Mit 67 Jahren, da fängt das Leben an

von Stefan Gärtner20.08.2010Außenpolitik, Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik

Für die Rente mit 67 sind alle, die sie nicht betrifft – da wird doch nichts faul sein?

Die “Rente mit 67”, zentraler Teil der Schröderschen “Agenda 2010”, kommt nun also, und wie stets, wenn wir uns einmal ganz dumm stellen und der veröffentlichten Meinung Glauben schenken, ist das zwar keine angenehme, aber jedenfalls unumgängliche Maßnahme: Weil es nämlich immer mehr Alte und immer weniger Junge gibt, müssen die Alten halt länger ran, um das umlagefinanzierte Rentensystem zukunftsfest zu machen. So einfach ist das. Oder nicht? Zunächst mal zahlen in Deutschland Selbstständige, Freiberufler, Beamte und also genau die sogenannten Besser- und Bestverdiener erst gar nicht in die Rentenkasse ein (oder nur ausnahmsweise). Daran mal zu kratzen ist aber bislang keinem Rentenpolitiker eingefallen, natürlich nicht, das ginge ja ans eigene Portemonnaie wie an das der Klientel. Bevor über irgendwelche Kollapse des Rentensystems lamentiert wird, müsste also erst mal ausnahmslos jeder nach seinen Möglichkeiten (und ohne nach Rendite zu fragen) in die Rentenkasse einzahlen, der Generaldirektor genauso wie seine Putzfrau – aber das ist natürlich Enteignung und freiheitsfeindlich und geht folglich nicht. Außer in der Schweiz, aber die ist ja kommunistisch.

Das Hohelied der Spätverrentung

Die Alten bzw. neuerdings “Best Ager” wollen ja auch arbeiten; und verständlich ist da die Freude der Arbeits- und Sozialministerin, als sie verkünden konnte, es stünden, nach den Frühverrentungsorgien der jüngeren Vergangenheit, wieder 40 Prozent der 60- bis 64-Jährigen in Lohn und Brot; wobei die Altersgrenze für Frauen ja sowieso bei 60 liegt und die Zahl, wie sich rasch ergab, auch geflunkert war, tatsächlich geht nur jeder Fünfte über 60 einer regulären, sozialversicherungspflichtigen Arbeit nach. Und fast ein Drittel aller Arbeitslosen ist älter als 50. Und nu’ also, wenn auch bloß schrittweise bis 2029, die Rente mit 67? Wenn ein Abteilungsleiter, Etatchef oder sonst wer, der sich in hochlohnabhängiger Beschäftigung selbstverwirklicht, so lange arbeiten will, wie er will, bitte, seine Sache. Aber warum Stahlkocher, Maurer, Krankenpfleger und Straßenbauer länger auf Maloche sollen (so sie das überhaupt schaffen), bloß damit die Journalisten, die das Hohelied der Spätverrentung singen, nichts von ihrem Netto verlieren, wissen just die Klientelpolitiker, die auch wissen, dass in näherer Zukunft auch nicht viel mehr Expropiierte die neue Altersgrenze erreichen werden (oder können) als Heutige die alte, dass ihnen aber noch zwei Beitragsjahre mehr fehlen und die Rente mit 67 eine Rentenkürzung durch die kalte Küche ist.

Die Demontage der staatlichen Rente seit Schröder

Deswegen, um mit Walter Ulbricht zu fragen: Quo vadis – wem nützt es? Außer den Privatversicherern, die die Demontage der staatlichen Rente seit Schröder – übrigens, wie Uschi v. d. Leyen und der Bundespräsident, ein guter Freund des ehemaligen AWD-Chefs Maschmeyer, der sich mit Finanz- und Vorsorgeprodukten eine Halbmilliarde zusammenverdient hat – mit stiller Freude verfolgen? Doch nicht etwa denen, denen fast alles nützt, was deutsche Bundesregierungen veranstalten, und die deshalb “eine konsequente Umsetzung der Rente mit 67” fordern? “Die schrittweise Anhebung des Rentenalters ist dringend erforderlich, damit die Rentenversicherung finanzierbar bleibt”, hat die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) mitteilen lassen; denn das darf auf keinen Fall passieren: dass die neuerlichen Rekordgewinne der deutschen Industrie durch höhere Rentenabgaben für jene geschmälert werden, die diese Gewinne erwirtschaftet haben.

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