Worte kann man löschen, aber die Fakten bleiben bestehen. Ai Weiwei

Wie? So.

Wo die Antworten feststehen, müssen die Fragen dumm sein: Über die permanente Gängelung durch die freie Servicepresse.

Dass, wer nicht frage, dumm bleibe, war eine beliebte, überdies plausible Maxime meiner Kindheit. Auch das hat sich geändert.
 
„Wie flexibel muss ich sein?“ fragt in der Bahnhofsbuchhandlung „Zeit Campus“. Und dann: „Praktikum, Erasmus, Uni-Wechsel – ständig soll man umziehen. Wann es Zeit wird zu sagen: Ich bleib jetzt hier!“ Die anbiedernd-pseudokritische, per „ich“ und „wir“ autoritär vereinnahmende Schlagzeilenfrage wurde von der ekelhaften, als Avantgarde der Postdemokratie reüssierenden Abiturientenzeitschrift „Neon“ zwar nicht erfunden, aber zur retardierten Perfektion getrieben („Fordern deine Eltern zu viel?“ / „Passen wir zusammen?“ / „Wann will ich ein Kind?“). Sie ist das, was Zeitschriftenjournalismus, der ja nichts anderes als Servicejournalismus mehr sein will, heute kennzeichnet. Dass der keine Fragen mehr stellt, wäre also nicht das Problem, sondern, dass er Pseudofragen stellt, auf die es nur falsche, bestenfalls dumme Antworten geben kann.
 
Wie flexibel ein junger Mensch sein müsse, ist als Frage bereits die (dumme, falsche) Antwort, weil sie die eigentliche Frage, warum und ob er das überhaupt sein muss und wer aus welchem Grund und zu wessen Nutzen bestimmt, er müsse es sein, so gleißend überblendet, dass man vergessen mag, sie je im Blick gehabt zu haben.
 
h6. Antworten auf nie gestellte Fragen
 
Widerstand wird, wo er sich seiner Gründe nicht bewusst werden soll, systemkonform zur Frage des Zeitmanagements („Wann es Zeit wird zu sagen: Ich bleib jetzt hier!“). Überhaupt fällt auf, dass „Warum?“ – die Frage, mit der nicht nur nach Meinung der „Sesamstraße“ meiner Kindheit alle Kritik beginnt – nur mehr in pervertierter Form, nämlich als Unterstellung vorkommt: „Warum uns der Schlaganfall Wolfgang Niedeckens so nahe geht“ („Stern“) – tut er freilich gar nicht, aber die Behauptung wird geschluckt, wo „warum“, ohne Fragezeichen, wiederum sein Gegenteil meint: darum.
 
bq. „Der Kapitalismus […] geht im Zweifelsfall nicht an seiner Bosheit, sondern an der Dummheit zugrunde, die er produziert. Das Gut, das seine Medien an sich zu ziehen geschaffen sind, ist Aufmerksamkeit, das Material aber, aus dem es entsteht, ist Unmündigkeit“ (Metz/Seeßlen: Blödmaschinen. Die Fabrikation der Stupidität).
 
Journalismus, wie er ist, zielt auf Einverständnis, und indem er dem Publikum die Fragen unterschiebt, die es für seine ureigenen halten soll, oder Antworten gibt auf solche, die nie gestellt worden sind, sorgt er dafür, dass die Fähigkeit, Fragen überhaupt noch zu formulieren, verloren geht.
 
Auch das ist freilich Absicht. „Das Zauberwort für alles dieses ist ‚Disziplinierung‘ und die Entwicklung in die Moderne ­hinein ist nicht zuletzt die Technifizierung und Medialisierung des Disziplinierens“ (ebd.). Wenn also, beim Nannen-Preis oder sonst einer Selbstfeier, sich unser Qualitätsjournalismus mal wieder das Eigenwerbeprädikat von der „vierten Gewalt“ anheftet, dann weiß er gar nicht, wie recht er damit hat.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Stefan Gärtner: Zum ewigen Kriege

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Dieser Beitrag ist in der Printausgabe 2/2013 des The European enthalten.

Darin finden Sie u.a.: Vollendung, warum uns der Kampf um das Menschenbild alle angeht. Lesen Sie, wie der Mensch von Morgen aussehen könnte und warum es Gründe gibt, sich vor ihm zu fürchten. Außerdem: Wie eine Welt ohne Fußball aussehen könnte, was die Welt über die deutsche Energiewende denkt und ob der Atheismus das Zeug hat, die neue Weltreligion zu werden.

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