Hab teil, is' geil!

von Stefan Gärtner1.10.2010Außenpolitik, Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik

Gesellschaftliche Teilhabe ist nicht nur für Hartz-IV-Bezieher wichtig – eine Art Selbstversuch.

Die Sonne hat sich doch noch durch die Wolken geschlagen; es ist warm genug, um die erste Maß vor dem Zelt zu nehmen, was nicht unwichtig ist, wenn man für drinnen keine Reservierung hat. Da ist es alleweil bumsvoll, auch wenn, wie jetzt am Nachmittag unter der Woche, auf der Wies’n bloß angenehm verhaltener Verkehr ist. Wir nehmen die erste Maß vorm Augustiner-Zelt, wo es, weil die Sonne mit Hingabe scheint, auch schon wieder voll ist. Kaum sitzen wir, kommt die Bedienung, dann kommen zwei Maß, irgendwas mit 18 Euro. Ich sage zu N.: Wir machen das rundenmäßig, er ist einverstanden und zahlt die erste. Ich setze die Sonnenbrille auf, es wird immer wärmer, wir schweigen ein bisschen in die Frühherbstsonne, weil man als Freunde ja nicht reden muss. Dann reden wir (weil man als Freunde auch nicht schweigen muss) übers Geschäft und was wir alles schreiben könnten, wenn uns nur wer fragte. Mei! Dann ist N.s Maß leer, dann ist (weil ich immer ein bisschen langsam bin) meine auch leer, und wir ziehen zum Schottenhamel, wo wir uns mit S. treffen, der, wie ich, noch nie auf dem Oktoberfest war und sich natürlich einiges vorgenommen hat. Sich aufs Beste einführend, bestellt und übernimmt er gleich die erste Runde, 27, stimmt so, dann müssen wir aber auch mal was essen, von wegen Grundlage, und Bier macht hungrig, das liegt am Hopfen, einmal den gerösteten Semmelknödel mit Ei, einmal Kässpätzle, einmal Henderl, ich zahl’s, obwohl’s ein bisschen teurer kommt, 30, stimmt so, aber es ist ja wurscht.

Ein Hoch auf die Geselligkeit

Nach dem Essen und der zweiten Maß beginnen wir den fahrgeschäftlichen Teil mit einem Besuch beim Höllenblitz, der “rasanten Reise durch die dunkle Mine”. N. zahlt, es ist eine Mordsgaudi, wir kreischen wie die Schulmädchen, weil das nun mal dazugehört. Kaum draußen, sage ich, angefixt: Kommt, Achterbahn! N. ist natürlich sofort dabei und S. irgendwie auch. Demokratie halt. Wir gehen zur Olympiabahn, die hat drei Loopings (später wird jemand sagen: Die hat sogar fünf, wegen Olympia!), S. zahlt für alle, und als wir zur ersten Schussfahrt hochgezogen werden, bekennt er, dass er noch nie Achterbahn gefahren ist! Dann rauscht es auch schon runter, wir kreischen wieder, es ist eine Riesenstimmung da herinnen! Dann müssen wir natürlich erst mal die nächste Maß nehmen, stimmt so, und dann ist es dunkel und wir wollen unbedingt in irgendein verzwicktes Mehrfachdreh- und -schüttelkarussell, das Magic heißt, und das geht schon furios los und wird immer furioser. “Uns wird gleich furchtbar schlecht!”, schreit N. mit ehrlicher Vorfreude. Und ich, weil man im Magic-Schüttelkarussell was schreien muss, schreie “Revolution!” und “Fidel!” und N. lacht und S. muss sich die Mütze festhalten, damit sie ihm nicht vom Kopf geschüttelt wird. Wir steigen aus und mir ist tatsächlich ein bisschen schlecht. Aber weil die anderen beiden in der Zahlungsbilanz deutlichen Vorsprung haben und ich mir das unmöglich bieten lassen kann, spendiere ich eine (mit 9 Euro überaus günstige) Runde auf dem Frisbee. Kaum bin ich wieder raus, weiß ich, dass ich das schon vorher gewusst habe, dass das, mit drei vom Magic-Apparillo bereits gut durchgeschüttelten Maß Bier im Bauch, keine sehr intelligente Idee war. Mir ist jetzt richtig schlecht und während die anderen zwei beim Pfeilwerfen noch eine Taschenlampe gewinnen, trinke ich Wasser und sehe mich verstohlen nach Grünflächen für den Notfall um.

Fünf Euro für die Partizipation

Im Taxi, wo die warme Luft und das Geschaukel die Affäre zur Grenzerfahrung werden lassen, habe ich den schönen Satz “Können Sie mal rasch rechts ranfahren?” mehrfach im Mund, behalte ihn aber, genauso wie die drei Maß und den Knödel, bei mir, obwohl der Taxler allerhand Hartz-IV-Bezieher-feindlichen Unsinn erzählt. N. zahlt (14, stimmt so), ich bin ihm sehr dankbar. Vor N.s Haus ist dann alles zu spät, statt Rabatten gibt’s nur einen Rinnstein, den Rest des Abends trinke ich Tee, ein Wies’n-Einstand nach Maß, am nächsten Tag geht’s mit O. und J. wieder raus, der Geldautomat am Rosenheimer Platz zeigt sich kooperativ. Dass unsere Regierungskoalition durch die weise Erhöhung des Hartz-IV-Regelsatzes im Gegenwert einer halben Maß oder einer Fahrt im Frisbee plus einmal Pommes auch unseren Wettbewerbsverlierern die “Teilhabe” (Merkel) an derlei Allotria ermöglicht, is jedenfalls a guade Sach.

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