Gaby, Jacky und die Freiheit

von Stefan Gärtner3.09.2010Außenpolitik, Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik

Zwanzig Jahre nach der Einheit fühlen sich Ostdeutsche noch immer zweitklassig und abhängig. Seltsam eigentlich – wo doch die glücklichsten Ehen mit Sex im Vollrausch beginnen!

Kaum nähert sich der 20. Einheits-Day, machen sich die zuständigen Stellen, “auch hier im European(Kolumne Fleischhhauer)”:http://www.theeuropean.de/jan-fleischhauer/4169-20-jahre-deutsche-einheit-2, unversehens gemein mit den doch so verachtungswürdigen Staatssozialisten von ehedem und stellen den Phraser auf Dauerfeuer: die Einheit des Vaterlandes als “Vermächtnis des Volkes, das sich mutig der SED-Diktatur entledigte … Helden der deutschen Geschichte … Die Niedertracht des SED-Staats … Die Zellen von Bautzen” und was der Originalitäten mehr sind. Umso trauriger, dass diese deutschen Helden heute einen “Inferioritätskomplex” haben und sich als “Opfer der Einheit” sehen. Schuld daran, so war dem Kollegen am Montag aufgefallen, sind nicht die Niedertrachten des CDUSPDFDP-Staats, sondern die linken Westler, die was gegen Helden haben: “Die Umdeutung vom Revolutionshelden zur komischen Figur vollzog sich binnen weniger Wochen. … Kaum war die Mauer auf, machte man sich schon lustig über diese drolligen Autos, bis das Frankfurter Satiremagazin ‘Titanic’ mit dem Foto eines blonden, selig lächelnden Mädchens in T-Shirt und Jeansjacke aufmachte, das eine halb geschälte Gurke in der Hand hielt. ‘Zonen-Gabi (17) im Glück (BRD): Meine erste Banane’ lautete dazu die Titelzeile. Warum diese höhnische Haltung gegenüber Leuten, die etwas gewagt hatten, was keiner der Leute, die sich nun lustig machten, je wagen würde, nämlich sich mit einer Staatsmacht anzulegen, die ihre Kritiker nicht mit großzügig dotierten Professuren und TVÖD-Stellen versorgt, wie wir es im Westen gewohnt sind, sondern sie in den nächsten Stasiknast steckt?”

Im Westen viel Neues

Es ist ja gar nicht nötig, dass man alles oder auch nur das meiste begreift; aber ein bisschen mehr als gar nichts darf doch immerhin sein. Denn das war (und ist) ja gerade der Witz: dass die Revolutionshelden zwar wussten, wogegen sie waren, dass sie aber nicht ahnen wollten, dass das Werbefernsehen (West) nicht die ganze Wahrheit war; dass sie sich also rasch wundern durften, dass eine westliche Fabrik nicht so sehr für die Arbeiter als für die Fabrikanten da ist, reihenweise ihre Arbeitsplätze verloren und überdies von Versicherungsvertretern, Gebrauchtwagenhändlern und anderen freiheitlichen Charakteren nach Strich und Faden übers Ohr gehauen wurden; dass von jetzt auf gleich ihre ganze Lebensgeschichte dem Mythos vom KZ-Staat DDR unterfiel und sie nach der Ost- nun die (bis heute anhaltende) Westpropaganda auszuhalten hatten, wonach östlich der Elbe alles Stasi war und jeder Werktätige zugleich Opfer des Bolschewismus und Faulpelz, der Freitag ab eins verlässlich seins machte. Wenn man’s also ein bisschen genauer betrachtet, dann hat Zonengaby (mit y!) den grenzenlos naiven Helden der Konter- und Konsumrevolution bloß die Wahrheit gesagt: Wer Freiheit für eine Banane hält, der darf sich nicht wundern.

Was ist das schon für eine Freiheit?

Vielleicht war es Zufall, vielleicht aber auch nur der Weltgeist, der mir just das Buch des Journalisten Michael Holzach wieder in die Hände spielte, der 1980 ohne Geld durch die alte BRD gewandert war und in einer Obdachlosenunterkunft einen suizidalen Ex-Revolutionär namens Jacky traf, der den zukünftigen Kolleginnen und Kollegen aus der DDR eine Einsicht voraushatte: “Heute bereut Jacky, der eigentlich Laszlo heißt, dass er sich damals in Ungarn am Aufstand beteiligt hat. ‘Es war Blödsinn, für das zu kämpfen, was uns die Stimme Amerikas versprochen hat’, sagt er leise, ‘was ist das hier schon für eine Freiheit.'” Gute Frage.

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