Die Schweine und der Wettbewerb

Stefan Gärtner17.09.2010Außenpolitik, Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik

Die “Wachstumslokomotive“ Deutschland zieht einen Zug nach Nirgendwo – und die Tickets werden immer teurer.

Deutschland, hat Bundesfinanzminister Schäuble in der jüngsten Haushaltsdebatte gesagt, sei wieder “Wachstumslokomotive” in Europa. Ein paar Tage älter war die Meldung, dass Löhne und Gehälter in Deutschland viel langsamer gestiegen seien als sonst wo in der EU: “Mit einem Plus der Bruttoverdienste von 21,8 Prozent in den vergangenen zehn Jahren ist Deutschland mit deutlichem Abstand Schlusslicht in der Europäischen Union” (heute.de). Real, also gemessen am Geldwert, verdient der Deutsche sogar deutlich weniger als Anfang der 90er-Jahre.

Warum sollte der Lohnempfänger auch partizipieren dürfen?

Dass beides miteinander zu tun hat, sollte auch wirtschaftspolitischen Laien sofort einleuchten: Niedrige Lohnkosten für die Unternehmen gleich die Möglichkeit, Produkte günstiger anzubieten gleich höhere Wettbewerbsfähigkeit. Wer also auch nur daran denkt, dass am sog. Aufschwung jetzt auch die Lohn- und Gehaltsempfänger partizipieren müssten, der gefährdet die Fähigkeit zum Wettbewerb, mit der alles steht und fällt. Niedrige oder langsam wachsende Löhne werden vom Volk so lange toleriert, wie der Kühlschrank voll ist, und dafür sorgt auch hier der Wettbewerb. “Neuer Preisrutsch bei Discountern”, meldet die BILD-Zeitung. “Die Discounter haben zum achten Mal in diesem Jahr die Preise gesenkt. Bei Billigketten wie Aldi, Lidl und Penny wurden unter anderem Tiefkühlfisch, Süßigkeiten, Joghurt und Wein günstiger. Experten rechnen damit, dass herkömmliche Supermärkte nachziehen werden.” Lebensmittel werden also immer billiger, weil die Discounter eine Preisschlacht führen, der sich die regulären Supermärkte irgendwann anschließen müssen, weil die Leute real immer weniger im Sackl haben. Wie können aber Lebensmittel immer billiger werden? Entweder indem auf Profite verzichtet wird (das können wir ausschließen) oder indem Natur und Mensch noch ein bisschen schärfer ausgebeutet werden: also Löhne am Limit und Lebensmittelproduktion als Raubbau. Nirgends in Europa, berichtete der Stern im Frühjahr, ist das Fleisch so minderwertig wie in Deutschland. Und es ist kein Wunder, dass die Leute lieber nicht wissen wollen, wie ein Schweineleben aussieht, das sich in Koteletts für 2,99 das Kilo vollendet. Zum Wohle des Standorts Deutschland.

Die Zeche zahlen die anderen

Dasselbe gilt für Kleidung, Kaffee, Unterhaltungselektronik und all die anderen Annehmlichkeiten des täglichen Bedarfs, die billig sein müssen, damit sie die breite Masse trotz Lohnentwicklung und “Sparpaket” kaufen kann. Wie aber können Laptop und LCD-Fernseher immer billiger werden? Dito: Löhne am Limit (nämlich im Ausland) und eine (im Wortsinne) gnadenlose Ausbeutung der Rohstoffe, die von sog. Globalisierungsverlierern mit den bloßen Händen und unter der Knute irgendwelcher Rebellen aus dem Schlamm Schwarzafrikas gebuddelt werden, damit es hierzulande kein Privileg der Gutverdiener bleibe, die Tagesfreizeit mit dem je neuesten Multifunktionshandy zu vertun. Worauf sogar die FAZ, die hin und wieder auch empathisch sein kann, jüngst ganzseitig aufmerksam machte. Was lehrt uns das? Dass die Gleise, auf denen der deutsche Wachstums-ICE einer goldenen Zukunft entgegenrauscht, unter hohen Verlusten für die abhängig Beschäftigten im In- und Ausland verlegt worden sind und auf Kosten von Kreatur und Umwelt sowieso. Jeder Wettbewerb (das wird von unseren Wettbewerbsfreunden ja gern unterschlagen) hat seine Verlierer; und selbst wenn man die im Dunkeln nicht sieht noch sehen will, weil Afrika weit ist und es auf Sylt keine Schweinemastanlagen gibt, braucht man bloß einen Griechen zu fragen, was deutsches Lohndumping anrichtet: Denn was in Deutschland billig produziert werden kann, überschwemmt andernorts die Märkte und macht sie kaputt; und eine positive Handelsbilanz hier bedeutet irgendwo auf der Welt eine negative (oder nichts zu essen, wenn hoch subventionierte Lebensmittel nach Afrika exportiert werden und dort die einheimischen Bauern ruinieren). Abgesehen davon funktioniert der Kapitalismus aber gut, nicht, dass wir uns da missverstehen.

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