Wie? So.

von Stefan Gärtner30.05.2013Medien

Wo die Antworten feststehen, müssen die Fragen dumm sein: Über die permanente Gängelung durch die freie Servicepresse.

Dass, wer nicht frage, dumm bleibe, war eine beliebte, überdies plausible Maxime meiner Kindheit. Auch das hat sich geändert.
 
„Wie flexibel muss ich sein?“ fragt in der Bahnhofsbuchhandlung „Zeit Campus“. Und dann: „Praktikum, Erasmus, Uni-Wechsel – ständig soll man umziehen. Wann es Zeit wird zu sagen: Ich bleib jetzt hier!“ Die anbiedernd-pseudokritische, per „ich“ und „wir“ autoritär vereinnahmende Schlagzeilenfrage wurde von der ekelhaften, als Avantgarde der Postdemokratie reüssierenden Abiturientenzeitschrift „Neon“ zwar nicht erfunden, aber zur retardierten Perfektion getrieben („Fordern deine Eltern zu viel?“ / „Passen wir zusammen?“ / „Wann will ich ein Kind?“). Sie ist das, was Zeitschriftenjournalismus, der ja nichts anderes als Servicejournalismus mehr sein will, heute kennzeichnet. Dass der keine Fragen mehr stellt, wäre also nicht das Problem, sondern, dass er Pseudofragen stellt, auf die es nur falsche, bestenfalls dumme Antworten geben kann.
 
Wie flexibel ein junger Mensch sein müsse, ist als Frage bereits die (dumme, falsche) Antwort, weil sie die eigentliche Frage, warum und ob er das überhaupt sein muss und wer aus welchem Grund und zu wessen Nutzen bestimmt, er müsse es sein, so gleißend überblendet, dass man vergessen mag, sie je im Blick gehabt zu haben.
 

Antworten auf nie gestellte Fragen

 
Widerstand wird, wo er sich seiner Gründe nicht bewusst werden soll, systemkonform zur Frage des Zeitmanagements („Wann es Zeit wird zu sagen: Ich bleib jetzt hier!“). Überhaupt fällt auf, dass „Warum?“ – die Frage, mit der nicht nur nach Meinung der „Sesamstraße“ meiner Kindheit alle Kritik beginnt – nur mehr in pervertierter Form, nämlich als Unterstellung vorkommt: „Warum uns der Schlaganfall Wolfgang Niedeckens so nahe geht“ („Stern“) – tut er freilich gar nicht, aber die Behauptung wird geschluckt, wo „warum“, ohne Fragezeichen, wiederum sein Gegenteil meint: darum.
 
bq. „Der Kapitalismus […] geht im Zweifelsfall nicht an seiner Bosheit, sondern an der Dummheit zugrunde, die er produziert. Das Gut, das seine Medien an sich zu ziehen geschaffen sind, ist Aufmerksamkeit, das Material aber, aus dem es entsteht, ist Unmündigkeit“ (Metz/Seeßlen: Blödmaschinen. Die Fabrikation der Stupidität).
 
Journalismus, wie er ist, zielt auf Einverständnis, und indem er dem Publikum die Fragen unterschiebt, die es für seine ureigenen halten soll, oder Antworten gibt auf solche, die nie gestellt worden sind, sorgt er dafür, dass die Fähigkeit, Fragen überhaupt noch zu formulieren, verloren geht.
 
Auch das ist freilich Absicht. „Das Zauberwort für alles dieses ist ‚Disziplinierung‘ und die Entwicklung in die Moderne ­hinein ist nicht zuletzt die Technifizierung und Medialisierung des Disziplinierens“ (ebd.). Wenn also, beim Nannen-Preis oder sonst einer Selbstfeier, sich unser Qualitätsjournalismus mal wieder das Eigenwerbeprädikat von der „vierten Gewalt“ anheftet, dann weiß er gar nicht, wie recht er damit hat.

KOMMENTARE

MEIST KOMMENTIERT

Statt Zuwanderungsromantik lieber richtige Politik

Für viele Beschäftigte sind Kontrollverlust durch Kontrollverzicht und Staatsversagen in der Ausländerpolitik tägliche Lebensrealität. Deshalb sind viele Kolleginnen und Kollegen stinksauer über diese Art von Politik. Und wählen gar nicht mehr oder eben anders. Beides ist ihr gutes Recht.

Wie ein Präsident Selensky relativ erfolgreich sein könnte

Ein Großteil der intellektuellen Elite, politischen Chatcommunity, weltweiten Diaspora und ausländischen Freunde der Ukraine ist entsetzt über den Ausgang der ukrainischen Präsidentschaftswahlen. Der Schauspieler, Komiker und Geschäftsmann Wolodymyr Selensky wird, nachdem er im ersten Wahlgang

August von Hayek: „Der Weg zur Knechtschaft“

Von 1940 – 1943, als der Kampf gegen das Deutschland der Nationalsozialisten noch nicht entschieden war, schrieb August von Hayek im englischen Exil, in das er vor den Nationalsozialisten geflüchtet war, „Der Weg zur Knechtschaft“. Es erschien 1944 in England, dem Land, das Europa innerhalb v

Die Migrations-Politik der EU ist gescheitert

Vortrag von Herr Köppel bei der EKR (Fraktion der Europäischen Konservativen und Reformer) im Europaparlament in Brüssel am 17.06.2019, als Beitrag zur Diskussionsrunde „Die EU nach den Wahlen - weniger Europa“. Herr Köppel erläutert, warum die Schweiz mit der EU bestens zusammenarbeiten wi

Teilen und Herrschen: Frankreich will immer im EU-Poker mitsspielen

Um die Schwierigkeiten zu verstehen, die die Besetzung der sogenannten Topjobs (Kommissions-, EZB- und Parlamentspräsident, sowie den Hohen Vertreter der EU für Außen- und Sicherheitspolitik) in der EU mit sich bringen, lohnt es sich die Mitglieder der EU einzeln nach Gewichtung, Interessen und m

Wie ein schwacher Staat unsere Sicherheit aufs Spiel setzt

Die Bibliothek des Konservatismus Berlin ist eines der kleinen gallischen Dörfer in der rot-dunkelrot-grünen Hauptstadt des besten Deutschlands, das wir je hatten, von denen Widerstand gegen den Zerfall unseres Landes ausgeht. Am 3. Juli war in der Bibliothek jeder der über dreihundert unbequeme

Mobile Sliding Menu