Zweifellos wünschenswert

Stefan Gärtner18.03.2011Außenpolitik, Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik

Japan brennt, aber das ist halt Restrisiko, und wer jetzt demonstriert, tut das auf dem Rücken von Opfern und soll sich schämen. Fein; aber auch die demagogischen Bemühungen der Konservativen werden die Kernkraft in Deutschland nicht mehr retten.

Die Gedanken sind frei; und wie Vögel finden sie immer wieder zu ihren Nistplätzen zurück: “„Leben bedeutet, sich Risiken auszusetzen“(Link)”:http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,750759,00.html, psalmodierte der bei „Spiegel online“ fürs Konservative zuständige Hauskolumnist, noch bevor in Japan auch der dritte Reaktor explodierte. „Welche als tragbar gelten und welche eben nicht mehr, wird in demokratischen Gesellschaften ständig neu verhandelt, das gehört zum Wesen unseres Gemeinwesens. Atomkraft ist eine gefährliche Technik, und es wäre zweifellos wünschenswert, wir kämen ohne sie aus, aber genau daran bestehen Zweifel, jedenfalls wenn wir auf nahe Zukunft unseren Wohlstand nicht gefährden wollen.“ Das klingt hehr, und weil die „Neue Zürcher Zeitung“, wenn auch vornehm fragend, just dasselbe schrieb: “„Welches Restrisiko sind wir bereit zu schultern zur Befriedigung unseres ungehemmt steigenden Hungers nach Energie?“(Link)”:http://www.news.de/gesellschaft/855143510/die-angst-vor-atomkraft-ist-irrational/1/, soll unser Arschgeigerzähler nicht gleich mitexplodieren.

Das Leben geht nicht immer weiter

Inzwischen hat sogar der Bundesumweltminister Röttgen angekündigt, den Begriff „Restrisiko“ neu bestimmen zu wollen, und dieses Risiko ist nun mal ein anderes, als es (auch das ein beliebtes Pro-Atom-Argument) beim Autofahren anfällt. („Über 3.000 Menschen fallen allein in Deutschland jedes Jahr dem motorisierten Bewegungsdrang zum Opfer, aber das hat … noch kaum einen ökologisch gesinnten Mandatsträger davon abgehalten, auf seinen Dienstwagen zu verzichten.“) Auch wenn andere Formen der Energiegewinnung Gefahren bergen, und so schlimm jedes Grubenunglück in China oder anderswo ist: Da geht das Leben weiter. In Fukushima, wenn es schlecht läuft, nicht. “Auch das kurrente Gerede, deutsche Atomkraftgegner machten Politik auf dem Rücken der armen Japaner, verkehrt die Verhältnisse(Link)”:http://www.theeuropean.de/alexander-goerlach/6046-atompopulismus-in-deutschland. Nachdem die amtierende Regierung mit dem Beschluss zur Laufzeitverlängerung nichts als Profitinteressen bedient und Politik auf dem Rücken der Mehrheit des Wahlvolkes (und der Generationen, die sich mit der Atommüllschweinerei werden herumärgern müssen) gemacht hat, wären die Atomkraftgegner, selbst wenn sie Gabriel und Trittin heißen, ja geradezu umnachtet, nur deshalb nicht auf die Gefahren deutscher Schrottmeiler hinzuweisen, weil anderswo Hunderttausende vor japanischen Schrottmeilern fliehen; und als wär’s nicht der konservative Säulenheilige Kohl gewesen, der das ewige Wort vom „Mantel der Geschichte“, den es beizeiten zu ergreifen gelte, in die Welt geworfen hat. Wer immer jetzt die Chance ergreift, das „Ende des Atomzeitalters“ („Spiegel“) zu beschleunigen, hat recht; und ums Moralische kümmern wir uns, wenn nach den Wahlen des Jahres 2011 die Sache mit dem Ausstieg aus dem Ausstieg aus dem Ausstieg abermals neu verhandelt werden wird. Das Kapital lässt sich schließlich nicht auf der Nase herumtanzen, schon gar nicht, wenn sie sich immer weiter vergolden lässt.

Was nicht läuft, kann nicht havarieren

Weiter: „Sie“, die Gegner der Kernkraft, „sind uns in all den Jahren ihres Neins zur Atomenergie letztlich die Antwort auf die Frage schuldig geblieben, wie die letzte verbliebene Industrienation Westeuropas in den nächsten Jahrzehnten ohne die Brückentechnologie Atomenergie auskommen soll“, hieß es im European. „Streuen Sie uns bitte keinen Sand in die Augen und verschweigen Sie, dass wir nach einem Ausstieg in Deutschland Atomstrom von unseren Nachbarn Frankreich und Polen einkaufen müssten.“ Was oder wer hier mit der „letzten verbliebenen Industrienation Westeuropas“ gemeint ist (ist Frankreich ein Agrarland?) und mal abgesehen davon, dass in Polen gar kein Kernkraftwerk steht: Mir sind 50 Kernkraftwerke lieber als 100 und 25 lieber als 50, denn was nicht läuft, kann nicht havarieren und macht keinen Müll. Und jetzt, wo die Kernkraft in Deutschland „politisch erledigt“ (““FAZ“, 16.3(Link)”:http://www.faz.net/s/RubB08CD9E6B08746679EDCF370F87A4512/Doc~E961D857220C044CDB27D6933689A119C~ATpl~Ecommon~Scontent.html.) ist, dürfen Fachmänner und Fachfrauen das wiederholen, was selbst das Umweltbundesamt immer gesagt hat und was aber Schwarz-Gelb nicht hören wollte: „Das Umweltbundesamt (UBA), eine nachgeordnete Behörde des Bundesumweltministeriums, hält längere Atomlaufzeiten für verfehlt. Der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ sagte UBA-Präsident Jochen Flasbarth zur Laufzeitverlängerung: ,Das war nicht unsere Empfehlung.‘“ Bis 2017, heißt es vom UBA neuerdings, sei der komplette Ersatz von Kernkraft durch regenerative Energien möglich, und zwar ganz ohne „Stromlücke“, die eine Erfindung der Energieindustrie ist. Ob der Arzt, der mir das Leben rettet, das nur des Geldes wegen tut, ist mir egal. Aus welchen wie immer schmierigen, wahlstrategischen Gründen Merkel und Röttgen, Gabriel und Trittin das Ende der Kernkraft – einer Technologie, die ohne massive Subventionen nie konkurrenzfähig gewesen wäre – ins Auge nehmen, ist mir wurscht. Hauptsache, der Spuk ist beizeiten vorbei.

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