Zum ewigen Kriege

von Stefan Gärtner8.11.2013Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik

Ideell ist Deutschland am Ende. Selbst eine römische Galeere wollte noch irgendwohin, die hiesige rudert im Kreis.

Es sei schon unheimlich, bemerkt meine Frau sehr nachdenklich beim Abendbrot, wie viele in ihrem Umfeld, alle Anfang 30 und gut ausgebildet, in Lebensumständen unterwegs seien, die, als wie auch immer prekäre, nach wie vor studentischen ähnelten, Ausnahme: Freundin M., aber die werde seit Jahren an einem Großklinikum als Jungärztin verheizt.

Das ist dann natürlich mein Einsatz als Gesellschaftskritiker, der gern darauf aufmerksam macht, dass es in diesem unseren Gemeinwesen ja längst nicht mehr um das größtmögliche Glück der möglichst großen Zahl oder um die freie Entwicklung eines jeden als Grundlage der freien Entwicklung aller geht, sondern ganz offiziell („marktkonforme Demokratie“) um die möglichst rigorose Vernutzung des Humankapitals. Ob eine Klinikärztin nach der dritten Doppelschicht nicht mehr weiß, wie sie heißt, oder in Papenburg ein rumänischer Leiharbeiter, der für drei Euro die Stunde in einer Großwerft malocht hat, in seiner Baracke an Rauchgas erstickt, ist da schon strukturell nicht von Belang.

Lassen wir die mit Muttermilch und Zeitungsabo eingesogene Liebe zur freiheitlichen demokratischen Grundordnung einmal beiseite und schauen, was in diesem Land selbst bei wohlwollender Betrachtung als Skandal gelten darf.

Zweiklassenmedizin, ausgebeutete Klinik- und Pflegeheimbesatzungen unterm Diktat von Profitüberlegungen, unnötige Operationen, die nur ausgeführt werden, weil das Krankenhaus daran verdient: Skandal. Zeitverträge, Leiharbeit, Lebensplanung im maximal Zweijahresrhythmus: Skandal. Kriminalisierung Arbeitsloser via Hartz IV, Schikanen auf den Ämtern und durch die Ämter, Menschen, die in demütigenden Umschulungsmaßnahmen geparkt werden, damit die Statistiken stimmen: Skandal. Bankrotte Kommunen bei historisch niedrigen Unternehmenssteuern: Skandal. Wohnungsbau ausschließlich für Begüterte, Großstadtmieten, die längst auch Mittelklassefamilien an ihre Grenzen bringen: Skandal. Das ungerechteste Schulsystem Europas, 20 Prozent funktionale Analphabeten bei den 15-Jährigen, die Abschaffung der Universität als Ort freier Geistesbildung: Skandal.

Düstere Zukunft

Dass es nicht die Spur eines positiven Gesellschaftsentwurfs mehr gibt, sofern man das honigkuchenhaft propagandistische Gekasper des Bundespräsidenten nicht damit verwechselt, mögen Romantiker als Meta-Skandal werten und ist Folge und Bedingung dieser anomischen Verhältnisse, unter denen ein tribalistischer Schwachsinn wie die Rückkehr zu vor Jahrzehnten abgeschafften Kfz-Dorfkennzeichen die Art und Höhe dessen markiert, was da noch „Fortschritt“ heißt und aber nichts als sein landlustiges Gegenteil ist.

Selbst Gaucks dumpfliberale „Freiheit“, als negative, die vor dem Zugriff des Staates (Stasi) schützt, hängt in Fetzen, seit die Ahnung, deutsche Geheimdienste bedienten sich bei amerikanischen und britischen Internet-Voyeuren, zur Gewissheit geworden ist, und vor dem monströsen Neubau der BND-Zentrale in Berlin wird die Formel des Verfassungsgerichts, niemand dürfe zum bloßen Objekt staatlichen Handelns werden, schon eher zum Epitaph.

Ideell ist diese Ordnung am Ende. Was sie ihren Insassen zu bieten hat, sind Blut, Schweiß und Tränen in einem Krieg, der niemals endet und in dem es für die allermeisten nur mehr ums Überleben geht. Selbst eine römische Galeere wollte noch irgendwohin, die hiesige rudert im Kreis.

Per aspera ad astra? Per aspera ad aspera. (Bevor wir mit unserem Latein dann wirklich am Ende sind.)

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