weil auch die Schwachen und Defekten ein Recht auf Leben haben, noch etwas plausibler. Es krankt aber, abseits philosophisch-juristischer Grundsatzdiskussionen, nicht wenig daran, dass jede Forderung, das Leben (und sei’s das beschädigte) auch vor der Geburt konsequent zu respektieren, hohl klingt in Zeiten, wo die Gattungssolidarität an Gymnasialpforten endet und später in Vorstandstoiletten hinuntergespült wird. Die Einschätzung, das Leben sei nicht mehr als eine trübe Funktion der ökonomischen Verhältnisse, mag, zwei Generationen nach der Kritischen Theorie, klischiert klingen, wird aber bei jedem Gang vor die Haustür bestätigt, wo die ökonomische Formierung bereits im Kindergarten beginnt, und nur sehr charakterfeste, vom Irrwitz solcher Anstrengungen überzeugte Eltern widerstehen noch dem Druck, aus ihrem Kind so früh wie möglich so viel wie möglich herauszuholen, es wettbewerbsfit zu machen – ein Wettbewerb, aus dem es bis zum Lebensende nicht mehr herauskommt. Selbst Kinder von Gutverdienern haben ja keine Garantie mehr auf den guten, sicheren Job, den ihre Eltern noch hatten, sondern müssen sich durch eine Prekärjobwelt schlagen, deren einzige Sicherheit darin besteht, dass es keine mehr gibt. Mein Freund M., in einer Krawattenpflicht-Branche beschäftigt und nach allen Regeln der Kunst ausgebildet, zieht im Zwei- bis Dreijahresrhythmus von einer europäischen Großstadt in die nächste, und wenn er Glück hat und die Probezeit übersteht, kann die Familie nach einem halben Jahr nachkommen. Bis er das nächste Mal freigestellt wird, betriebsbedingt.

Designer Kinder gibt’s ja längst

Da muss man weder in die Dritte Welt schauen, die einen Gutteil der Zeche westlichen Wirtschaftens zahlt, noch die deutsche Obdachlosenstatistik oder Adornos Analysen des im Ganzen “beschädigten Lebens” gelesen haben, um mindestens zu ahnen, dass Existenz unter dem ökonomischen Prinzip des unablässigen Kaufens, Verkaufens und Sich-Verkaufens – und ein anderes hat niemand der herrschenden Damen und Herren im Angebot – nicht unbedingt als Hintergrund für Großdiskussionen über die menschliche Würde eines Embryos taugt. “Die Putzkräfte seien im Konzern “die ärmsten Schweine, die wir haben’, heißt es bei der Bahn. Nicht nur, weil der Job eben hart ist. Sondern weil Mitarbeitern zufolge … Arbeitsschutzvorschriften auf breiter Front missachtet werden … [Da] gehe es ‘menschenunwürdig’ zu, wie einer es formuliert. ‘Die schuften sich kaputt’, sagt ein anderer” (Spiegel Online, 25.10.) – das hatten wir im Zuge längst vergessener Abtreibungsdebatten schon mal: Solange mit dem geborenen Leben großumfänglich Schindluder getrieben wird, solange darf man den Moralgehalt der Debatten ums ungeborene ruhig niedrig halten. Und wer mal in Berlin-Prenzlauer-Berg, Hamburg-Eppendorf oder München-Haidhausen war, der weiß: Die Designer-Kinder gibt’s ja längst.

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