Macht doch, was ihr wollt

von Stefan Gärtner20.05.2011Außenpolitik, Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik

Und jetzt auch noch die Basisschule: Von den nächsten 500 Schulreformen will ich, bitte, nichts mehr hören. Was sollen sie denn auch anderes tun, als die Klassengesellschaft abzubilden?

Wann wird man alt? Bislang dachte ich immer, das Alter – hier im unzeitgenössisch undramatischen Sinne als Nichtjugend verstanden – beginne spätestens dann, wenn man anfängt, sich Gedanken über seine Altersvorsorge zu machen. Das ist auch sicher nicht falsch; aber abgesehen davon, dass ich mich der Hälfte der statistischen Lebenserwartung für Männer nähere, ertappe ich mich auch immer häufiger bei dem Wunsch, keine Meinung mehr haben zu müssen, denn ich bin an einen Punkt geraten, wo ich meine eigene Gebetsmühle, punktuell jedenfalls, nicht mehr recht hören mag. Da man aber, wie jeder Kampfhundbesitzer weiß, einen Beißreflex nicht einfach ausschalten kann, muss die Mühe dahin gehen, beißauslösende Stimuli möglichst zu umgehen.

Ich kann es nicht mehr hören

Das ist umso schwerer, wenn man ein so akkurater, auf Vollständigkeit bedachter Mensch ist wie ich, und es kostet mich nach wie vor Überwindung, Bildungsbeilagen nicht zu lesen; sie möglichst gar nicht anzufassen. Alter ist, wenn man sich sagen hört: „Ich kann es nicht mehr hören.“ Ich bitte, das nicht mit leserbrieflichen Anregungen der Sorte zu verwechseln, man solle die Kinder doch mal ein paar Jahre in Ruhe lassen, “die ewige Reformerei(Link)”:http://www.theeuropean.de/debatte/4993-zukunft-der-bildung sei doch bloß Ideologie, und die habe an der Schule nichts verloren. Denn jede Reform ist Ideologie, es ist immer bloß die Frage, welcher Ideologie man anhängt, und die unendliche deutsche Schul(re)formgeschichte verdankt sich nicht nur dem deutschen Föderalismus, sondern, auf gut dialektisch, einem Kampf zweier Ideologien: der herrschenden und einer (mild) antiherrschaftlichen. Die herrschende ist die der herrschenden Klasse und sagt: Leistung, Wettbewerb, Klassenkampf. Die antiherrschaftliche sagt: Freiheit, Chance, Gerechtigkeit. Die antiherrschaftliche ist deswegen schwach, weil sie nicht revolutionär, sondern sozialdemokratisch ist: Allen soll es besser gehen, aber denen, denen es gut geht, soll es nicht schlechter gehen. Das funktioniert in der Schul- sowenig wie in der übrigen Politik, und weil niemand das gegenwärtige, auf Auslese und Klassenprivileg beruhende System mit dem Gymnasium in der Mitte anzurühren wagt, wuchert neben den Gymnasien ein reformatorisches Dickicht aus Ober- und Werkreal- und Sekundar- und Stadtteil- und neuerdings Basisschulen, wo der Reformeifer sich austoben darf, um sich noch den Vorwurf gefallen lassen zu müssen, dass man der Schule nicht zumuten solle, die Defizite der Gesellschaft auszugleichen. Das Schlimme ist, dass an dem Vorwurf was dran ist: Die Verhältnisse formulieren das Oben/Unten immer strenger, sie produzieren mit strenger Notwendigkeit Verlierer, und da muss die Forderung nach einem Schulsystem, das ein Oben/Unten nicht mehr kennt, akademisch, vielleicht sogar sinnlos bleiben. Deutschland ist eine Zwei-Klassen-Gesellschaft, also wird sich ein zweiklassiges Schulsystem etablieren. Wer das Zweite nicht will, muss das Erste ändern. Der umgekehrte Weg ist, wie gesagt, Sozialdemokratie. Und also, Basisschule hin oder her, Augenwischerei.

Nimmt die Dummheit überhand, ist’s nicht Feigheit, sondern Einsicht

Ich hab ja noch mit Arbeiter- und Bauernkindern gespielt, ich bin sogar mit ihnen zur Schule gegangen, und wenn ich nach der Schule stundenlang Computer gespielt habe, die Chipstüte in Reichweite, war das in unserem Bürgerhaushalt auch okay. Tempi passati, wenn man der “„FAS“(Link)”:http://www.faz.net/s/Rub64992C04CF2F4A2E8399BD4B893B56FE/Doc~E1C047DA147934A0AB9F21A6EF38BE908~ATpl~Ecommon~Scontent.html glauben darf, die von Großstadtmüttern berichtet, die ihren Nachwuchs neuerdings „sozial homogenisieren“: „Schließlich wolle sie, die ihren Kindern nachmittags einen Obstteller zubereitet und zu sinnvoller Beschäftigung anregt, nicht, dass sie anderswo die ganze Zeit fernsehen und Chips essen.“ Sinnvolle Beschäftigung, Obstteller: Das Alter fürchtet sich ja immer ein bisschen vor der Jugend; vor diesen perfekten, giftfreien Geschöpfen, die den Schmutz der Straße nicht mehr kennenlernen, darf es das aber auch. Und vor ihren „engagierten Eltern“ (“„Focus Schule“(Link)”:http://www.focus.de/schule/heft/inhalt/aktuelle-ausgabe_aid_28772.html) sowieso. In Abwandlung eines bekannten Trauerspruchs: Nimmt die Dummheit überhand, ist’s nicht Feigheit, sondern Einsicht. Sie sollen machen, was sie wollen; in Zukunft aber bitte ohne mich.

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