Selbst sehr mächtige Länder können fremde Gesellschaften nicht in den Griff bekommen. Stephen Walt

Früher, befiehl

Freiheit das Ziel, Sieg das Panier: Wer von nationaler Freiheit spricht, trägt Mitschuld an jedem Opfer, das diese Freiheit kostet, im Kosovo oder wo immer.

Faustregeln mögen nicht immer stimmen, aber manche stimmen doch: Wann immer ein Qualitätsjournalist von “Freiheit” spricht, bedeutet es das glatte Gegenteil; und sowieso unglaublich, mit welch kriminellem Gewäsch einer heutzutage auf die Meinungsseite der “Süddeutschen Zeitung” kommt: “Für den Freiheitswunsch eines Volkes” krönte ein Stefan Kornelius seinen Versuch, die Diktion des “Völkischen Beobachters” nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, und meinte scheint’s ein irgendwie kosovarisches Volk, das jetzt auch gerichtsfest nicht mehr zu Serbien gehört, “gibt es keine Grenzen, auch keine rechtlichen.” Das ist gut zu wissen; denn kaum will Volk zu Volk und in ein gemeinsames Reich, muss der Rechtsweg mal hintanstehen.

Es sind gerade die simpelsten Gedanken, die die wenigsten verstehen

“Für den Freiheitswunsch eines Volkes gibt es keine Grenzen, auch keine rechtlichen.” Der Satz, und sei er nur konstatierend gemeint, ist ein Skandal. Auch wenn uns die Unabhängigkeit irgendeiner Balkanprovinz im Grunde sehr egal sein kann, darf es einen doch betrüben, wenn deutsche Journalisten noch genauso gemeingefährlich daherdenken wie ihre Großväter; nämlich letztendlich völkisch. Nichts anderes ist das Gerede von “Freiheit”, sofern diese Freiheit nicht die Freiheit des Einzelnen von Not und Zwang bedeutet, sondern die eines wie auch immer bestimmten “Volkes”, das natürlich stets selbst bestimmt, wer zu ihm gehört und wer nicht. Vielleicht sind es gerade die simpelsten Gedanken, die die wenigsten verstehen, aber dass das sagenhafte “Selbstbestimmungsrecht der Völker” nicht nur etwas ist, worauf sich auch der Führer berief, als er das Sudetenland nach Hause holte, sondern immer nur dann hervorgekramt wird, wenn es irgendeiner Clique nützt, kann man auch wissen, wenn man nicht wie Freiheitssänger K. “in Bonn und London Politik, Geschichte und Staatsrecht” studiert hat. Ohne lesbaren Erfolg, wenn die Bemerkung erlaubt ist.

“Es blieb nur die Unabhängigkeit” – weiß der Kornelius nicht, was für ein Saustall der “freie” Kosovo ist? Mit bis an die Zähne verfeindeten Volksgruppen, nach Ethnien geteilten Städten, 40 Prozent Arbeitslosigkeit und einer hochkorrupten Clan- und Gangsterwirtschaft? Schlimmer kann’s unterm Serben kaum gewesen sein; indes: “Ein heterogener Staat kann auf Dauer nicht mit Gewalt zusammengehalten werden”, wobei nach Interessenlage entschieden wird, was als unzumutbar heterogen zu gelten hat (früher Jugoslawien, heute Serbien mit Kosovo) und was nicht (Kosovo ohne Serbien); und welcher homogene Staat, der den geopolitischen und Außenhandelsinteressen Deutschlands eher in den Kram passt als irgendein widerständiges “Völkergemisch” (Adolf Hitler), mit deutscher Tornadounterstützung herbeigebombt werden muss. Was immer nottun mag, um jedem Menschen, sei er nun Kosovo-Kroate, bosnischer Albaner oder schwuler Serbe, ein Leben in Würde zu ermöglichen – das Schmittsche Freund-Feind-Schema, das jedem Souveränitätsstreben und dessen Feier notwendig inhärent ist, sorgt für das Gegenteil. Eine Regel, die auch ohne Ausnahme gilt; gewissermaßen ausnahmslos.

Die Rede vom homogenen Kollektiv ist ein Aufruf zur Gewalt

Der Zweck des Journalismus ist die Salvierung der Herrschaft, dessen Teil er ist, und soweit diese Herrschaft nach Gewalt und Ressentiment verlangt, ist er mit im Boot. Trotzdem und in der Hoffnung, dass es wenigstens ein Promille Nachwuchs gibt, dem Staat und Volk und beider Freiheit am Arsch vorbeigehen, noch zwei Faustregeln fürs Stammbuch: Schon die Rede vom homogenen Kollektiv ist ein Aufruf zur Gewalt; und die Freiheit des Kollektivs ist per se keine.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Stefan Gärtner: Zum ewigen Kriege

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