Am Ende ohne Ende

von Stefan Gärtner22.02.2013Gesellschaft & Kultur, Medien

Wenn überall steht, dass Amazon überall sei, ist Kritik zwar sinnlos, aber nötig. Ein letztes Wort in eigener, immer selber Sache.

Presseseitige Politikanalyse ist langsam. Sie hat es zwar zumeist mit Sachverhalten zu tun, die sich schnellem Begreifen nicht unbedingt widersetzen, die aber der Zeit- und Konjunkturstimmung gemäß adaptiert und ventiliert werden müssen. So geht es um die vielleicht auch mal unschönen Auswirkungen von Reformen, deren Sinn und Richtung nie einem Zweifel unterliegen konnten, immer erst dann, “wenn ein Einzelfall Spektakel genug ist()”:http://www.theeuropean.de/stefan-gaertner/9164-populismus-in-der-spd, dass die Erinnerung daran, dass vor nicht allzu langer Zeit das Wort Reform ohne das Attribut „notwendig“ nicht zu denken war, als verblasst gelten kann:

bq. „Politik ist langsam. Sie hat es zumeist mit Institutionen zu tun, die sich schnellen Veränderungen widersetzen. So sind die Auswirkungen von Reformen häufig erst Jahre nach dem Ende des Gesetzgebungsverfahrens zu spüren. Was Politik beschließt, sind erst einmal nur Worte auf dem Papier, das sich Bundesgesetzblatt nennt. In der Aktuellen Stunde im Deutschen Bundestag ging es heute Nachmittag um die Folgen früherer Reformen. Die ARD-Fernsehdokumentation ,Ausgeliefert‘ über den Onlinehändler Amazon hatte die Lebens- und Arbeitssituation von Leiharbeitern dokumentiert. Sie zeigte, was es heißt, wenn Menschen nur noch als Funktion betriebswirtschaftlicher Überlegungen betrachtet werden.“ („FAZ“)

Die Sache ist also systemisch

Was es, zumal im Versandgewerbe, heißt, wenn Menschen nur noch als Funktion betriebswirtschaftlicher Überlegungen betrachtet werden, hatte die ARD allerdings bereits im Dezember 2011 in einem Undercover-Film über Paketzusteller gezeigt – 1200 brutto, 55-Stunden-Woche, Überstunden unbezahlt, als Scheinselbstständige praktisch rechtlos –, dito RTL feat. “G. Wallraff in einer Reportage über den Branchenriesen GLS()”:http://www.theeuropean.de/stefan-gaertner/11247-wallraffs-gls-reportage ein halbes Jahr später, und die Einschätzung des zuständigen Kolumnisten bei The European ist also auch schon wieder neun Monate alt:

bq. „Ein Schelm, wer annimmt, GLS werde und könne das locker aussitzen, weil die Hartz-Gesetze nämlich für genau die verzweifelten Massen sorgen, die sogar solche Jobs noch freudig annehmen, und höchst instruktiv, dass direkt über der Fernsehkritik von Wallraffs neustem Streich bei ,Spiegel Online‘ freudig von ,Boom‘ und ,Jobwunder‘ die Rede war: es ist dieser Art, das Wunder.“

Über die Menschen, die Hartz IV derart ins Bockshorn gejagt hat, dass sie dankbar sind, nachts Büros putzen zu dürfen, hatte dann “das ZDF in einem Beitrag fürs „heute journal“ im November 2012()”:http://www.theeuropean.de/stefan-gaertner/5562-heile-welt-im-zdf berichtet, wenn auch unter Einbeziehung der üblichen „Experten“, die dem neoliberalen Axiom, dass schlechtbezahlte Arbeit besser sei als gar keine Arbeit, noch am üblen Beispiel zur Verbreitung verhalfen. Und jetzt also, unter leichter Verkürzung des scheint’s gängigen Halbjahresrhythmus, Amazon bzw., was die Sache leichter verdaulich macht, eine von Amazon beauftragte Sicherheitsfirma, die unter „Rückkehr des Manchesterkapitalismus“ genau das verstanden hat, was die Agenda 2010 meint, die nach wiederholter Aussage der Bundeskanzlerin bekanntlich „richtig“ ist. (Ihr Herausforderer bei der Bundestagswahl denkt übrigens genauso.)

Die Sache ist also, wie man so sagt, systemisch. Und eigentlich immer dieselbe. Ob ausgebeutete Postler, schikanierte Leiharbeiterinnen oder Nachtschicht zum Niedriglohn: immer dieselbe Sache. Dieselbe übrigens, die für Pferdefleischlasagne sorgt.

Dass es im Dunkeln besonders leuchtet, liegt in der Natur der Sache

Vielleicht ist es wirklich so, wie der legendäre Linksautor Wolfgang Pohrt in seinem resignativen Alterswerk zu betonen nicht müde wird, dass der Kapitalismus (von dem zu reden, weil es ja keine Alternative gebe, allerdings ganz sinnlos sei) so vollständig und (im engen Sinne) naturgewaltig gesiegt hat, dass Kritik zum Schattenboxen, zur Simulation, geradezu verächtlich wird, zumal als Lebensunterhaltsaufgabe. Vielleicht dagegen spricht, dass es gegen’s Humane selbst geht, sich nach dem alten Wort Adornos von der Macht der anderen und der eigenen Ohnmacht dumm machen zu lassen und dass der Systemkritiker, so systemisch er seinerseits sein mag, so lange nicht verächtlich ist, wie sich hier und da noch jemand freut, wenn ihm (oder ihr) ein Licht aufgeht. Dass es im Dunkeln besonders schön leuchtet, liegt in der Natur der Sache.

Diese Kolumne endet hier, wechselt aber nur den Ort: Ab nächster Woche erscheint sie jeden Sonntag auf “titanic-magazin.de()”:http://www.titanic-magazin.de. Wer seine Aufmerksamkeit nicht mitnehmen kann oder will, dem sei für selbige gedankt.

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