Die FDP ist der Wandzeitungsagitator des Kapitalismus. Nils Pickert

Masse und Macht

Wer sich über das grausliche deutsche Fernsehen beschwert, ist zwar völlig im Recht; aber das ist der, der sich über das Wetter beschwert, ja auch.

Die Welt ist schlecht, das Fernsehen ist schlechter, und eine Lieblingsbeschäftigung der deutschen Intellektuellen ist, seit DVDs die bessere angelsächsische Fernsehwelt ins Wohnzimmer lassen, die Klage über das unzumutbare deutsche Fernsehprogramm. Die Argumentationsfigur ist immer dieselbe: Die Öffentlich-Rechtlichen ließen sich von den Privaten schon gar nicht mehr unterscheiden, und es gehe nicht an, dass für viele Milliarden Fernsehgebühren bloß immer nur geschnulzt werde, anstatt auch mal Anspruchsvolles wie „Mad Men“ zu zeigen. (Für Nichtfeuilletonleser: „Mad Men“ ist eine amerikanische Serie um New Yorker Werbemenschen der Sechzigerjahre, die u.a. deswegen erfunden worden ist, damit deutsche Feuilletonisten was zum Bescheidwissen haben.) Der Feuilletonchef der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ Claudius Seidl hat sich nun in einer Glosse auf die vakante Stelle des ZDF-Intendanten beworben, halb im Scherz, halb im Ernst: „Ich habe früher fast täglich ferngesehen, gerne auch mal das ZDF; heute schaue ich gar nicht mehr fern, und beides, glaube ich, macht mich zum idealen Repräsentanten des Publikums.“

Die übliche Leier

Seidls Agenda ist die übliche; in der Zusammenfassung der „Süddeutschen Zeitung“: „Es soll im Öffentlich-Rechtlichen nichts mehr laufen, was es auch auf den Privatsendern gibt – die dafür keine Gebühren brauchen: die Champions League, Zweiteiler mit Veronica Ferres oder Christine Neubauer, die Nachmittagssoaps, die Kochshows, die Arztserien, Rosamunde Pilcher, Inga Lindström – ,und natürlich die Guido-Knopp-Dokumentationen, obwohl es so etwas nirgendwo sonst gibt. Zum Glück.‘ Wenn es nach Seidl ginge, gäbe es stattdessen“, klar, „zum Beispiel die amerikanische Kult-Serie ,Mad Men‘ im Hauptprogramm.“ Der „Spiegel“-Kolumnist G. Diez, selber freilich „Mad Men“-Fan, ging sogar noch weiter und forderte eine Art Fernsehfrühling à l’arabe: „ARD und ZDF schaden der Freiheit, weil sie Entscheidungen im Gremiengeschachere verschleiern, weil sie das Prinzip der Wahl lächerlich machen, weil sie ein Regime der Angst und der Abhängigkeit hervorgebracht haben, so machtvoll, dass selbst erfolgreiche Schauspieler und Regisseure sich weigern, das Schweigegelübde zu brechen, sich kritisch übers Programm, über die Strukturen, über die Redakteure zu äußern.“

Das alles ist richtig; und auch wieder nicht.

Robert Gernhardt hat mal gesagt, einen niveauvollen Humor zu fordern, sei so etwas wie der Wunsch nach einem niveauvollen Orgasmus. Beim Fernsehen liegen die Verhältnisse ähnlich. Mindestens abstrahiert der Ruf nach einem Fernsehen mit Anspruch von dessen Funktion; denn Fernsehen ist ja keine Kunstform, wie die Edelfedern zu meinen scheinen, die von bornierten Undemokraten vor die Wand gefahren wird. Fernsehen in der gegenwärtigen Gesellschaft ist ein Massenmedium und als solches ein Herrschaftsinstrument. Die tägliche Fernsehdosis ist ein Sedativum, das den Laden zusammenhält, und die Supermarktkassiererin möchte ich sehen, die sich nach acht Stunden Maloche von Seidl die Fernbedienung aus der Hand nehmen lässt, damit sie sich statt dem „Bergdoktor“ amerikanisches Intellektuellen-TV ansehen kann, das seinen Ursprung im Sparten- und Bezahlfernsehen hat. Kunst, wenn sie gut ist, beunruhigt, irritiert, stellt Fragen; Fernsehen bestätigt, beruhigt, schläfert ein. Dafür ist es da.

Krawall, Kitsch und Volksverdummung

Das deutsche öffentlich-rechtliche Fernsehen ist Massenfernsehen, und die Masse kriegt, was zu verlangen man ihr beigebracht hat. Der Hinweis aufs Privatfernsehen, das den Massengeschmack doch so zuverlässig bediene und dem man also den Trash überlassen möge, ist elitär und führt das ewige Gebührenargument ad absurdum: Warum sollen die Proleten Fernsehgebühren für etwas zahlen, das sie gar nicht sehen? Bloß damit Seidl und Diez ihre DVD-Spieler verschrotten und sich dafür feiern können, ARD und ZDF zu Nischensendern für den höheren Anspruch gemacht zu haben? Das Privatfernsehen ist ja überhaupt bloß eingeführt worden, um diesen Anspruch auszuhebeln und der Nivellierung preiszugeben, und auf den zweiten Blick kann man es den öffentlich-rechtlichen Redaktionen nicht verdenken, dass sie wenig Lust haben, ihre Selbstabschaffung zu betreiben.

Deutsches Fernsehen, das ist wahr, ist zu 97 Prozent Staatsfunk, Krawall, Kitsch und Volksverdummung, seine Protagonisten sind Gauner und Hampelmänner. Es folgt aber selbst da, wo wir nicht unterstellen müssen, seine Angestellten wüssten oder könnten es gar nicht besser, bloß der Logik der Verhältnisse und einem politischen Kalkül, das restlos aufgegangen ist. Die Überlegenheit der angelsächsischen Welt in Sachen Popkultur lässt sich durch Appelle sowieso nicht erreichen, und wenn ein Spartenkanal wie ZDFneo „Mad Men“ oder die US-Sitcom „30 Rock“ tatsächlich zeigt, dann in deutscher Übersetzung – und darauf kann dann wiederum ich sehr gut verzichten.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Stefan Gärtner: Zum ewigen Kriege

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