Milliarden für Minuten

von Stefan Gärtner8.10.2010Außenpolitik, Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik

Wo Modernität zum Selbstzweck wird, wird sie reaktionär und blind für das, was sie vernünftigerweise zu leisten hätte. Ein (aus Gründen) unfeuriges Plädoyer wider die Minutensparprojekte der Bahn in Stuttgart und anderswo.

Wenn Stuttgart 21 tatsächlich einmal so stünde wie geplant, der Kopfbahnhof zu einem unterirdischen Durchgangsbahnhof geworden wäre und Passanten obendrüber wegflanierten, dann wäre das mit einem Wort: cool. Wer jetzt im besten Erwachsenenalter und nicht gerade im Wendland aufgewachsen ist, sondern in der klassisch verbauten bundesdeutschen Spätnachkriegsumgebung, wer als Junge nicht nur Lolek und Bolek, sondern auch “Captain Future” sah und selbige Animations-Science-Fiction mit der Lego-Raumstation nachspielte, der wird das Empire State Buildung für eine viel schönere Aussichtsplattform halten als den Rügener Kreidefelsen; und wird, bei aller Kenntnis von Verblendungszusammenhängen, Fordismen und komplementären Zurichtungen, sein Interesse an und Wohlwollen gegenüber der technisch-architektonischen Moderne nicht ablegen. Und die Lektüre des “Technik und Motor”-Teils der FAZ, der die Autoquartettspiele der Kinderjahre aktualisiert, als durchaus frivoles Vergnügen verstehen.

Coolness gegen Vernunft

Aber man ist nun mal älter geworden, und bei aller Begeisterung für Schnellbahnstrecken und die Coolness souveräner, _cleaner_ und Zeitungslektüre ermöglichender Schnellstmobilität (eine Reise im ICE ist, wenn sie denn störungsfrei gelingt, um einiges cooler als Auto fahren oder fliegen) kann und will man sich doch den Einwänden der Vernunft nicht verschließen und fragt sich, ob die Verkürzung irgendwelcher Fahrzeiten um eine Viertelstunde Milliardeninvestitionen rechtfertigt in einem Staat mit Billionenschulden und einer stetig steigenden Kinderarmutsquote. Es fragt sich dies nicht nur der Vulgärmarxist, sondern auch der preisbewusste Bahnfahrer, der, weil er es als Tagedieb und Freiberufler nie allzu eilig hat, sich nach Möglichkeit die um ein Viertel günstigeren Intercitys aussucht, die überdies (so es nicht umlackierte Interregios sind) viel gemütlicher sind als die meist noch mit Blackberry-Trotteln vollgestopften ICE und die aber, wohl weil zu billig, peu à peu eingemottet werden. Und hier stößt selbst uns gemäßigt Technophilen der ganze Schnellbahnquatsch schon wieder als fortschrittsfeindlich auf, sofern Fortschritt nicht bloß als nominell-technischer verstanden wird, der sich an 18 gesparten Minuten von Stuttgart nach Ulm hochzieht (“wobei man um jede 20 Minuten froh sein müsste, in denen man noch nicht nach Ulm kommt”, G. Stadelmaier, FAZ), sondern als gesellschaftlicher, der Teilhabe und Egalität bedeuten würde und das Bahnfahren auch für Leute ohne Festgeld möglich machte: Von einmal München–Hamburg in 5:49 Stunden und zurück (unermäßigt) muss ein Hartzler drei Wochen leben. Dass alles immer schneller gehen müsse, ist überdies bloß älteste kapitalistische Leier, und wer, ohne Blick für die Proportionen, Minuten mit Milliarden bezahlt, ist kein Visionär, sondern ein Ausbeuter. Eine Vision für die Bahn des 21. Jahrhunderts – und das sage ich als einer, der sich für automatische Uhren und Raumfahrt begeistern kann – wäre also nicht Topspeed-Futurismus auf Biegen und Brechen, sondern eine Bahn als komfortables, zuverlässiges Verkehrsmittel für alle, das den sprunghaft wachsenden Güterverkehr nach Kräften auf die Schiene holte und sich nicht an Prestige und Börsentauglichkeit, sondern am, horribile dictu, gesellschaftlichen Gesamtnutzen orientierte.

Von einmal München–Hamburg und zurück muss der Hartzler drei Wochen leben

Also lieber kleine, aber gute und bezahlbare Brötchen backen und nicht die Stadt der Zukunft vom Bahnhof aus bauen, lieber das chronisch überlastete Streckennetz samt Flotte pflegen, lieber vier Stunden in einem pünktlichen Intercity sitzen als drei Stunden in einem knüppelvollen, überhitzten und verspäteten ICE stehen, weil das Geld für vernünftige Züge und neue Weichen in einem angesichts all der Dauermängel des deutschen Bahnbetriebs zutiefst unvernünftigen (und damit uncoolen) Bahnhofsprojekt versenkt worden ist. “Im Namen eines technischen Fortschritts, von dem nur eines gewiss ist: dass er Unsummen kostet” (Stadelmaier a. a. O.). Und, versteht sich, die üblichen Verdächtigen reich macht.

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